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03:45 Freitag 25. Juli 2008

Auge und Brille

Über die Wirkungen von Brillengläsern

Im ersten Teil hörten wir davon, dass Kurzsichtigkeit mit Minus- und Weitsichtigkeit mit Plus-Brillengläsern ausgeglichen werden kann und im zweiten Teil von der Unterstützung durch eine Lese- oder Mehrstärkenbrille bei Alterssichtigkeit. Aber wie entsteht eigentlich die Stärke, die Wirkung eines Brillenglases?

Jetzt lachen Sie nicht. Sie haben bestimmt schon einmal ein Brillenglas geputzt, so richtig mit handwarmen Wasser und einem Tropfen Spülmittel zwischen Daumen und Zeigefinger. Dabei spürten Sie vielleicht, dass die Flächen des Brillenglases gekrümmt und auch unterschiedlich dick sind: In der Mitte dünn und zum Rand hin dicker, das ist das Minus-Glas und das Plus-Glas ist in der Mitte dick und wird zum Rand dünner. Ferner hat die Vorderfläche eine andere Krümmung als die Rückfläche.

Damit haben wir schon zwei Kriterien für die Entstehung der Stärke eines Brillenglases gefunden: Verschiedene Krümmungen der beiden Glasflächen und unterschiedliche Lage der beiden Flächen zueinander. Je stärker gekrümmt und je abweichender die Flächen sind, desto stärker ist die Wirkung des Brillenglases. In der modernen Augenoptik wird beim Glashersteller das Wissen über ideal geformte Glasflächen eingesetzt, um Brillengläser ästhetisch schön und optimal abbildend zu fertigen. So entsteht bei stärkeren Brillengläsern mit asphärisch oder atorisch geschliffenen Flächen ein scharfer Brennpunkt, eine punktuelle Abbildung.
Physikalisch betrachtet: Das Licht wird auf dem Weg ins Auge an den Glasflächen abgelenkt und in eine andere Richtung gebracht, und es wird durch das Material des Brillenglases gebrochen. Damit sind wir beim zweiten wichtigen Faktor, dem Brechungsindex einer optischen Linse. Je höher die Brechzahl ist, desto stärker wird das Licht gebrochen und abgelenkt, aber desto langsamer bewegt sich das Licht durch das Medium. Der geringste Wert mit 1,0 steht für den absolut leeren Raum, also für das Vakuum. Reines Wasser hat z.B. bei 20°C eine Brechzahl von 1,33 und den höchsten Index besitzt ein Diamant mit 2,417. Der Brechungsindex ist also eine Verhältniszahl für die Lichtgeschwindigkeit im durchsichtigen Medium gegenüber dem Vakuum.
Brillengläser können allgemein gefertigt werden mit einen Brechungsindex zwischen 1,52 und etwa 1,8. Demnach ist ein Brillenglas mit z.B. –6,0 Dioptrie und einem Brechungsindex von 1,8 wesentlich dünner als ein gleich starkes mit gleichen Krümmungsflächen und einem Brechungsindex von nur 1,52. Sie haben das richtig erkannt, wenn die idealen Krümmungen der Brillenglasflächen mit einem höheren Brechungsindex kombiniert werden, lassen sich auch bei höheren Brillenstärken im Plus- oder Minusbereich elegant dünnere Gläser mit dennoch bester Abbildung fertigen. Das gilt für herkömmliche Mineralgläser genauso wie für die heute mehr gebräuchlichen leichteren Brillengläser aus Kunststoff.

Und wie ist das bei Mehrstärken- oder Multifokal-Brillengläsern? Benjamin Franklin, Mitinitiator der Unabhängigkeitserklärung der USA im Jahre 1776, hatte eine Brille für die Weite und eine für die Nähe, „ ... zwischen denen ich je nach Gelegenheit wechselte. Dieses Vorgehen fand ich doch recht mühsam und hatte oft auch nicht beide Brillen zur Hand, so dass ich die Gläser horizontal entzwei schnitt und die eine Hälfte mit der anderen in einer Fassung vereinte. Auf diese Art kann ich die Brille ständig tragen, ich muss nur die Augen nach oben oder unten bewegen, wenn ich deutlich in der Ferne oder Nähe sehen will, die richtige Brille ist stets dabei.“

So präsentierte Benjamin Franklin 1785 die erste „Zweibrennpunkt“ oder Bifokalbrille. Im Jahre 1826 machte der Mechaniker John Isaac Hawkins den Vorschlag für die Konstruktion einer Trifokalbrille, indem er zwischen die beiden Hälften für Ferne und Nähe ein weiteres Teil für die Zwischenentfernung einfügte. Später wurden die Glasteile nicht mehr zusammen gesetzt, sondern in ein Glas für die Weite wurde unten ein Teil mit stärkeren Krümmungsflächen für die Nähe eingeschliffen. Als man lernte verschiedene Glassorten mit unterschiedlichen Brechungsindizes herzustellen, schmolz man unten in das Grundglas mit der geringeren Brechzahl 1,52 eine kleine Linse mit höherer Brechzahl 1,61 ein: Das moderne Bifokalglas war geboren.
Mit dem Aufkommen computerunterstützter Berechnungen und Schleiftechniken für Glasflächen erreichten in den 1960er Jahren die ersten stufenlosen oder auch Multifokal-Gläser die Marktreife. Die weiterentwickelten Nachfolger davon sind heute die Brillengläser der ersten Wahl bei Alterssichtigkeit. Nicht, weil keine Trennungslinie zwischen Fern- und Nahteil mehr sichtbar oder fühlbar sein soll, sondern weil durch den stufenlosen Übergang ein störungsfreies Sehen auf allen Entfernungen wieder Wirklichkeit wird.

Alwin Kaufmann , Augenoptikermeister – Optometrist
Heiko by Heiko
Avda. Andalucia 11 , 2970 Torre del Mar
Tel. 952 967 923 , Heiko-by-Heiko.com

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