das aktuelle spanienmagazin für die Costa del Sol und Costa de la Luz, Spanien
Startseite
Kontaktieren Sie unsFavoriten hinzufügen

Deutsche Botschaft und Konsulate in Spanien


06:38 Dienstag 6. Januar 2009

Geburtsstätte eines Mythos:

Auf den Spuren Don Juans im sevillanischen Barrio Santa Cruz Von Marina Aliesch (Text & Fotos)

Die Stadt Sevilla ist wie kaum eine andere in der Weltliteratur verewigt worden. Figaro, die Hauptfigur aus Der Barbier von Sevilla von Pierre de Beaumarchais, die vollbluts Zigeunerin Carmen aus der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée und der weltberühmte Don Juan, der Verführer von Sevilla, sind die Werke, die maßgebend zum literarischen Ruhm Sevillas beigetragen haben und im 19. Jahrhundert in ganz Europa eine regelrechte Spanieneuphorie ausgelöst haben.

Entstehung des Don Juan Stoffes
Die Entdeckung Amerikas führte nicht nur zu wirtschaftlichem Aufschwung in Spanien, sondern sie lieferte auch wichtige Impulse für die Literatur. Im so genannten Siglo de Oro, welches die Epochen der Renaissance und des Barocks  im 16. und 17. Jahrhundert umfasst, erlebte die Literatur Spaniens eine Blütezeit ohne Gleichen. Cervantes’ Don Quijote, der Meilenstein der spanischen Literatur, der dieses Jahr seinen 400. Geburtstag feiert (das aktuelle spanienmagazin berichtete im März), ist ebenso in dieser Zeit entstanden, wie die erste literarische Umsetzung des Don Juan Stoffes. 

Obwohl die Urheberschaft des Textes nicht hundertprozentig geklärt ist, so wird doch angenommen, dass es der geistliche Gabriel Tellez war, welcher unter dem Pseudonym Tirso de Molina in die Literaturgeschichte eingegangen ist, der der Figur Don Juan mit seinem Theaterstück El Burlador de Sevilla y convidado de piedra (Der Spötter aus Sevilla und der steinerne Gast) erstmals Leben einhauchte. Er bezog sich dabei auf eine Sage aus dem 14. Jahrhundert über einen Wüstling, der die Tochter eines Komturs, also eines adligen Würdenträgers, entführt und jenen im Zweikampf erstochen haben soll.
Tirso de Molinas Don Juan ist zwar adliger Herkunft, der standesgemäßen  Ehrenhaftigkeit hat er jedoch abgeschworen. So ist er kein edler Ritter sondern vielmehr ein rücksichtsloser Schürzenjäger, der, wie er selbst gerne prahlt, den größten Gefallen daran findet, Frauen zu verführen und sie ihrer Ehre zu berauben: „el mayor gusto que en mí puede haber es burlar una mujer y dejarla sin honor.“
Zu Beginn des Stücks vergeht sich Don Juan an einer jungen Herzogin am Hof von Neapel, worauf er Neapel fluchtartig in Richtung Spanien verlassen muss. Den Weg nach Sevilla, seiner Heimatstadt, nutzt der schamlose Verführer, um die Unschuld der hübschen und bis dahin keuschen Fischerin Thisbea zu rauben. Kurz nach seiner Ankunft in der Stadt tötet der Übeltäter den Komtur Don Gonzales, der seiner Tochter Doña Inés zu Hilfe geeilt war als diese von Don Juan bedrängt wurde. Als der Spötter Jahre später wieder nach Sevilla kommt, entdeckt er in einer Kirche ein Standbild des Ermordeten. Aber selbst den Toten zollt Don Juan keinen Respekt, voller Hohn und Spott reißt er die Steinfigur am Bart und lädt sie zum Nachtmahl ein. Doch da geschieht das Unmögliche: Die Statue erwacht zum Leben und begibt sich zu besagtem Nachtmahl. Daraufhin lädt der steinerne Gonzales Don Juan seinerseits zum Gastmahl in seine Gruft ein. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken erscheint Don Juan zum Abendmahl in der Grabkammer, wo ihm Schlangen und Skorpione serviert werden. Bevor Don Juan gehen will, reicht ihm der tote Gonzales die Hand, welche sich plötzlich in eine lodernde Feuerklaue verwandelt und den unverfrorenen Sünder, der nun erbärmlich um Vergebung bittet, zu Tode verbrennt und in die Hölle hinunterreißt. „Quien tal hace, que tal pague” – wer Schlechtes tut, dem soll Schlechtes widerfahren – so lautet das Fazit von Don Gonzales und nachdem die Gerechtigkeit gesiegt hat, kann die Ordnung, über die sich Don Juan für kurze Zeit hinweggesetzt hat, am Schluss des Stückes wiederhergestellt werden. 

José Zorrilla y Moral, der den Stoff im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Romantik, wiederbelebte, zog nicht ganz so hart ins Gericht mit Don Juan. In seiner Version sieht Don Juan kurz vor seiner unmittelbar bevorstehenden Höllenfahrt seine Fehler ein, bekennt sich zu Gott und bereut seine Missetaten aufrichtig, worauf er durch die Liebe der religiösen Doña Inés aus dem Höllenfeuer gerettet wird und ihre Seelen gemeinsam zum Himmel steigen: „el amor salvó a don Juan al pie de la sepultura“ – Die Liebe hat Don Juan am Grab errettet – heißt es kurz bevor der Vorhang fällt. Diese Version war es denn auch die in Spanien am erfolgreichsten war und es auch heute noch ist. Nicht zu letzt deswegen, weil der Ausgang dieses Dramas dem reuigen Sünder das Himmelreich verspricht und ihn nicht gnadenlos zur Hölle fahren lässt. 

Der sich über die göttliche wie die menschliche Ordnung hinwegsetzende Hedonist Don Juan ist keineswegs nur in Spanien ein beliebter literarischer Stoff: Der französische Dramatiker Molière hat sich des archetypischen Frauenhelden schon im 17. Jahrhundert mit dem Stück Don Juan ou le festin de pierre (1665) angenommen und mit Lord Byron, Puschkin sowie E.T.A Hoffmann hat der Stoff im 19. Jahrhundert auch Einzug in die englische, russische und deutsche Literatur gehalten. Die bekannteste aller Bearbeitungen ist jedoch zweifelsohne Mozarts Oper Don Giovanni, die im Jahre 1787 uraufgeführt wurde, und die den Missetäter ebenso wie Tirso de Molina im Höllenfeuer seine gerechte Strafe erfahren lässt. Sevilla muss Mozart wirklich am Herzen gelegen haben, denn mit seiner Oper Le nozze de Figaro, die ebenfalls in Sevilla spielt, verhalf er der Stadt am Guadalquivir zu zusätzlichem Weltruhm. Sevilla bedankte sich für die äußerst wirksame Werbung mit einem Denkmal am Teatro de Maestranza.

Nun aber zurück zu Don Juan und den Spuren, die er in Sevilla hinterlassen hat. Wir wollen ins Barrio de Santa Cruz, dem ehemaligen Judenviertel, wo sich gewissermaßen die “Geburtsstätte“ Don Juans befindet. Noch etwas außerhalb des eigentlichen Barrios, gegenüber dem Touristenbüro an der Avenida de la Constitución, beginnen wir unseren Don-Juan-Rundgang. Gemächlich flanieren wir durch die Calle Miguel Mañara in Richtung Kathedrale. Nicht zufällig haben wir diesen Weg gewählt: Don Miguel de Mañara y Vicentelo de Leca, der wohlhabende und hochadlige Ritter des  Calatrava-Ordens, der nach einem angeblich äußerst sündhaften Leben  zum reuigen Büßer wurde, soll Tirso de Molina als Inspiration für seinen Don Juan gedient haben.  Auf der Plaza del Triunfo zwischen der wunderschönen Kathedrale mit dem weltberühmten Turm La Giralda und der maurischen Festungsanlage Reales Alcázares halten wir einen Moment Inne bevor es ins Herzen des Barrio Santa Cruz geht. Die bemerkenswerte Architektur, die gotische und maurische Elemente vereint, sowie die schiere Dimension der Kathedrale sind überwältigend. Aber wir sind nicht wegen der Kathedrale gekommen, sondern wollen etwas abseits der  Hauptsehenswürdigkeiten auf literaturgeschichtlichen Pfaden wandern. Also geht es weiter: Über die Calle Romero Murube, gelangen wir zur Plaza de la Alianza. Dieser Platz hat schon einige Male als Kulisse für Freilichtaufführungen von Zorrillas Don Juan Tenorio gedient. Es ist übrigens in ganz Spanien Tradition das Stück an Allerheiligen, also am ersten November, als Freilichtversion aufzuführen. Besonders bekannt und ebenso beliebt sind die 
Aufführungen in Alcalá de Henares in Madrid. Durch eine enge aber bezaubernde Gasse, die an längst vergangene Zeiten erinnert, gehen wir weiter bis zur Plaza de Doña Elvira. Auf einer mit Keramikornamenten verzierten Bank genießen wir den Schatten der Orangenbäume und die angenehme Ruhe, die nur vom Plätschern des Brunnens durchbrochen wird. Dieser Platz, so lehrt uns die an einer Hauswand angebrachte weiße Keramiktafel mit blauer Aufschrift,  war früher ein corral de comedias, zu Deutsch etwa ein Freilichtkomödienhof. Für uns ist dieser Platz aber weniger wegen der vor langer Zeit dort aufgeführten Lustspiele von Interesse, sondern wegen des Volksglaubens, der diesen Platz umhüllt. Hier soll die einflussreiche Familie von Don Gonzalo de Ulloa, der auch Doña Inés angehörte ihren Stammsitz gehabt haben. Weiter geht es durch die Calle Gloria zur Plaza de los Venerables. Am Hospital de Venerables Sacerdotes macht uns wiederum eine Keramiktafel darauf aufmerksam, dass hier – so zumindest die tradierte Überlieferung – der in Spiel, Kampf und Liebe unübertreffbare Don Juan geboren sein soll, der durch die Liebe von Doña Inés aus dem Höllenfeuer erlöst wurde. An diesem Platz befindet sich auch die Hostería del Laurel, wo wir uns mit einer Kleinigkeit verköstigen. Zorrilla war im Jahre 1844 Gast in dieser Hostería. Hier hat er sich von der Atmosphäre im Barrio inspirieren lassen und Teile seines Don Juan Tenorio  geschrieben. Nach dieser kurzen Pause zieht es uns auch schon wieder weiter. Über die wunderschöne Plaza de Santa Cruz, einen begrünten Platz mit einem schmiedeeisernen Kreuz in der Mitte gelangen wir zu der Plaza de Refinadores. Die Stadt hat an diesem Platz ein Denkmal zu Ehren des legendären Don Juan errichtet. Nun thront der hochmütige Missetäter selbst zum Standbild erstarrt auf einem Sockel inmitten des Platzes. Nach diesem kleinen Rundgang durch das Barrio Santa Cruz laden die angrenzenden Jardines de Murillo zu einem idyllischen Spaziergang ein. In dieser herrlichen Umgebung aktivieren wir neue Kräfte, denn es gilt den Rest dieser wunderschönen Stadt am Guadalquivir zu erkunden.

Download Artikel in PDF



Adobe Reader für PDF hier gratis downloaden


das aktuelle spanienmagazin · +34 952 547 020
Urb. El Tomillar · Avda. del Sol, 6 · 29740 Torre del Mar