Chöre, Tänze, lustiges Treiben in allen Gassen: der „Carnaval von Cádiz“ gilt als ein Fest von internationaler touristischer Bedeutung und lockt Jahr für Jahr tausende Besucher an. Doch mit dem Fasching, wie wir ihn aus Deutschland kennen, hat dieses Spektakel nicht viel gemeinsam, am ehesten noch die geschichtlichen Hintergründe des Karnevals an sich. Es ist eine närrische Zeit, in der selbst die christliche Moral die Befriedigung jeglicher Lust für eine bestimmte Dauer erlaubt, die jedoch anschließend durch die Fastenzeit wieder gebändigt wird. Im Schutze von Maskierungen wird die soziale Ordnung aufgebrochen, die Triebe befreit, das Volk kann die Gesellschaft und Obrigkeit verspotten und dabei auf legale Weise die Politik kritisieren.Und darin sind die Gaditanos Meister:
Ihren Spott und Hohn drücken sie nicht nur durch die Maskerade aus, sondern in erster Linie durch bissige Lieder. Und so treten zahlreiche Gesangsgruppen nach alter Tradition regelrecht in einen Wettstreit.
Den wohlhabenden Schichten der Stadt war früher das turbulente Treiben der trinkenden und lärmenden Gruppen oftmals ein Dorn im Auge. So wurde immer wieder versucht, den Karneval abzuschaffen, und da dies nicht gelingen konnte, hat man das populäre Vergnügen unter Kontrolle gebracht, indem es von der Stadt geplant und teilweise finanziert wurde. Dies hat dem Karneval allerdings zu noch größerer Pracht in den Gassen verholfen wie auch zu mehreren spektakulären Feuerwerken, so dass mittlerweile tausende von Menschen selbst aus Sevilla oder Cordoba in Sonderzügen zu diesem Ereignis anreisen.
Da die Karnevalsgruppen in ihren Gesängen immer mehr Protest und Satire entwickelt haben, und um Unverschämtheiten und Schamlosigkeiten zu vermeiden, gab es Zeiten, in denen die Gruppen ihre Texte vorher einreichen und genehmigen lassen mussten. Dennoch landeten immer wieder einzelne Gruppen im Gefängnis.
Ursprünglich trafen sich Freunde oder Arbeitskollegen, um zuhause, in Bars oder auf der Straße Spottlieder anzustimmen, in denen die Politik kritisiert wurde, oder die eher frivole Anzüglichkeiten verbreiteten. Im Laufe der Zeit wurden die Gesänge wesentlich professioneller, man leistet sich heutzutage einen Autor, einen Komponist, und stellt sich mit seinem Repertoire einem Wettbewerb. Bereits im Sommer beginnen daher die Vorbereitungen für den Karneval, und ca. 4 Wochen vor dem offiziellen Start der Tollen Tage tragen die verschiedenen Gruppen ihre Gesänge im Teatro Falla vor und präsentieren sich einer Jury. Etwas 30 Gruppen gelangen dann ins Halbfinale, und davon bleiben schließlich etwa 12 Gruppen als Sieger übrig. Je höher der Rang, umso häufiger werden diese Gruppen von Restaurants zu Auftritten eingeladen. Oftmals erstellen sie auch CD´s ihrer Gesänge und verkaufen sie.
Die Gruppen beim Wettbewerb unterscheiden sich in vier Typen: die längste Tradition haben die sogenannten „chirigotas”. Sie singen einstimmig, werden höchstens von 2 Gitarren, einer Pauke und Trommel begleitet, und dürfen nicht mehr als 12 Mitglieder haben.
Die „coros“ tragen ihr Repertoire 3-stimmig vor, und werden von Gitarren, Lauten und Bandurrias (italienische Bandoline) begleitet. Daran dürfen höchstens 35 Sänger und 10 Musiker teilnehmen. Diese Gruppen fahren meist auf Traktoren singend und musizierend durch die Stadt.
„cuartetos“ sind Gruppen aus 3-5 Sängern, die meist von Karnevalspfeifen begleitet werden und oftmals mehr rezitieren als singen. Sie parodieren besonders gerne berühmte Menschen oder Politiker in kurzen, spritzigen Couplets (ähnlich wie die Bayerischen Gstanzln)
„Comparsos“ sind eine Gruppe von maximal 15 Sängern, die 2-stimmig singen und von Pauken, Trompeten und Gitarren begleitet werden. Sie tragen ihre Lieder meist vor als Pasadoble, während die Chöre eher den Tangorhythmus bevorzugen.
Wichtig sind häufig auch die sog. „romancieros“, jeweils ein einzelner Artist, der seine bissigen Kommentare erzählend vorträgt, und meist auf einer Tafel anschaulich aufzeigt, worüber er gerade singt (z. b. Bürgermeisterin von Cadiz als Schweinefigur).
Der besondere Witz und Esprit des Carnevals von Cadiz liegt also vor allem in den Texten, so dass man schon sehr gute Spanischkenntnisse haben muss, um die verschiedenen Wortspielereien überhaupt verstehen zu können. Bei den Themen geht es häufig um bestimmtes Lokalkolorit, ähnlich wie bei uns in vielen Büttenreden.
Mit der Endausscheidung des Wettbewerbs der Gruppen im Teatro Falla beginnt der erste offizielle Karnevalstag, jeweils der Donnerstag vor Aschermittwoch (heuer am 23. Februar). Abends ab 20 Uhr ziehen der „Pregon“ sowie die Nymphen durch die Stadt. Der Pregon ist stets eine sehr bekannte und beliebte Persönlichkeit. In diesem Jahr ist es der beliebte Fernseh- und Radiomoderator Jose Guerrero, bekannt als „YUYU“. Er wird am Samstag abend (25.02., ab 21 Uhr) auf dem Plaza San Antonio die Eröffnungsrede halten, die genauso bedeutend und witzig ist wie beispielsweise die Salvatoransprache am Nockerberg. Unter den 12 Ninfas, die aus den verschiedenen Stadtvierteln kommen, wird am Samstag abend dann eine Göttin gewählt und gekrönt.
Karnevalssamstag und -Sonntag, sind sowohl für Einheimische als auch für Touristen die wohl imposantesten Tage. Die ganze Stadt, von jung bis alt, verkleidet sich und genießt den Karneval in vollen Zügen. Überall wird getanzt, die Karnevalsgruppen präsentieren sich und ziehen von einer Bühne zur nächsten. Die ganze Stadt taucht ein in Freude, Licht und Farbe. Nachtschwärmer können stets ab Mitternacht bis in den frühen Morgen in einem Festzelt auf dem Parkplatz Santa Barbara (Nähe Uni) das Tanzbein schwingen.
Das bewegte Treiben setzt sich am Sonntag fort. Als besondere Attraktion gilt das Karussell der Chöre am Hauptmarkt. Ab 14 Uhr singen sie abwechselnd mehrere Stunden lang ihr Repertoire. Für die Gaditanos ist dies der höchste humoristische „Leckerbissen“. Touristen schätzen wohl eher den Stadtumzug, der sich ab 18 Uhr die gesamte Avenida von Cadiz entlang zieht und gegen Mitternacht mit einem Feuerwerk beendet wird. Es wird vom Castillo Santa Catalina gezündet, so dass es weithin sichtbar ist.
Unter der Woche gehen dann die Gesangs- und Tanzwettbewerbe in der ganzen Stadt weiter, ein Ausnahmezustand, der bei den Bewohnern von Cadiz sehr beliebt ist, denn an Arbeit ist in dieser Zeit nicht zu denken.
Eng verbunden mit dem Karneval sind auch 3 gastronomische Ereignisse, die Tausende von Menschen an drei Stadtviertel von Cadiz mit viel Lokalkolorit ziehen: Im Viertel La Viña werden vorwiegend Seeigel gereicht (erizos),eine Besonderheit, die es nur zu dieser Jahreszeit gibt. Im Viertel Mendidero verspeist man auf der Straße und in den Bars Austern (oistiones) und am Plaza San Francisco erhält man pestiños (in Honig getauchtes Ölgebäck).
Am Freitag, 3. März, findet, neben den üblichen Veranstaltungen, ab 19 Uhr auf dem Plaza San Antonio ein Maskenfest für Kinder statt.
Am Samstag, 4. März, ziehen ab 17 Uhr die Kinder mit einem eigenen Faschingszug durch die Altstadt. Praktisch alle Schulen beteiligen sich an diesem bunten Treiben und treten auch schon als Chöre in die Fußstapfen der großen Meister. Und da es jedes Jahr so viel Lustiges zu parodieren gibt, startet am Abend um 22.30 Uhr nochmals ein närrischer Umzug durch das Viertel La Viña.
Der Karneval endet dann am Sonntag, 5. März, mit einem spektakulären Feuerwerk und den Tänzen im Festzelt, die jeden Abend das Festprogramm abschließen. Um beim Karneval von Cádiz mithalten zu können, braucht man sehr viel Kondition, Trinkfestigkeit, möglichst gute Sprachkenntnisse, vor allem aber gutes Durchhaltevermögen von der Blase her, denn Toiletten sind rar, da die meisten Bars ihre Servicios schließen (Vielleicht macht „Not“ ja auch erfinderisch.).
Nach 10 tollen Tagen, in denen man sich frei und ungezügelt austoben konnte, beginnt mit dem 1. Fastensonntag wieder die „christliche Moral“ und der normale Alltag.
Von Beatriz Hohler