Das Weltkulturerbe Spaniens Teil 23Als Modernisme bezeichnet man einen Stil, der ab Ende des 19. Jahrhunderts Furore machte. In ganz Europa von ein und derselben ästhetischen Basis ausgehend, entfaltete er sich in jedem Land anders. Er erhielt unterschiedliche Bezeichnungen, wir kennen ihn als Jugendstil, Art Nouveau, Modern Style, Style Liberty oder Wiener Secession. In Katalonien erreichte der Modernisme dank eine Gruppe junger Architekten seine höchste Stufe. Denn hier ist man traditionell offen für alles Neue und Originelle, mit dem man die eigene regionale Identität unterstreicht und sich so vom Rest Spaniens differenziert.
Der Modernisme von Barcelona fiel in eine Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs. Das Geld der neureichen Bourgeoise wurde gerne in aufsehenerregende Bauten investiert, um sich auf diese Weise ein Denkmal zu setzten. Auch viele Gaudí-Bauten oder -Anlagen tragen den Namen der Auftraggeber. Auch ein Bankier namens Paul Gil verfügte testamentarisch, dass sein Nachlass dem Bau eines Krankenhauses dienen sollte, dem Hospital Sant Pau. Sein Architekt: niemand weniger als Lluis Domenèch i Montaner (1850-1927), ein führender katalanischer Nationalist. Seine politische Laufbahn begann bei Jove Catalunya, später wurde er Mitglied der Lliga Catalanista und ihr Präsident. Als solcher war er Abgeordneter im katalanischen Parlament.
Beruflich brachte er es bis zum Direktor der Architektenkammer von Barcelona. Als Modernist vertrat Lluis Domenèch i Montaner die kreative Vorstellungskraft der neuen Strömng, die alles bislang Dagewesene strikt ablehnte. Seine Bauten strotzen vor Ornamenten. Er wurde auch mit dem Projekt des katalonischen Musikpalastes betraut. Im Jahr 1997 nahm die UNESCO beide Bauten, das Hospital Sant Pau und den Palau de la Musica, in den Weltkulturerbe-Katalog auf.
Am Hospital de Santa Creu i Sant Pau, Hospital vom Heiligen Kreuz und Sankt Paul, wurde zunächst von 1902 bis 1911 gebaut. Domenèch i Montaner hatte 48 von einander unabhängige Pavillons geplant, die er in einen großen Garten platzierte. Sie wurden über unterirdische Verbindungsgänge miteinander verbunden. Auch die technischen Einrichtungen verlegte er unter die Erde. Als aber 1911 das Geld des Bankiers ausging, war nur ein Viertel der geplanten Pavillons fertig. 1912 ging es weiter, mit der Verlegung des alten Hospitals aus der Stadtmitte heraus wurde der Weiterbau finanziert. Nach seinem Tod im Jahre 1923 brachte sein Sohn Pere Domenèch i Roura das Werk des berühmten Vaters zu Ende. 1930 weihte König Alfons XIII. den Komplex ein. Er erfüllt bis heute seinen Bestimmungszweck.
Das Hospital liegt in der Nähe der Gaudì-Kathedrale Sagrada Familia. Gegründet wurde es als zweitältestes Hospiz Europas schon 1401, indem man sechs kleinere Häuser zum Hospiz zusammengelegt hatte. Deshalb ist das Archiv medizinhistorisch besonders wertvoll. Der Komplex beansprucht eine riesige Fläche von 100 ha. Jede medizinische Fachrichtung hat seit Domenèch i Montaner ihren eigenen Pavillon. Er wollte sein Krankenhaus zu einem Ort der Ruhe und Ermunterung für Patienten und Personal machen. Vor allen Dingen mied er es, ihm den üblichen sterilen, deprimierenden und institutionellen Charakter zu geben. Er glaubte, dass die Kranken zur Genesung eine heitere Umgebung mit viel Farbe, frischer Luft, Bäumen und dem soliden Gefühl der Erdverbundenheit brauchten.
Eine reich mit Mosaiken verzierte Eingangshalle führt auf einen Patio, in dem man vor einem überwältigenden Bild steht, nämlich den aus Backstein gemauerten Pavillons, über und über ausgeschmückt und mit bunten Keramikdächern versehen. Überall auf dem Gelände und in den Pavillons gibt es viel natürliches Licht. Die leuchtenden Farben und unzähligen dekorativen Elemente machen das Betrachten zum Augenschmaus. Besonders beeindrucken der Verwaltungspavillon und die Kirche.
Ab 1930 war das Krankenhaus zwar in Betrieb, aber nachträglich kamen weitere Installationen wie der TBC-Pavillon oder der Sitz der Stiftung Puigvert hinzu. Eine Heilanstalt, der Zentralbau für religiöse Gemeinschaften, Küchen, Apotheke und Serviceeinrichtungen wurden ebenfalls spät gebaut. Unter anderem wurde inzwischen die Fassade der Santa Maria-Kirche aus dem 18. Jh. originalgetreu restauriert. Eine dieser Instandhaltungsarbeiten, die am Pavillon „de la Merced“, erhielt 1980 einen Architekturpreis.
Auch der Palau de la Música Catalana entstand nach den modernen Gesichtspunkten auf dem Kunst- und Architektursektor unter Lluis Domenèch i Montaner im schönsten Jugendstil. Der Konzertsaal wurde 1908 feierlich seiner Funktion übergeben und ist und war der Sitz des heimatlichen Chors Orfeò Català, der schon etliche Stationen in diversen Lokalitäten der Altstadt von Barcelona hinter sich hatte. Er zählte 184 Sänger und 1.358 Mitglieder. Drei Jahre wurde an dem Bauwerk gearbeitet. Das einmalige Vereinslokal gehört dem Chor bis heute.
Eingeweiht wurde es am 9. Februar 1908 von den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Richard Strauß. Es folgten Gastauftritte so berühmter Dirigenten wie Franz Beidler, der zum 100. Geburtstag von Richard Wagner ein Sonderkonzert leitete, in- und ausländische philharmonische Orchester unter der Leitung von Pau Casals, Manuel de Falla, Ernesto Halffter, Igor Stravinsky, Karl Böhm, Carl Schuricht, Herbert von Karajan, Leonard Bernstein, Yehudi Menuhin, Zubin Metha, Lorin Maazel. Hier spielten Virtuosen wie Wanda Landowska, Arthur Rubinstein, Wilhelm Backhaus, Sergej Prokofiev, Maurice Ravel, Sergej Rachmaninov, Wilhelm Kempff, Mstislav Rostropovich. Hier hörte man große Stimmen wie Victoria de los Angeles, Montserrat Caballé, Josep Carreras, oder auch Charles Aznavour, Ella Fitzgerald mit Duke Ellington, 1936 erklangt zum ersten Mal Jazz-Musik in Barcelona - mit Benny Carter. Erst kürzlich wurde die restaurierte Walcker-Orgel von 1908 von Peter Planyavsky wieder zum Erklingen gebracht, begleitet von dem Janacek-Orchester unter Thomas Rösner, auf der in diesem Haus schon Albert Schweitzer gespielt hatte.
Fast hundert Jahre nach seiner Entstehung erlebt die Konzerthalle eine neue Etappe: renovierte Installationen, neue Räume, zusätzliche Funktionen. Mit Beginn des neuen Jahrhunderts ist der Palau wie neu geboren. Wo man einst ausschließlich der Musik frönte, werden heute auch andere kulturelle Aspekte und gesellschaftliche Ereignisse rund um Unterhaltung und Business geboten. Die Eigenarten, die das Haus zum Weltkulturerbe machten, sind jedoch die der ersten Etappe. Dazu zählen Fassade, Foyer, Konzertsaal, Vestibül und viele Dekorationselemente, der Kammermusiksaal und der Saal Lluis Millet. Bunt und verspielt, üppig, phantastisch, verblüffend - Eindrücke, die man nur andeutungsweise in Worten beschreiben kann. Die Aufnahmen bestätigen wieder einmal: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.
Schon die Fassade erschlägt den Betrachter förmlich durch ihre Vielfalt an Formen, Farben und Motiven. Die Vereinigung der beiden Fassaden an zwei Straßenfronten wird von einer bombastischen Skulptur von Miguel Blay beherrscht, die „Das katalanische Volkslied“ heißt. Auf der Höhe der 1. Etage herrschen eine Kolonnade mit Blumenornamenten, Büsten großer Komponisten und eine imposante Allegorie an das Orfeò Català von Lluís Bru, der auch die Kassenfenster gestaltete.
Im Haus selbst kommt man zunächst in ein geräumiges Foyer, in dem anfangs der Chor seine Bibliothek, den Übungsraum und Versammlungssaal untergebracht hatte. Die stilgerecht ausgestattete Cafetería versetzt in eine andere Welt.
Danach gelangt man über eine von zwei Laternen flankierte Treppe mit Keramik-Geländer ins prachtvolle Foyer vor dem eigentlichen Herz des Hauses, dem großen Konzertsaal in der ersten Etage. Spätestens auf diesen Treppen, auch denen, die zu den oberen Rängen führen, bekommt man den Eindruck, man befände sich in einer begehbaren Skulptur.
Der Konzertsaal ist eine magische Stätte, ein kunstvolles Wunderwerk, und gleicht einer gläsernen Schmuckschatulle. Hier befinden sich die meisten Detailarbeiten und die große Orgel.
Der hohe Gesellschaftsraum im ersten Stock hinter der Fensterwand, durch die man die Kolonnade von hinten betrachten kann und der den Namen des Chorgründers Lluis Millet trägt, sowie der Kammermusiksaal mit nur 120 Plätzen für kleinere Aufführungen ergänzen die originalen Räumlichkeiten des Konzerthauses.
Die erste umfassende Erweiterung des Palaus hat 1983 stattgefunden. 2004 ging es weiter mit noch mehr Anbauten und Ergänzungen. Der gesamte neue Komplex ist zweckmäßig und anheimelnd zugleich gestaltet und trägt den Stempel eines weiteren zeitgenössischen Stadtarchitekten, Malers, Designers und Schriftstellers, Oscar Tusquets Blanca. Die beiden hier beschriebenen Modernisme-Bauten wurden von der UNESCO als Meisterwerke der menschlichen Kreativität anerkannt und gelten als herausragende Beispiele einer Bauweise bzw. eines architektonischen Komplexes. Deshalb stehen zu ihrer Erhaltung Sonderfonds bereit.