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08:10 Sonntag 6. Juli 2008

Las Médulas

Das Weltkulturerbe Spaniens Teil 24

Grandios. Dieses Adjektiv fällt einem beim Anblick einer Landschaft ein, die im Westen der Provinz León liegt. Hier liegt ein Bergrücken, der zu Römerzeiten Medilianum hieß, wie ein  fantastisches Riesenmodell einer Urlandschaft mit lauter roten Erhebungen, die Täler dazwischen von alten Kastanien und Eichen dicht bewaldet. Hier haben wir in Wirklichkeit das Resultat eines der ersten großen Umweltattentate, das Gebiet der Goldminen von Las Médulas. Es genießt heute den Status eines Weltkulturerbes, Abteilung Kulturlandschaft, so beschlossen von der UNESCO im Jahre 1997.

Die Römer haben bei Las Médulas mit ihrer eigenwilligen Art von Bergbau das Gesicht der Landschaft verändert. Plinio der Ältere war hier in seiner Jugend  als Minenverwalter beschäftigt, und er berichtete, dass man dem Medilianum jährlich an die 20.000 Pfund Gold entrang. 60.000 Arbeiter lieferten in 250 Jahren 1.635.000 kg des preziösen Metalls. Dafür durchwühlten sie 500 Millionen Kubikmeter Erde. Jede Tonne brachte also durchschnittlich magere 3 Gramm Gold. Plinio vermutete dass es weniger mühsam sein dürfte auf dem Grund der Meere nach Perlen und Purpur zu suchen, als aus dieser Erde das Gold herauszuholen. 

Der Medilianum ist Schwemmland mit vielen kleinen Goldkörnchen. Schon die Asturen, die vor der Kolonisierung durch Rom dieses Gebiet beherrschten, hatten sich von dem Gold in den Flüssen ihrer Heimat bedient. Sie machten sich die Goldsuche einfach: Im seichten Flussbett wuschen sie die Körner aus einem Konglomerat aus Kieselsteinen, Sand und Treibsand. Sie stellten den Römern ihre Erfahrung zur Verfügung. Die arbeiteten jedoch anders. Die römischen Bergarbeiter wollten die goldreichen Schichten so schnell wie möglich erreichen, weshalb sie wegen der unterschiedlichen Zusammensetzung und Dichte der Gesteinsschichten verschiedene Techniken anwendeten.
Vor Ort wurde durch Wasser und starkem Gefälle hydraulische Kraft produziert. Zur Wasserentsorgung des Minengebietes boten sich ihnen die sanften Abhänge in Richtung Sil-Fluss an. Wie gewaltig man zu jener Zeit hier gewirkt hat bestätigt die Sage, wonach der Carucedo-See in unmittelbarer Nähe von Las Médulas durch die Minentätigkeit entstanden sein soll. 

Die Römer bedienten sich als spektakulärstem Suchsystem der Form der “ruina montium”. Das war eine besonders aggressive Wassernutzung über Kanäle und Sammelbecken, die im gegebenen Moment entleert wurden. Ein gutes Beispiel ist die Anlage am Nordosthang des Teleno-Berges. Auf 2.000 m Höhe sammelt sich der Schnee, der bei der Schmelze in den Rio Cabo abfließt (Nebenfluss des Carera). Der Cabo speiste 7 Kanäle, die, um den Berg führend, zu Teichen führten. Man schätzt, dass die Kanäle insgesamt 300 km maßen und ein Gefälle von 0,6 bis 1% hatten. Ihre Breite ist immer genau 1,28 m, in den Kurven 1,60 m. Sie sind 90 cm tief. Manchmal unterlaufen sie den Berg in Form eines Tunnels. Der Bau dieser Kanäle war mit Abstand das schwierigste und kostspieligste Kapitel.
Durch die verwendeten Wassermengen und die Länge und Verzweigung der Kanäle ist die Art und Weise, einen Berg in unmissverständlicher Weise zu verändern (zu ruinieren), einmalig. Stollen, Kanäle und Depots können heute besucht werden.

Eine andere Art der Goldsuche fand in der Ebene statt. Man hob dazu Gräben aus, durch die das Wasser geleitet wurde. Sie wurden stufenweise mit einem Strauch so zugedeckt, dass das Geäst das Gold herausfilterte. Das heißt, es bildete kleine Strudel, in denen das schwerere Gold auf den Boden sank, während der Rest der Sedimente von der Strömung weitergespült wurde. Boden und Seiten der Kanäle waren mit Brettern verkleidet, und dort, wo das Gelände abrupt ist, hängen die Gräben wie Überführungen in der Luft. 

Das Wasser ging in Depots, die man durch Ausheben und Flachmachen des Bodens geschaffen hatte. Die überflüssige Erde wurde ringsum zu Dämmen aufgetürmt. Durch Schleusen kam es zur Verteilung der jeweils erforderlichen Wassermenge. Dazu wurde es  direkt dort, wo man arbeiten wollte, den Berg hinab geschüttet, oder über Kanäle dorthin geleitet, wo man selektiv damit arbeitete. Ehe es in jene Kanäle kam, wo die Goldwäscher mit Sieben arbeiteten, pickten die Arbeiter die größten Kiesel heraus und türmten sie zu `murias´ auf. Diese Haufen blieben dort bis heute liegen. Der ruinierte Medilianum löste sich so nach und nach auf floss ins Meer. Dem natürlichen Erosionsprozess wurde somit kräftig nachgeholfen, und wertvolle Erde ging in rauen Mengen verloren.
Über 1000 Hektar Landschaft wurden auf diese Weise von den Römern „bearbeitet“ und gaben dem Gebiet ein neues Gesicht. Das künstliche Flachland, das aus den Rückständen der Minentätigkeit geschaffen worden war, bildete die Grundlage für die anschließende Agrarnutzung und die modernen guten Zufahrtsmöglichkeiten nach Las Médulas. Der Carucedo-See, der entstanden ist durch die Blockierung eines Flusstals mit denselben Rückständen, wurde zur wertvollen Fischereireserve und ist heute ein Naturschutzgebiet. Die alten Kanäle wurden teilweise zu Landstraßen.
Das ehemalige Goldvorkommen liegt in einer Art Sackgasse in der Nähe des Dorfes Las Médulas. Man erreicht es über einen Weg mit 100 m Höhenunterschied. Man unterscheidet es im Aussehen nach drei unterschiedlichen Phasen der Ablagerungen: Orellán, Santalla und Médulas. 

In den letzten Jahren des 2. Jahrhunderts begann man die Arbeit in allen Minen im Nordwesten der Halbinsel einzustellen. Sie waren fast erschöpft. Vom Gold (der Aureus war aus purem Gold) hing das römische Münzsystem ab, und die Goldproduktion als Staatsangelegenheit ging zum großen Teil in die Münzprägung. Die Relevanz von Gold in diesem Zusammenhang erklärt, wieso die monetäre Krisis des III. Jahrhunderts zusammenfällt mit dem Ende der Goldminen. In den Minen von Las Médulas wurde nach der Abschaffung vom Aureus (312) nicht mehr gearbeitet. 
Die ursprüngliche Vegetation übernahm danach nach und nach wieder die Überhand. So konnte sich der kommerzielle Kastanienanbau entwickeln. Am Carucedo-See wächst eine autochthone Orchidee, deren Blüte besonders viele Insekten anzieht, was die Bestäubung der Kastanien begünstigt. Die jüngere Entwicklung des Gebietes geht auf Konto des Cornatel-Kastells. Es liegt auf einem hohen Berg an der alten Landstraße nach Orense und war eine wichtige Verteidigungsanlage des gesamten Landstrichs. Die Geschichte der Burg ist mit wichtigen Mitgliedern des Leoneser Adels und dem Templer-Orden verbunden. 

Am Eingang des Dorfes Las Médulas erhält der Besucher jede Art von Information zum Verständnis der Gesichte anhand von Landkarten, Modellen und Zeichnungen über das, was man auf dem Gelände nicht mehr sieht, ferner Gerätschaft und ihre Anwendung bei den verschiedenen Ausbeutungsphasen. Ein Video erklärt den archäologischen Aspekt. Rundgänge durch die Goldminen, zwei vorromanische Castros (Wohnanlagen für mehrere Familien) und eine romanische Siedlung vervollständigen die Lektion über die antike Technik.
Die Stiftung Las Médulas, verantwortlich für Pflege und Publicity, hat eine sehr anschauliche Webseite: www.fundacionlasmedulas.org.

Der Titel “Weltkulturerbe” bewertet die natürlichen und kulturellen Eigenarten dieser Gegend, die, durch den Abbau von Bodenschätzen bedingt, eine Veränderung einer Gemeinschaft des Altertums erfuhr. Las Médulas als größte Tagebaumine des Römischen Reiches schuf gänzlich neue Lebensbedingungen im Nordwesten der Iberischen Halbinsel. 

Fotos: F. Javier Sanchez-Palencia (Fundación Las Médulas)

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