Marbella, die Stadt mit den unbegrenzten MöglichkeitenAls Ali Baba betitelte vor Jahren die damalige Sozialistenführerin Isabel García Marcos ihren politischen Gegner Jesus Gil und seine Gefolgschaft. Doch in weniger als fünfzehn Jahren hat sie viel gelernt, jetzt sitzt sie selbst hinter Gittern, innig vereint mit Bürgermeisterin Marisol Yagüe aus der damaligen Gil-Gefolgschaft in der selben Zelle in Alhaurin el Grande.
Als ich letzten Monat mein Editorial schrieb, ahnte ich nicht, was nur wenige Tage später über Marbella hereinbrechen würde. Ein Großeinsatz der Polizei und Justiz riegelte alle städtischen Gebäude und die Privathäuser der Bürgermeisterin und führender Politiker ab. Durchsuchungen, Verhaftungen, Beschlagnahme von Luxuskarossen und Lieferwagen voller Beweismittel. Ein Megagewitter lähmte die Stadt.
Was zum Vorschein kam war haarsträubend. In fünfzehn Jahren hatte es die von Jesus Gil gegründete Partei und deren Nachfolger geschafft, die Stadt in den absoluten Ruin zu treiben. Aus ehemals 400 Stadtangestellten wurde in dieser Zeit ein Heer von 3200 Gehaltsempfängern, schließlich mußten alle treuen Parteigenossen mit einem gutbezahlten Job belohnt werden. Millionen Schulden bei Banken, der Sozialversicherung, der Mancomunidad, beim E-Werk, der Telefonica etc., etc., auf 234 Liegenschaften von Marbella und dem Ortsteil San Pedro de Alcántara lasten Pfändungen der Kreditinstitute.
Fünfzehn Jahre lang baute man Hunderte von Urbanisationen, die Bevölkerung vervielfachte sich, aber keine einzige Schule oder Gesundheitszentrum entstand. Kein Bauplatz vorhanden, hieß es immer. 30.000 Immobilien wurden illegal gebaut, und überall hielten die Stadtoberen die Hand auf für Baulizenzen, die sie eigentlich gar nicht hätten erteilen dürfen. Das Hirn dieser Machenschaften saß schon unter Jesus Gil im Hinterzimmer, trat nie ins Rampenlicht: Juan Antonio Roca. Vor fünfzehn Jahren kam er im Seat Panda nach einer Pleite in seiner Heimat Murcia in Marbella an. Heute wird er als einer der reichsten Männer Spaniens bezeichnet. Auch er sitzt hinter Gittern. Bereits vor drei Jahren untersuchten Finanzinspektoren diesen Mann und konnten nichts entdecken. Hatten wohl Tomaten auf den Augen.
Hier ist das eigentliche Dilemma. Zu lange hatten alle Parteien, Behörden, vor allem die Regierungen in Sevilla und Madrid tatenlos zugesehen. Alle wussten was vor sich geht, keiner handelte.
Doch nun soll es besser werden. Zuerst wurde dem Rathaus die Kompetenz zur Erteilung von Baulizenzen entzogen und dann kam ein Novum für Spanien: die Regierung in Madrid löste den Stadtrat von Marbella auf. Am 24. April schlug für Marbella effektiv die Stunde Null. Ein 16-köpfiges Konkursverwaltergremium begann damit, die vielen Missstände zu diagnostizieren um sie anschließend soweit zu sanieren, dass im Mai 2007 Kommunalwahlen stattfinden können. Es besteht aus Vertrauenspersonen der großen Parteien. Eine davon musste bereits ausgetauscht werden, weil sie als Anwalt von zwei Ex-Stadträten in Interessenkonflikt geriet.
Marbella wird noch eine lange Zeit in den Schlagzeilen bleiben, denn jetzt geht es darum, den Räubern das ergaunerte Geld wieder abzunehmen und die können sich mit dem vielen Geld die besten Anwälte leisten. Wir dürfen gespannt sein.