in Deutschland?
- Die Stimmung in den deutschen Unternehmen ist besser als die Prognosen der weiteren Wirtschaftsentwicklung. Das weckt Ängste bezüglich der Dauerhaftigkeit.
- Der Konjunkturaufschwung in der Bundesrepublik ist breit fundiert. Das Wichtigste ist, dass sich im Baubereich eine Wende zum Besseren vollzieht.
Viel spricht für eine ”Zwei-plus-Zwei-Konjunktur”. Die Risiken liegen vor allem im internationalen Bereich. Die Mehrwertsteuererhöhung müsste verkraftbar sein.
In der vorigen Woche überraschte die New York Times ihre Leser mit der Frage, ob es in Deutschland eine irrationale Übertreibung (”irrational exuberance”) bei der Stimmung der Unternehmen gebe. Der ifo-Geschäftsklima-Index ist auf den höchsten Stand seit 1990 gestiegen. Dagegen halten sich die Wachstumserwartungen für die deutsche Wirtschaft in der Mehrzahl der Prognosen bei eher bescheidenen knapp 2% für dieses und gut 1% für nächstes Jahr. Das passt in der Tat nicht zusammen. Mit dem Hinweis auf die ”irrational exuberance” erinnert die Zeitung an die Aktienblase vom Ende der 1990er Jahre, die dann ab 2000 platzte. Müssen wir uns darauf einstellen, dass die Stimmung in der Bundesrepublik wie damals wieder in sich zusammenbricht? Oder fällt die Konjunkturerholung am Ende vielleicht doch besser aus als erwartet?
Zunächst muss man sagen, dass die Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Konjunktur in Deutschland stärker als sonst ist. Phasen des konjunkturellen Umschwungs sind immer schwer vorherzusagen. Für Deutschland fällt zusätzlich ins Gewicht, dass die Menschen von einer über zehn Jahre dauernden Malaise geprägt sind. Da reagieren manche auf Zeichen einer ersten Besserung vielleicht etwas zu euphorisch. Die neue Regierung Merkel hat bisher keine spektakulären Reformschritte unternommen, die einen Umschwung plausibel machen würden. Ihre Hauptleistung war, dass sie Ruhe in die Debatte brachte und Vertrauen aufkeimen ließ.
Um den Widerspruch zwischen der Stimmung und der Lage aufzuklären, müssen wir uns die Fakten der Konjunktur etwas genauer anschauen.
Stärkste Kraft ist nach wie vor der Export. Er ist 2006 noch einmal besser gestartet. Besonders markant steigen die Exporte nach Russland (plus 14%) und – nach einer vorübergehenden Pause – nach China (ebenfalls plus 14%). Erstaunlich ist auch der hohe Zuwachs in die Länder der Eurozone (plus 10%). Hier gewinnen deutsche Unternehmen zurzeit Marktanteile. Die Fußball-Weltmeisterschaft wird dazu führen, dass auch traditionell wenig exportintensive Branchen wie der Einzelhandel mehr an Ausländer verkaufen.
Der bedeutende Vorzug der deutschen Exporteure ist ihre verbesserte Wettbewerbsfähigkeit. Sie sind daher weniger anfällig für eine mögliche Verlangsamung des Welthandels. Das einzig wirkliche Problem wäre eine anhaltende Aufwertung des Euro. Freilich hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass deutsche Exporteure damit leichter fertig werden als andere, vor allem dass sie bereit sind, im Zweifel auch einmal schlechtere Margen zur Verteidigung ihres Marktanteils in Kauf zunehmen. Die fünf deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen 2006 mit einem Wachstum des Exports von 8,2%.
Zweite wichtige Stütze der Konjunktur sind die Investitionen. Die Inlandsaufträge der Maschinenbauer sind zuletzt um 17% gestiegen. Zum Teil handelt es sich bei den neuen Ausrüstungen um Ersatz, der nicht länger aufgeschoben werden kann. Zum Teil werden aber auch Kapazitäten erweitert. Etwa in der Exportwirtschaft mit ihren zweistelligen Zu- wachsraten.
Der große – zu wenig beachtete – Überraschungskandidat der deutschen Konjunktur ist die Baubranche. Vor einem Jahr gingen die Auftragseingänge hier noch um 10% zurück, jetzt steigen sie um 6%. Angefangen hat es mit dem Gewerbebau, dann kamen der Wohnungs- und der Tiefbau. Der deutsche Immobilienmarkt belebt sich. Sicher sind Vergleiche mit dem Boom in Spanien oder Dänemark nicht angebracht. Das wäre aber auch nicht wünschenswert. Der Baubereich macht rund 9% des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus – ein Drittel mehr als die Investitionen in Maschinen und Ausrüstungen.
Nur beim privaten Konsum hakt es. Der Einzelhandel hatte im ersten Quartal dieses Jahres erneut ein schlechtes Geschäft. Die Lohnerhöhungen bleiben hinter der Preissteigerung zurück, weil nicht überall Steigerungen von 3% wie in der Metallindustrie durchgesetzt werden können. Eine stärkere Zunahme der Beschäftigung mit entsprechenden Wirkungen auf das Einkommen ist nicht zu erwarten. Andererseits sollte man hier nicht zu pessimistisch sein. Der Konsum kommt in der konjunkturellen Dynamik immer zuletzt. Der Einzelhandel macht nur rund die Hälfte des gesamten privaten Verbrauchs aus. Die Käufe von Autos sind in den ersten zwei Monaten um 4% gegenüber Vorjahr gestiegen. Viel spricht dafür, dass 2006 ein gutes Autojahr wird. Im Vorfeld der Mehrwertsteuererhöhung werden langlebige Konsumgüter gekauft. Der Absatz von Fernsehern profitiert von der Fußball-Weltmeisterschaft. Im Übrigen fehlt es bei den Verbrauchern nicht an Geld. In den vergangenen Jahren ist die Sparquote trotz niedriger Einkommenszuwächse um einen Prozentpunkt gestiegen (auf 10,8%) – das sind rund 15 Mrd. Euro.
Was ergibt sich daraus für unsere Ausgangsfrage zur Konjunktur?
Erstens: Die gute Stimmung ist gerechtfertigt. Das Wachstum der Wirtschaft ist breit fundiert. Es handelt sich nicht um eine ”irrational exuberance”, auch wenn die Stimmung sicher etwas nach oben übertreibt.
Zweitens: Ich rechne insgesamt mit einer ”Zwei-plus- Zwei”-Konjunktur”: Zwei Jahre Wachstum von zwei Prozent – 2006 vielleicht ein bisschen mehr, 2007 vielleicht in bisschen weniger. Das ist für eine Wirtschaft, die so lange dahingedümpelt ist, ordentlich und eine deutliche Abkehr von der bisherigen Performance.
Drittens: Die Risiken der deutschen Konjunktur liegen vor allem im internationalen Bereich (Euro-Aufwertung, Verlangsamung des Welthandels). Wenn die Welt zusammenbricht, können auch die Tauben nicht mehr fliegen. Im Inland ist die Mehrwertsteuererhöhung das höchste Risiko. Rein rechnerisch könnte sie einen halben Prozentpunkt Wachstum kosten. Ich vermute aber, dass der Effekt viel geringer sein wird. Der Schwung der Konjunktur ist groß genug, um auch Widerstände zu überwinden. Die Steuererhöhung trifft nicht die wichtigen Bereiche Export, Investitionen und Bau. Und sie macht die Staatsfinanzen wieder solider.
Aquila Investment AG
Dr. Martin Hüfner