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04:26 Montag 13. Oktober 2008

Die Höhlenbilder im Mittelmeerraum der Iberischen Halbinsel

Das Weltkulturerbe Spaniens Teil 27

Als man die ersten Spuren von Höhlenbildern auf spanischem Boden fand vermutete niemand, dass es sich dabei um Malereien von Steinzeitmenschen handeln könnte, so vollkommen sind die Bildkompositionen, die die Wände der Höhle von Altamira (Kantabrien, entdeckt 1880) dekorieren. Aber nachdem immer mehr Funde dieser Art auftauchten, ganz besonders nach dem in Lascaux (Frankreich, 1940), wo auf über 100 Metern ein Reigen von Pferden, Rindern, Katzen, Steinböcken und Wisenten abgebildet sind, dämmerte den Experten, dass hier tatsächlich Menschen aus einer Zeit am Werk gewesen sind, in der man noch Steinwerkzeugen arbeitete. 

Für Kunsthistoriker ist der bisherige absolute Höhepunkt auf dem Gebiet der Höhlenkunst jedoch die Entdeckung der Chauvet-Grotte in Südfrankreich im Jahre 1994. Mit etwa 31.500 Jahren gilt sie als die älteste und bedeutendste Bilderhöhle von allen. Sie birgt fantastische großflächige Darstellung von Tieren und Tiergruppen. Die Fähigkeiten der frühen Künstler zur Abstraktion und Bildgestaltung überraschen jeden, der sie betrachtet. Es gilt um jeden Preis zu verhindern, dass Bakterien in diese Höhle eindringen und sie zerstören, weshalb diese Schatzkammer der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.
In Lascaux und Altamira kann man in der Nähe der Originale aus diesem Grund nur Kopien besichtigen. Andere Höhlen sind weniger gefährdet. Zum Schutz allen Nachlasses unserer Eiszeitvorfahren wurde auf einer Plenarversammlung der UNESCO in Kioto beschlossen, weltweit 757 Gruppen von Höhlenmalerei für die Kategorie Kulturlandschaften zum Kulturerbe der Menschheit zu erklären. Darunter befinden sich die Funde im spanischen Mittelmeerraum, um die es in diesem Artikel geht und die zusammen mit einem so gegensätzlichen Kulturdenkmal wie die Madrider Universität von Alcalá de Henares seit 1998 zum spanischen Weltkulturerbe gehören.

Als die Höhlenkunst entstand, in der Steinzeit gegen Ende der Eiszeit, waren weite Teile Europas noch von Gletschern überzogen. Jäger und Sammler wohnten in Höhlen. Sie sind es, von denen wir durch die die Höhlenkunst unser Wissen über ihre Lebensbedingungen beziehen, durch bunte Malerei und Strichzeichnungen geben sie uns darüber Auskunft. Ihre Farben entnahmen sie der Erde und den Steinen, Eisenoxyde und –hydroxide ergaben Rot, Brauneisenerz Braun, Ton und Goethit Gelb. Kohle von Knochen, Horn oder Holz dienten der Herstellung von schwarzen Pigmenten. Damit sie besser auf der rauen Felsoberfläche hafteten, mischten die Maler den Pigmenten Kalk und Wasser als Bindemittel unter. Denn Kalk bildete Kristalle, die das Pigment umhüllen und dauerhaft machen. Wie dauerhaft, sehen wir nun. Auch Harz und Blut dienten als Bindemittel. Gemalt wurde mit eingefärbten Fingerspitzen oder Tierhaarpinseln, gesprayt mit Hilfe eines Röhrchens. Hielt der Künstler die Hand vor seine Arbeitsfläche, entstanden die überall zu findenden Handnegative. Die Meister der Felskunst machten sich Risse und Vorsprünge zu Nutzen, um den dreidimensionalen Effekt zu erwirken. Durch Abschleifen umliegender Flächen schufen sie Flachreliefe.

Die vorgeschichtliche Kunst auf der Iberischen Halbinsel unterscheidet man nach drei Ausdrucksformen: Die älteste wurde von den Menschen der Jungsteinzeit (40.000 bis 10.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung) geprägt, vertreten in der oben genannte Altamira-Höhle in Asturien.
Die zweite Gruppe bildet die Felskunst an der spanischen Ostküste (Arte Levantino), die eine Sonderstellung einnimmt. Sie gehört in die Zeit des Übergangs von der Jungsteinzeit zum Metallzeitalter, ist im Gegensatz zu den anderen beiden Stilrichtungen geografisch begrenzt und erstreckt sich von südlich der Pyrenäen (Lerida) über Teruel und Albacete bis nach Murcia. Zeitlich fällt sie in die Zeit von 7.000-4.000 v.Chr. Obwohl die Funde in Küstennähe häufiger vorkommen,  gibt es sie auch in so entlegenen Gegenden wie Rio Vero in Huescar, Albarracín in Teruel oder Villar del Humo in Cuenca. Abgesehen davon befinden sich die bedeutendsten Fundort in den Provinzen Castellón und Albacete. 

Die dritte Stylart, schematische Kunst genannt, entwickelte sich im Laufe des 4. Jahrtausends v.Chr. aus dem Levantiner Stil und verbreitete sich bis in das Erste Jahrtausend v.Chr. mit einer Vielzahl sehr unterschiedlichen Felsbildern über die gesamte Iberische Halbinsel.
Die Höhlenmalerei diente sicher auch der Zierde von Wohnraum, vor allem aber schmückte sie Kultstätten. Sie ist eine Kunst der Jäger, die einschlief, als aus den Jägern Bauern wurden. Es handelt sich dabei um eine erzählende Kunst, weil ihre Symbolik Geschichten erzählt. Dass zum Beispiel überall und immer wieder hauptsächlich Tiere sowohl bildlich als auch grafisch dargestellt sind, deutet auf deren lebenswichtige Rolle hin. Immer wieder stoßen Wanderer im Land Valencia an schwer zugänglichen Stellen, unter Felsvorsprüngen oder in kleinen Höhlen, auf kleinere oder auch große Zeichen und Zeichnungen, besonders oft in den Kreisen Marina Alta und Marina Baja, El Comtat und in der Region um Alcoy. Die Motive, oft in Höhen von 1.000 Metern gefunden, bestätigen stets, dass hier die Heimat von Jägern war, denn die jetzt kahlen Hügel waren bewaldet und sehr wildreich. Hirsche sind besonders oft abgebildet, ebenso Steinböcke, Wildschweine und Wisente, auch Ur oder Auerochse genannt. Die detaillierten Levantiner Felsbilder mit ihrer Vielseitigkeit und Lebendigkeit erteilen somit eine aufschlussreiche Lektion über das Leben unserer Vorfahren im Mittelmeerraum.
Das gilt auch für Tortosillas im Land Valencia. Dort entdeckte man 1911 eine Höhle und kurz darauf eine weitere bei Valltorta in der Provinz Castellón. Maestrat, die Sierras an der Quelle vom Júcar und der Norden der Provinz Alicante beherbergen mannigfaltige Zeitzeugen. Im Land Valencia fand man auch in der Cueva de Reinos im Ebo-Tal das Bild einer skizzierten Bergziege und in der nahen aber viel tieferen Cueva Fosca elegant gezeichnete Pferde, Hirsche und ausnahmsweise ein Schaf. 

Vor diesen Funden war die Steinzeitkunst bereits vertreten in Form von zahlreichen Gravurgruppen von einfachen geometrischen Zeichen, darunter auch auf über 5.000 Tafeln, gefunden in der Cova del Parpalló in Gandía, mit Ziegen, Pferden, Stieren, Hirschen und Wildschweinen. Sie entstanden bereits um 16.000 v.Chr. In Tabernes de Valdigna findet man die Spuren der Steinzeitmenschen unter freiem Himmel.
Im Gebiet von Murcia weist die Höhlenmalerei ebenfalls eine Zeitfolge auf, die von der Jungsteinzeit bis zur Bronzezeit verläuft. Fast hundert ausdrucksvolle Werke, die leicht zugänglich sind, wurden für eine Route ausgewählt, die durch Murcias Norden verläuft und an ähnliche Routen in Valencia und Kastilien und la Mancha anschließt.

In Cieza (Murcia) fand man erst kürzlich eine Höhle, in der es etwa 15.000 Jahre alte Darstellungen von Pferden gibt. Jüngeren Datums sind Abbildungen von erzählendem und naturalistischem Charakter – sie werden auf 10.000 - 6.000 Jahre datiert. Es handelt sich dabei um menschliche Figuren und Tiere mit roter und seltener schwarzer Farbe. Sie entstanden als Silhouetten, mit feinen Pinseln gemalt, die anschließend ausgemalt wurden.
In Spanien gibt es insgesamt 128 Höhlenkunstfundorte, übertroffen von Frankreich mit 150 und gefolgt von Italien mit 21, alles Länder, die später große Maler hervorgebracht haben. 

Fotos zur Verfügung gestellt von: Centro Documentacion ICOMOS, Paris

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