Das Weltkulturerbe Spaniens, Teil 29„Ein Urlaubsziel für Junge und Junggebliebene“ wird Ibiza, die drittgrößte Insel der Balearen, in Reiseprospekten beschrieben. Mit jährlich über 1,5 Millionen Touristen kann sie nicht mit den Umsatzzahlen der großen Schwestern Mallorca und Menorca konkurrieren; die internationale Clubszene hat Ibiza aber mittlerweile zum Mekka für alle Party-Begeisterten verwandelt. Doch neben Sonne, Sand und Sektlaune hat die Insel weit mehr zu bieten. Am 4. Dezember 1999 hat die UNESCO Ibiza zum Weltkulturerbe erklärt und die Insel damit auch endgültig in den Kategorien Kulturschätze und biologische Vielfalt berühmt gemacht.
Von Natija Dolic (Text) &
Centro Documentacion ICOMOS, Paris (Fotos)
Der im 15. Jahrhundert lebende Astrologe Nostradamus muss die Bedeutung Ibizas für die Kulturgeschichte der Welt bereits zu seiner Zeit im Mittelalter erahnt haben. „Ibiza wird einmal die letzte Zuflucht auf der Erde sein“, sagte der Franzose voraus. Seinen Weissagungen zufolge sollen es nach einer weltweiten Katastrophe besondere Windverhältnisse sein, die auf der Baleareninsel weiterhin Leben ermöglichen. Von einer existenziellen Katastrophe ist die Welt bis dato noch verschont. Besondere Verhältnisse herrschen auf Ibiza aber allemal, die die UNESCO dazu veranlasst haben, die Insel für ihre reiche biologische Vielfalt in den exklusiven Club der Weltkulturträger aufzunehmen.
Posidonia sorgt für reiche biologische Vielfalt
Diese Vielfalt verdankt Ibiza den dichten Feldern von Posidonia, die den Meeresboden fruchtbar machen und für ein einzigartigen Austausch zwischen dem Marine- und Küstenökosystem sorgen. Posidonia, auch Neptungräser genannt, wachsen grasartig auf dem Meeresgrund und werden daher auch als Seegras bezeichnet. Sie sind in temperierten Meeresbereichen südlich von Australien und vor allem im Mittelmeer heimisch, mittlerweile aber stark dezimiert. Geographisch gesehen bildet Ibiza zusammen mit Formentera und anderen zahlreichen Felseninseln die Inselgruppe der Pityusen (griech.: Pinienwälder). Sie verdanken ihr sauberes, kristallklares Meereswasser den reichen Vorkommen an Neptungräsern. Auch das ökologische Gleichgewicht und die biologische Vielfalt des pityusischen Meeres hängen ausschlaggebend von gesunden Beständen der Posidonia ab.
Dalt Vila, Puig des Molins und Sa Caleta zeugen von der tausendjährigen Kultur Ibizas
Über die Ureinwohner der Pityusen ist nur wenig bekannt. Höhlenmalereien in Ses Fontenelles bei Sant Antoni und Megalithen von Ca Na Costa auf Formentera deuten darauf hin, dass Ibiza und andere Inseln der Pityusen zwischen 2000 und 1600 v. Chr. von iberischen Hirtenvölkern erschlossen wurden. Der nachhaltige Einfluss auf die Geschichte und Kultur Ibizas begann jedoch erst mit den Phöniziern. Die heutige Ibiza-Stadt wurde von den Phöniziern um 700 v. Chr. an der Ostseite der Hafenbucht von Eivissa (katalanisch für Ibiza) gegründet. Da die Stadt das Münzrecht besaß, wurde sie zum wichtigen Handelshafen. Von den Phöniziern ist heute noch die groß angelegte Nekropole Puig des Molins (dt. Mühlenhügel) erhalten, die später auch von den Römern benutzt wurde. Mehr als 4.000 punische und römische Gräber hat man entdeckt. Die Grabbeigaben kann man heute im Museu Monografic am Fuß des Hügels besichtigen.
Neben der Nekropole sind auch die Ruinen der Siedlung Sa Caleta geschichtsträchtiger Beweis für die Urbanisierung und das soziale Leben der phönizischen Kolonien des westlichen Mittelmeers. Sie stellen eine einzigartige Quelle hinsichtlich der Anzahl, Wichtigkeit und des Materials der phönizischen und karthagischen Gräber.
Ab 123 v. Chr. fielen die Römer in Ibiza ein, inmitten der punischen Kriege. In dieser Zeit stand der Ausbau der Infrastruktur und der Nahrungsversorgung an vorderster Stelle für die Besatzer. So wurden weiter Hafenstädte errichtet und die Nachbarinsel Ibizas wegen ihres fruchtbaren Bodens Frumentaria genannt (die „Weizenreiche“, heute Formentera) und als Kornkammer genutzt. Nach einem kurzen Einfall der Vandalen folgte wie in ganz Spanien ab 711 auch die maurische Eroberung Ibizas. Doch erst im 10. Jahrhundert konnten die Mauren ihre Macht auf Ibiza stabilisieren. Sie hatten mit räuberischen Wikingern und arabischer Piraten zu kämpfen. Als Schutz vor den andauernden Überfällen errichteten sie unter ihrer Herrschaft (9.- 13. Jahrhundert) die massiven Wehrmauern von Dalt Vila, die ein weiteres Kulturerbe sind und das Bild der Ibiza-Stadt noch heute prägen. Unter den aragonischen und spanischen Königen wurden die Festung ausgebaut, denn die Piratenangriffe wollten kein Ende nehmen. Da mit der Entdeckung der Neuen Welt der Mittelmeerhandel an Bedeutung verloren hatte, verblieb die Insel nahezu unbefestigt. Als Schutz bauten die Ibizenkos zuerst Wachtürme, bevor 1556 Philipp II. mit dem Neubau der Wehrmauern von Ibiza-Stadt begann.
Die Dalt Vila ist ein ausgezeichnetes Beispiel einer Wehrmauer, die die Spuren ihrer Erbauung noch bis heute bewahren konnte. Obwohl die zum Teil stark verfallenen Mauern in den 1990ern restauriert wurden, haben die Arbeiten nicht die Muster, Materialen und Techniken früherer Zeiten zerstört. Damit liefert Dalt Vila zusammen mit Ibiza-Altstadt ein Kulturerbe, das über die Renaissance bis hin zu den ersten Siedlungen der Phönizier reicht. Die Architektur, Schönheit und Einfachheit dieses Kulturguts haben sogar die Bauten der kolonialen Siedlungen der Neuen Welt ausschlaggebend beeinflusst.