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Deutsche Botschaft und Konsulate in Spanien


13:35 Dienstag 6. Januar 2009

GORCH FOCK

„Die Gorch Fock ist eine Bark, das heißt Fock- und Großmast sind rahgetakelt, während der Besanmast Schratsegel führt“, heißt der erste Satz einer Broschüre, die sich an Besucher des deutschen Segelschulschiffes richtet. Den Laien unter uns kommt die Beschreibung sicherlich spanisch vor. Vielmehr lässt sie alle Nicht-Seemänner baden gehen im Meer der marinen Fachbegriffe, wirft die verzweifelte Frage nach dem „Wie bitte?“ auf und verlangt nach Erklärung. das aktuelle spanienmagazin hat das deutsche Schulschiff, das vom 28. September bis 12. Oktober in Málagas Hafen Station machte, während einer Segelmanöver-Übung besucht. Marco Hüde, Presseoffizier und Ausbilder an Bord der Gorch Fock, stand uns Rede und Antwort und ließ sich jede noch so laienhafte Frage geduldig gefallen.

Von Natija Dolic (Text) & Hans Seybold (Fotos)

„Hoch, top, hoch, top“, rufen sich die Kadetten zu. In Reih und Glied stehen sie in unterschiedlichen Gruppen nebeneinander und ziehen abwechselnd an den dicken Tauen, um die Segel zu bergen. „Jeder Handgriff muss sitzen, jede Bewegung ins Blut übergehen“, sagt Hüde und ruft den Offiziersanwärtern weitere Befehle zu. Denn Fehler bei Manövern können fatale Folgen haben, da die Segel mit einer Gesamtfläche von über 2000 Quadratmetern und die Masten mit mehreren tausend Kilogramm schwer ins Gewicht fallen. „Die Übungsphase dauert natürlich länger, später auf See muss das Manöver aber in 20 Minuten hinhauen“, schildert Hüde weiter. 

Seit 6:20 Uhr sind die Kadetten heute auf den Beinen, wie an jedem Arbeitstag. Nach einem kurzen Frühstück und den täglichen Reinemache-Arbeiten sind vormittags die praktischen Übungen angesetzt und andere körperlich anstrengendere Arbeiten. Nach dem Mittagessen helfen alle, Ordnung an Bord zu schaffen und bereiten sich auf den nächsten Tag vor. Theoretisch sieht so der Alltag auf dem Schiff aus, aber eben nur theoretisch. In der Praxis, das heißt auf See, bringen Wind und Wetter den gewohnten Tagesablauf kräftig durcheinander. Vor allem bei schlechter Witterung erfährt die stehende Segelwache was es heißt, ein 90 Meter langes und 12 Meter breites Segelschiff zu steuern. Auch sonst sind die Kadetten stets beschäftig: Ob Manöver fahren, Knoten lernen oder am berühmten Seesack nähen – an Bord gibt es immer etwas zu tun. Auch nachts. Ein Offiziersanwärter schreibt in seinem Tagebuch: „Besonders die Nachtwache ist eine bislang unbekannte Belastung. In der Bauernnacht kann man aber nach dem vierten Dienst wieder eine Nacht durchschlafen“.

Auf ihrer 146. Ausbildungsreise werden auf der Gorch Fock drei Lehrgänge mit jeweils knapp 100 Offiziersanwärtern mit den Grundlagen der Seefahrt vertraut gemacht. Ein ungewohnter Anblick sind die weiblichen Kadetten, die rund ein Viertel eines jeden Lehrgangs ausmachen.  „Obwohl Frauen erst seit einigen Jahren eine Karriere beim Bund oder der Marine einschlagen können, gibt es auf der Gorch Fock schon seit dem Stapellauf 1958 Frauen an Bord“, erklärt Hüde, denn „hier konnten sie ihre Sanitätsausbildung absolvieren.“
Während der Großteil der Kadetten mit vereinten Kräften an den Tauen ziehen, klettern ein paar von ihnen am Großmast hoch, geschickt wie kleine Äffchen. In schwindelerregender Höhe sorgen sie dafür, dass beim Segelbergen alles klappt. Die Kletterer sind aber nie ungesichert bei der Arbeit. Ab einer bestimmten Höhe nutzen sie die Karabinerhaken ihres Sicherheitsgurtes, um keine Absturzgefahr zu riskieren. „Die Sicherheit unserer Besatzung ist oberstes Gebot“, versichert der Presseoffizier. So gehört auch die Brandabwehr zur Ausbildung, denn auf See ist Feuer die größte Gefahr für ein Schiff. Winde und Sturmfluten sind aber auch nicht zu unterschätzen. Zumindest dem Albatros, Galionsfigur der Gorch Fock, hat die schwere See oft zu Schaffen gemacht und einen zweifelhaften Ruf eingebracht. Denn: Keinem anderen Segelschiff ging die Galionsfigur so oft verloren wie der Gorch Fock. Entweder war das Material (Holz oder Polyester) schuld an dem Verlust oder das Gewicht zu schwer. Der aktuelle und mittlerweile sechste Albatros in der Geschichte des „weißen Schwans der Ostsee“ ist aus Kohlefaser gefertigt und hält bis dato noch jeder Witterung stand.

In sechs Wochen lernt jeder Kadetten-Lehrgang unter anderem die Arbeit in Takelage, das Hochsteigen an den Masten, das Setzen und Bergen der Segel. „Mit den Bedingungen an Bord kommt nicht jeder Kadett auf Anhieb klar“, räumt Hüde ein und nennt „seefest“ als einen der  Schlüsselbegriffe. „Normalerweise haben sich die Neulinge an Bord spätestens nach einer Woche an das Schaukeln gewöhnt, einige wenige werden aber nie seefest“. Eigentlich kein Wunder, bedenkt man, dass selbst die Betten in ständiger Bewegung sind. Mit Hängematten, jeweils drei übereinander hängend, müssen die Kadetten vorlieb nehmen. Der Mangel an Komfort und die ungewohnte Enge an Bord sind aber weniger als notwendiges Übel, sondern eher als pädagogische Maßnahmen gedacht. Sie sollen den Kadetten Eigenschaften beibringen, die für die Seefahrt unerlässlich sind: Kameradschaft, Rücksichtnahme und Teamgeist. „Außerdem kann nur die Ausbildung auf einem Segelschiff, das von Wind und Wetter abhängig ist, die Bedeutung einer Seemannschaft glaubhaft vermitteln“, erklärt der Presseoffizier. Die ersten zwei Wochen der Segelvorausbildung beginnt jeder Lehrgang mit Übungen, während das Schiff am Hafen anliegt. Danach folgen mehrere Wochen auf hoher See, wo das Erlernte praktisch angewendet werden muss.

Die Ausbildung von Offiziersanwärtern ist die Hauptaufgabe der Gorch Fock. Die monatelange Fahrten auf allen sieben Weltmeeren haben das  Schulschiff auch zum Botschafter Deutschlands und der deutschen Marine gemacht. Über 680.000 Seemeilen hat die Bark auf ihren Reisen bereits zurückgelegt und damit theoretisch 31 Mal den Globus umrundet. Außerdem ist der Dreimaster Rekordhalter in verschiedenen Bereichen: 1980 hat die Gorch Fock in weniger als 24 Stunden über 323 Seemeilen zurückgelegt und dank einer hohen Knotenzahl sowie gekonnten Manövern zahlreiche Regatten von Großseglern gewonnen.  Die Gorch Fock ist auch das am meisten abgebildete Schiff der Welt. Der deutsche Dreimast zierte nämlich die Rückseite des alten 10-DM-Scheins, der in vielen Millionen Exemplaren in Umlauf war. 

„Wir sind in Kiel gestartet, in Malaga hat der erste Lehrgangswechsel stattgefunden, der zweite und letzte der Ausbildungsreise ist auf Ibiza geplant“, erläutert Presseoffizier Hüde den Verlauf der Reise. Insgesamt 113 Tage wird die Gorch Fock unter dem Kommando von Fregattenkapitän Norbert Schatz unterwegs sein und über 3600 Seemeilen zurückgelegt haben. Von Ibiza aus steuert die Gorch Fock wieder ihren Kieler Heimathafen an, wo sie voraussichtlich Ende Dezember pünktlich zum Weihnachtsfest einlaufen wird. Für das  Frühjahr 2007 ist der nächste Törn, eine Transatlantikfahrt, geplant. 

Gorch Fock – woher kommt der Name?
Genau genommen ist Gorch Fock kein Name, sondern eines von drei Pseudonymen, unter denen der Hamburger Schifffahrtsdichter Johann Wilhelm Kinau seine prosaischen und lyrischen Texte veröffentlicht hat. Er wurde 1880 als ältestes von sechs Kindern auf der Elbinsel Finkenwerder geboren. Schon als kleiner Junge war er fasziniert von der See, nicht zuletzt inspiriert durch seinen Vater und „Helden“ Heinrich Wilhelm Kinau, der als Hochseefischer den Lebensunterhalt für seine Familie verdiente. Doch die kränkliche Konstitution Johanns ließ ihn beim Seetauglichkeitstest seines Vaters scheitern und den Traum vom Seefahrerberuf platzen. Folglich schlug Kinau sich mit verschiedenen Stellen als Buchhalter und Kontorist durch, doch seine Leidenschaft zur Seefahrt blieb ungebrochen. Mit 24 Jahren veröffentliche er meist in seiner Muttersprache, einem breiten finkenwerderischen Plattdeutsch, verfasste Gedichte und Erzählungen unter den Pseudonymen Jakob Holst, Giorgio Focco – und Gorch Fock:  „Gorch“ als die lokaltypische Abwandlung von „Georg“ und „Fock“ als eine Linie seiner großelterlichen Vorfahren. „Seefahrt ist Not“ (1913) war Kinaus bekanntester Roman, mit dem er ein Standardwerk der Seefahrtsliteratur schuf und das bis zum Zweiten Weltkrieg jeder norddeutsche Junge gelesen hatte. Doch berühmt wurde Gorch Fock posthum, als Namensgeber für zwei Segelschiffe der deutschen Marine. Kinau wird im Ersten Weltkrieg eingezogen, zuerst als Infanterist, dann wechselt auf eigenen Wunsch vom Heer zur Marine, zum geliebten Meer, wo sein Seefahrertraum tragisch in Erfüllung gehen sollte. In der Seeschlacht am Skagerrak geht Fock mit der SMS Wiesbaden unter und stirbt den Tod eines Seefahrers. Seine Leiche wird 1916 nahe Göteborg an Land getrieben. Gorch Fock wurde nur 36 Jahre alt.

Service:
Das Nachschlagewerk für Seemannsgarn und das Wortgut der Blauen Jungs: Marinedeutsch von A bis Z im Internet unter www.marine.de/lexikon
Informationen zur Gorch Fock: www.esys.org, www.gorchfock.de

Was ist eigentlich...
 ... ein Kadett?: Zögling einer militärischen, zur
     Offizierslaufbahn vorbereitenden
     Erziehungsanstalt
... eine Takelage?: Die Gesamtheit der
    Haltevorrichtungen
    der Segel auf einem Schiff.
... eine Brasse?: Tau zum Ausrichten der  Segel
    zum Wind

Und aufgepasst: Schot ist nicht gleich Schott
eine Schot: starkes Seil, mit dem die Segel bewegt und festgebunden werden
eine Schott: Wasserdichte, im Schiffsinneren eingebaute und ausgesteifte Zwischenwand oder Durchgangstür. Bei Wassereinbruch können einzelne Schotts geschlossen werden, so dass das Wasser nicht überall eindringen kann. Sind noch nicht zu viele Abteilungen geflutet, kann durch das Schließen von Schotts der Untergang eines Schiffes verhindert werden.

 

 

Quizfrage:
Legt man jedes Stück Seil bzw. Tau hintereinander, das sich an Bord der Gorch Fock befindet und zum Betrieb des Schiffes und der  Segel benötigt wird:
Was schätzen Sie? Wieviele Meter könnten das insgesamt sein?
Schicken Sie Ihren Tipp bis zum 20. November per E-Mail oder Post an:
das aktuelle spanienmagazin - Apto. 274 - 29740 Torre del Mar
E-Mail: dasaktuelle@terra.es

Die drei Einsendungen, die der richtigen Zahl am nächsten kommen, erhalten je einen Verzehrbon im Wert von 50,- Euro für das Hotel BYBLOS. Bei Zahlengleichheit entscheidet das Los (Der Rechtsweg ist ausgeschlossen).

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