Das Weltkulturerbe Spaniens Teil 30Die Stadt San Cristóbal de La Laguna (ca. 150.000 Einw.) liegt westlich der Provinzhauptstadt Santa Cruz de Tenerife auf der Insel Teneriffa. Schon vor langer Zeit (1833) sah sie alle Ambitionen frustriert, aufgrund ihrer besonderen Geschichte den Capital-Status zu behalten. Schließlich handelt es sich bei ihr um die erste spanische Kolonialstadt. Sie verlor ihn zwar damals an die sich wirtschaftlich prächtig entwickelnde Nachbarstadt, kam jedoch unter ungeahnten Umständen später doch noch zu gebührender Ehre.
Die historische Anlage mit ihrem gitterartigen Grundriss ist der Urtyp einer Gebiets-Stadt und das erste Beispiel einer „Stadt des Friedens“, das heißt unbefestigten Siedlung der Spanier. Sie wurde nach Erkenntnissen der Navigation, eine der wichtigsten Wissenschaften des späten Mittelalters, konzipiert und anschließend in den neuen Kolonien oft kopiert. Entstanden auf dem Reißbrett unter dem Gesichtspunkt einer neuen, friedlichen Gesellschaft, ist sie geprägt von der religiösen Doktrin des 16. Jahrhunderts. 1999 wurde sie aus diesen Gründen durch einen UNESCO-Beschluss zum Weltkulturerbe erklärt.
Der damals revolutionäre Stadtplan liest sich wie ein alter Plan des Firmaments, wobei die Kardinalpunkte bestimmten Stellen der Stadt entsprechen und besondere Punkte miteinander in Verbindung stehen. Das Gesamtbild bekam hat Charakter.
San Cristóbal de la Laguna wurde 1497 vom Eroberer und Statthalter Alfonso Fernández de Lugo gegründet. Er übernahm die historische Aufgabe, das erste Überseeterritorium Spaniens zu besiedeln. Ihren heutigen Rufnamen La Laguna bekam die Stadt von einem nahen seichten Sumpfgebiet, das 1837 trockengelegt wurde. Die ersten Bewohner waren hauptsächlich Soldaten, denen keine bestimmten Parzellen für den Hausbau zugeteilt wurde, weil das nicht befestigte Stadtgebiet als öffentlich betrachtet wurde und jeder bauen konnte wo er wollte. Deshalb entstanden die ältesten Bauten planlos rund um die Kirche De la Inmaculada Concepción herum.
Diese Situation, die für die Villa de Arriba, die obere Stadt, kennzeichnend ist, änderte sich radikal, als man im Jahr 1502 einen Grundriss von Leonardo Da Vinci kopierte, der damit in seiner Heimat die Stadt Imole geplant hatte. Der Gouverneur von Teneriffa mit dem Titel des Adelantado, was so viel wie Vorreiter bedeutet, passte Da Vincis Plan den örtlichen Gegebenheiten mit den bereits existierenden Bauten, z.B. seine eigene Residenz und die Kirche, an. So entstand die Villa de Abajo, die untere Stadt, die das Vorbild für viele der im Anschluß gegründeten spanischen Kolonialstädte werden sollte.
Lange Hauptstraßen verbanden öffentliche Gebäude und bildeten Quadrate, die von kleineren Straßen in Unterquadrate geteilt wurden. La Laguna wuchs schnell. 1515 zählte man bereits über eintausend Einwohner. Auch die katholische Kirche fasste schnell festen Fuß: Es entstanden die Klostergemeinschaft Nuestra SeZora de los Remedios (1511), die Einsiedelei von San Miguel (1506) und die Hospize San Sebastian (1506) und Dolores (1515).
Die ersten Verwaltungsgebäude entstand 1525. 1531 bekam San Cristóbal de La Laguna eigene Statuten. Die Neuzeit war angebrochen, man tat etwas für die Bürger und führte eine öffentliche Wasserversorgung in die Stadt hinein. 1554 wurde der Abriss aller Holzbauten beschlossen, um die Brandgefahr zu mindern, denn mehr sechs Tausend Menschen lebten hier auf dichtem Raum zusammen. La Laguna war die größte Stadt der Kanaren. Sie spielte die führende Rolle der Inseln auf politischem, religiösem und kommerziellem Gebiet bis ins 18. Jahrhundert, was sich in den Bauten aus dieser Zeitspanne widerspiegelt.
Dann aber verlagerte sich das Hauptgewicht von Handel und Politik nach Santa Cruz, so dass La Laguna nur die religiöse und kulturelle Führung blieb. Im 20. Jh. stieg das Ansehen der Stadt auf geistigem Gebiet noch einmal durch die Gründung einer Universität. Die meisten Menschen erfuhren jedoch erst nach der Ehrung der UNESCO und den Großbrand im Januar dieses Jahres von La Lagunas Bedeutung.
So viel zur Geschichte. Dank des wirtschaftlichen Dornröschenschlafs blieb die Stadt vor der Zerstörung durch Infrastrukturfortschritt und Bodenspekulation verschont und rettete sich intakt in unsere Tage. Originalfassaden zieren die Stadtlandschaft mit architektonischen Elementen aus verschiedenen Epochen. Auch islamische Elemente gehören dazu in Verbindung mit den jeweils aktuellen europäischen Stilen. Die Ursprünglichkeit geht in der unteren Stadt so weit, dass die Zunften bis heute in ihren angestammten Vierteln ihrer Arbeit nachgehen: viele Schuster, Schmiede, Friseure usw. haben ihren traditionellen Standort beibehalten.
Hier eine nähere Beschreibung der Straßen, Plätze und Bauten, die San Cristóbal de La Laguna einmalig machen. Die Calle de la Carrera ist die Achse der unteren Stadt und verbindet die Gemeindekirche mit dem Plaza del Adelantado. Parallel verlaufend bildet die Calle San Agustín das räumliche Zentrum der Stadt. Hier stehen Front an Front die Stadtpaläste der reichen Handelsleute. Zahlreiche kleine Plätze mit Drachenbäumen und Platanen oder auch Lorbeerbäumen zwischen diesen beiden Hauptstraßen erinnern mit ihren geometrischen Formen an die Mudéjar-Baukunst des spanischen Festlandes.
Die erste Kirche auf den Kanaren, die vorgenannte Inmaculada Concepción, wurde kurz nach ihrer Erbauung komplett wieder abgerissen. 1511 entstand der glanzvollere Neubau. Nicht weit entfernt davon befinden sich die Reste vom San Agustín-Kloster, ebenfalls erbaut im 16. Jahrhundert.
Die Errichtung der Pfarrkirche De los Remedios datiert aus dem Jahr 1515. Sie wurde später zur Kathedrale des Bistums Teneriffa. Die Originalfassade brach seinerzeit zusammen und wurde durch eine neuklassische Fassade ersetzt. Viele der aus ähnlichen Gründen erforderlichen Reformen etlicher Bauwerke vom Beginn der Neuzeit fanden Anfang des 20. Jahrhunderts statt.
Das Kloster Santa Catalina de Siena wurde 1611 eröffnet. Es wurde durch verschiedene Nachbarbauten erweitert. Die Fassade der Kirche und ihrer Gebäude ist einfach und schlicht, wogegen sie innen reich verziert ist.
Die kleine Einsiedelei San Miguel aus den Gründerjahren der Stadt verfiel fast vollständig und diente bis 1970 als Lagerschuppen. Heute ist sie ein städtisches Kulturzentrum. Das Kloster Santa Clara, das im 16. Jh. seine Blütezeit erlebte, wurde 1697 vom Feuer zerstört, dann wieder aufgebaut und dient ebenfalls jetzt als öffentliches Kulturzentrum.
Die älteste der vielen schönen Residenzen ist das Haus des Corregidor, dessen Fassade aus dem Jahr 1545 stammt. Heute ist es das Rathaus. Das Haus Lercaro, ebenfalls mit einer schön verzierten Fassade aus dem 16. Jh., dient als Geschichtsmuseum. Das Haus Gobernadores entstand zwischen 1624 und 1631 war bis ins 19. Jh. Sitz und Arbeitplatz der Gouverneure von Teneriffa. Heute ist darin das Kunst- und Geschichtsarchiv untergebracht.
Das Salazar-Haus aus dem 17. Jh. ist besonders gut erhalten. Es wurde 1682 gebaut, hat ein schönes Portal und gehört dem Bistum Teneriffa. Das Haus Osuna aus derselben Zeit beherbergt das San Cristíobal-Archiv.
Zu den schönsten Häusern zählt das elegante Casa del MontaZés, erst Privatresidenz reicher Bürger und heute ein Verwaltungshaus, und das Haus der Jesuiten, das bis zu ihrer Verbannung im Jahr 1767 diesem Orden gehörte und dann einem Heimatverband übergeben wurde.
Das Casa de la Albóndiga wurde zu Beginn des 18. Jh. erbaut und war einst die Maisbörse. Dann zog das französische Militär ein, danach das Bezirksgericht. In diesem Haus mit seinem interessanten Portal ist heute ebenfalls ein städtisches Büro untergebracht. Insgesamt stehen rund 400 Gebäude von San Cristóbal de La Laguna unter mehr oder weniger strengem Denkmal- oder Umweltschutz. Dazu gehören allerdings auch interessante Gebäude neueren Datums und undefinierbaren Stils wie der Palast Rodriguez de Azero (das Casino) und das Teatro Leal. Obwohl der Fremdenverkehr von Teneriffa ständig neue Impulse mit sich bringt, braucht man um den Fortbestand der ersten „Stadt des Friedens“ also nicht zu bangen, denn darüber wacht unter anderen niemand weniger das Kulturauge der Welt.