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13:11 Dienstag 6. Januar 2009

Warten auf El Gordo

Weihnachtslotterie in Spanien

Es ist vermutlich eine der langweiligsten Fernsehshows überhaupt. Drei Stunden lang singen Kinder mit monotoner Stimme endlose Zahlenreihen – und ganz Spanien hängt ihnen an den Lippen. In Fabriken, Kneipen, Büros und Wohnzimmern das gleiche Bild: gespannte Gesichter vor dem Fernsehen oder Radio. Es ist der 22. Dezember und Spanien im Bann des „Gordo“ – des Dicken, des Hauptgewinns der jährlichen Weihnachtslotterie.

Von Sarah Weik

Die größte und traditionsreichste Lotterie der Welt
Während in Deutschland die ersten Lebkuchen verkauft werden, verkünden in Spanien die ersten Lose der Weihnachtslotterie das Nahen der Weihnachtszeit. Seit fast 200 Jahren gehört die „Lotería de Navidad“ für Spanien zu Weihnachten wie für uns Lebkuchen und Weihnachtsbaum. Die „Lotería“ oder auch „Sorteo de Navidad“ ist die größte und traditionsreichste Lotterie der Welt. Über 2 Milliarden Euro werden dieses Jahr wieder unters Volk gebracht. Allein auf den Hauptpreis, el Gordo, entfällt ein Gesamtgewinn von 540 Millionen Euro. 

Schon 1763 rief König Carlos III die Lotterie ins Leben um neuen Schwung in leere Staatskassen zu bringen. Seit dem 18. Dezember 1812 findet die Ziehung nach dem gleichen Muster statt. Wie auch dieses Jahr wieder im Hauptsaal der staatlichen Lotteriegesellschaft in Madrid. Wer live dabei sein will, sollte etwas englische Geduld und einen warmen Mantel einpacken, um eine Nacht in der Madrider Kälte zu überstehen. Wers gemütlicher mag hat die Qual der Wahl, das öffentlich-rechtliche Fernsehen Spaniens, sowie quasi jeder Radiosender, überträgt die Show live. Um neun Uhr geht es los.
Aus zwei großen Trommeln werden nacheinander Holzkugeln gezogen. Eine enthält genau 85 000 – eine für jede Losnummer. Die andere Trommel enthält die Kugeln mit den Gewinnstufen. So ist die Reihenfolge, in dem die Gewinne gezogen werden ebenso dem Zufall überlassen, wie die Gewinner. Letztes Jahr ließ der ‚Dicke’ bis zum Ende der Zeremonie auf sich warten. Nach der Ziehung singen zwei Schüler der Madrider Schule San Ildefonso – ein ehemaliges Heim für Waisenkinder – die Zahlen vor. Für Unwissende monotoner Singsang, für Spanier die schönste Melodie aller Zeiten.

Ein ganzes Volk im Spielrausch
Nach einer Studie der University of Pennsylvania verwettet Spanien jedes Jahr mehr Geld, als es in Forschung und Bildung investiert. Socken unterm Kopfkissen hat hier niemand, eher die Finger auf dem nächsten Spielautomaten. Zwischen Donnerstags- und Samstagsziehung der Loterá Nacional, der Primitiva 6 aus 49 und der Fußballlotterie, bleibt immer noch Zeit um bei einem kurzen Stopp an der Ampel ein Los bei einem Verkäufer der spanischen Blindenorganisation Once zu kaufen. Die Weihnachtslotterie ist jedoch unbestrittener Höhepunkt im spanischen Lotteriegetümmel. Selbst der Bürgerkrieg konnte „el Gordo“ nicht stoppen. 2,571 Milliarden Euro gaben die Spanier letztes Jahr für Lose der Weihnachtlotterie aus, ein neuer Rekord – wie eigentlich jedes Jahr. 

 „Ein Los?“ Die Frage, ob er sich schon ein Los gekauft hat, beantwortet Paco mit einem schallenden Lachen. „Bis jetzt habe ich um die 40 – und bis Weihnachten ist ja noch Zeit...“, schmunzelt er. Das spanische Lottofieber ist eine überaus ansteckende Krankheit. Niemand will allein in der Ecke stehen, wenn die anderen die Sektkorken knallen lassen. Denn – gewartet, gezittert, gewonnen und verloren wird gemeinsam. Niemand kann es sich leisten eine der 85.000 Losnummern, die in 180 Serien erscheinen, für sich alleine in Anspruch zu nehmen. 36 000 Euro kostet dieser einsame Spaß. Selbst eine Serie ist mit 200 Euro für viele Spanier noch zu teuer und so werden hauptsächlich Zehntel, Décimos, eines Loses verkauft. In einem Ort wird dieselbe Nummer dann oft hundertfach in Geschäften, Kneipen und Vereinen ausgegeben. Und selbst diese „Décimos“ werden wiederum aufgeteilt. Unter Freunden, in Familien oder Kirchenchören. 

Der Geldregen bringt deshalb selten Einzelmillionäre hervor, doch dafür befinden sich oft ganze Dörfer, Firmenabteilungen und Kneipen mit Belegschaft und Stammkunden im Freudentaumel. Letztes Jahr ging der Gordo fast vollständig an das kleine Städtchen Vic in der Nähe von Barcelona. Das beschauliche Städtchen war plötzlich um eine halbe Milliarde Euro reicher. Und kaum war die letzte Sektfontäne versiegt, überschwemmten auch schon Vermögensberater, Immobilienmakler und Versicherungsagenten den Gewinnerort.  Jeder will schließlich ein Stück vom Lotto-Kuchen.

Das blühende Geschäft mit dem Aberglauben
Xavier Gabriel, Besitzer der Lotteriefiliale ‘La Bruixa d’Or’ (dt: Glückshexe) in Sort muss sich um sein Stück keine Sorgen machen. Das kleine Dorf in den Pyrenäen ist alljährlich vorweihnachtliche Pilgerstätte für Glücksritter. Die Hoffnung auf das große Glück aus dem kleinen Glück, so der Ortsname auf Deutsch, macht Gabriel zum wohl erfolgreichsten Lottoverkäufer der Welt und bald auch zum ersten Weltraumtouristen Spaniens. 

Was wäre das Glücksspiel ohne Aberglauben. Auch die Losnummern unterliegen jedes Jahr neuen Zahlentrends. Beliebteste Zahl in diesem Jahr ist die 22106, der Tag, an dem Fernando Alonsos seinen zweiten Weltmeistertitel holte. Wer keines der begehrten Lose mehr ergattern konnte, muss sich mit dem ersten Triumph Alonsos (25905) oder seinem Geburtsdatum (28781) begnügen. Dauerbrenner sind wichtige Daten im Leben der königlichen Familie, wie Geburtsdaten, die Heirat von Kronprinz Felipe und Letizia oder die Geburt der Infantin Leonor. 

Doch die meisten verzichten auf solche Zahlenspiele. Wie André Zaldívar. „Das Besondere an der Weihnachtslotterie ist doch das gemeinsame Feiern.“ Und selbst ein kleiner Gewinn kann groß gefeiert werden: „Wenn dein gesamter Freundeskreis gewinnt, reicht das auf jeden Fall für eine tolle Party!“ Wer braucht schon Strümpfe unterm Kopfkissen – am 22. Dezember huldigt ganz Spanien dem ‚Dicken’.
Dieses Jahr werde auch ich mich in die Reihe der Huldiger einreihen und gebannt drei Stunden lang die spannendste Fernsehshow der Welt verfolgen.



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