Das Weltkulturerbe Spaniens Teil 31Seit einigen Jahren arbeiten jedes Jahr im Sommer mehr als 100 Helfer aus allen Ländern der Welt auf sechs Ausgrabungsstätten nahe der Ortschaft Atapuerca, 20 km östlich von Burgos. Sie zählt nicht viel mehr als 200 Einwohner. Hier in der Autonomen Region Kastilien und León liegt ein enormes paläontologisches Forschungsgebiet, genauer in der dünn besiedelten Sierra Atapuerca, einem eher unauffälligen Höhenzug mit einem höchsten Punkt von 1.100 Metern. Schon länger genießt das Karstsystem den offiziellen Status „Besonderes Natur- und Kulturgut“. Seit 2000 untersteht sie dem Schutz der UNESCO.
Diese Berge sind gesegnet mit archäologischen Fundstätten aus grauer Vorzeit, deren Auswertung Aufschluss gibt über die Entwicklung von Landschaft, Flora und Fauna. Den Anthropologen aber bereiten sie seit ihrer Entdeckung über die Herkunft des Menschen viel Kopfzerbrechen.
Die Sierra von Atapuerca entspricht einem Observatorium von Ereignissen, die in der Eiszeit ihren Lauf nahmen. Es gibt Hinweise, dass sich vor einer Million von Jahren bereits Menschen hier aufgehalten haben können. Der Forschung tat sich mit den Funden von Atapuerca eine Art Theater auf, in dem sie vor Ort die Evolution der Hominiden lückenlos verfolgen können, angefangen mit dem Homo erectus, den einige von ihnen zum Typ Homo antecessor kürten, zum „Vorfahren aller Vorfahren“, über den Homo heidelbergensis und Homo neanderthalensis bis zum Homo sapiens. Denn als Vertreter der sog. Multiregionalhypothese sie sind überzeugt davon, dass der moderne Mensch und der Neandertaler ihre gemeinsamen europäischen Wurzeln in Atapuerca haben.
Konventionelle Meinungen gehen von einer Trennung beider Arten breites in Afrika aus und sind überzeugt, dass sie nacheinander nach Europa kamen. Für sie ist der Homo Antecessor über die Straße von Gibraltar nach Europa eingewandert. Aus ihm entwickelte sich gemäß dieser These später der Neandertaler, während sich der wirkliche Vorfahr aller Vorfahren in Afrika zum homo sapiens entwickelte. Denn DNA-Analysen von Forschern aus Deutschland und USA schließen aus, dass der Neandertaler der Vorfahre des modernen Menschen sein kann. Gemäß dieser Out-of-Africa-Theorie kann der nur aus Afrika stammen.
Wie dem auch sei, die Reste, die man in der Sierra von Atapuerca fand, stammen bewiesenermaßen von der ältesten in Europa gefundenen menschlichen Rasse. Man hat sie anhand von 86 Teilen rekonstruiert. Es handelte sich um Großwildjäger und deshalb große, starke Individuen. Ihr Gehirn war deutlich kleiner als das des homo sapiens. Sie lebten nicht in Höhlen, sondern streiften vor 780.000 Jahren in Gruppen von 8 bis 12 Mitgliedern hier durch den Mittelmeerwald und über die weiten Niederungen Nordostspaniens und wurde nicht älter als 40 Jahre. Paradiesische Zustände? Wohl kaum, denn man weiß nicht, ob sie nicht doch vor lauter Not und nicht etwa als Teil einer Zeremonie ihresgleichen verzehrten; und das roh; denn das Feuermachen kam viel später!
Wie so oft, war der Zufall der Auslöser einer großartigen Entdeckung. Die wertvollen Reste bei Atapuerca wurden durch den Bau einer Eisenbahn gefunden. Ende des 19. Jahrhunderts schlug man für eine Mineraltransportbahn eine Trasse durch die Berge, ohne jedoch zu bemerken, was da rechts und links in den Hängen zum Vorschein kam. Erst Ende vergangenen Jahrhunderts begann man sich genauer dafür zu interessieren. Heute gibt es hier eine große Anzahl von Fundstätten, von denen einige noch nicht einmal exploriert worden sind. Drei der Ausgrabungen sind jedoch wegen ihrer Fossilien- und Werkzeugfunde besonders interessant:
Der Galeria-Graben
Dieses Gebiet diente den Hominiden, deren Reste man im weiter unten erwähnten Knochen-Sima fand, als Jagdgrund. Als man bei den Ausgrabungen auf eine Kaverne stieß, fand man darin Reste von Hyänen, Löwen, Bären und Wölfen. Viele davon waren offensichtlich sehr alt oder sehr jung und durch ein Loch als natürliche Falle in die Höhle gestürzt. Aber dann stellte man fest, dass die Öffnung zu dieser Höhle vor 400.000 Jahren von Menschen vergrößert wurde, die darin vor dem um diese Zeit hier unwirtlichen Klima Schutz suchten. Es war stets kühl und mehr oder weniger feucht, je nach Jahreszeit. Man fand Beweisstücke über ihre Anwesenheit in dieser Höhle in Form von Teilen großer Steinwaffen, symmetrisch geformt, mit denen man Tiere zerlegen konnte. Mit anders geformten Steinen zertrümmerte man ihre Knochen, um an das Mark zu kommen und mit speziellen Steinwerkzeugen konnte man an Felle und Sehnen von Rotwild, Pferden und Büffeln gelangen.
Der Dolina-Graben
Hier fand man die Reste von sechs der ältesten menschenartigen Lebewesen Europas, dem Homo antecessor. Am 8. Juli 1994 stieß eine Archäologin auf einen vermeintlichen Knochensplitter, der sich als 780.000 Jahre alter menschlicher Eckzahn entpuppte. Die 36 anschließend frei gepinselten Fragmente gehörten einmal mindestens 6 Lebewesen derselben Epoche. Sie lagen zwischen den Abfällen von Mammut-, Bären- und Riesenhirschen, ihrer Hauptnahrung. Das war der Anfang der Überraschungen, weil man bisher nirgends ähnliche Geschichtszeugen gefunden hatte. 1997 wurde der Homo antecessor der Wissenschaft vorgestellt und verursachte eine Sensation: Plötzlich war die Thesis gestürzt worden, dass Europa vor 500.000 Jahren bevölkert wurde.
Auch hier fand man Steinwerkzeug. Ein Elefant wurde hier mit Steinmessern er- und zerlegt. Das Klima dieser frühen Epoche war warm und feucht. Anhand von feinen Knochen von Nagetieren und mikroskopischen Körnern wissen wir, dass hier Oliven- und Johannisbrotbäume wuchsen - wie heute in Andalusien; nur, dass die Wälder belebt waren von Pantern und Nashörnern.
Das Knochen-Sima
Auf dieser Ausgrabung fand man am 19. Juli 1992 einen Schädel des Homo heidelbergensis. Nach und nach tauchten immer mehr Reste derselben Rasse auf, so viele, dass man vom ersten Friedhof der Menschheit spricht. Man konnte sogar die kleinsten Ohrknöchelchen analysieren, etwas noch nie Dagewesenes. In den Tiefen der Haupthöhle, auf dem Grund eines Simas, ruhen die Reste von wenigstens 33 Personen. Sie starben vor 300.000 Jahren aus unbekanntem Grund, aber man weiß, dass es sich vorwiegend um junge Menschen beiderlei Geschlechts handelt. Sie waren großwüchsig, gesund und robust und ähneln damit denen, die im Galeria-Graben gefunden wurden.
Im Sima fand man auch Hunderte von Fossilien von Bären, Löwen und anderen Fleischfressern, die hier eines natürlichen Todes starben.
Zahllose menschliche und tierische Knochen aus den Fundstätten der Sierra de Atapuerca werden noch lange von Anthropologen wie ein Puzzle zusammen getragen werden können.