Göttinnen & Schuhabtreter„Warum lachst du?“ Macarena Ventosa wendet sich neugierig einem älteren Herrn zu, der kichernd Picassos Weiblicher Akt mit Blumenkranz betrachtet. „Hmm…sehr sinnlich“, antwortet er zaghaft und räuspert sich verschämt. „Sehr zurückhaltend ausgedrückt“, lächelt Macarena und wendet sich wieder den rund 20 gespannten Gesichtern zu, die mal erstaunt, mal belustigt, aber immer interessiert ihren Ausführungen folgen. „Picasso hat dieses Bild mit 90 Jahren gemalt und es zeigt wohl deutlich wie sehr weibliche Sexualität und Sinnlichkeit sein Leben und Werk beeinflusst haben.“
Von Sarah Weik
Pablo Ruiz Picasso – eine ebenso schillernde wie streitbare Persönlichkeit. Ohne Frage einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Er brach mit akademischen Traditionen, setzte sich über Konventionen hinweg und revolutionierte die Malerei. Was wäre die moderne Kunst ohne Picasso? Und was wäre Picasso ohne die Frauen? Sie waren nie nur Gefährtin oder Liebhaberin, sondern immer auch Musen und Modelle. Beziehungen, die ebenso fruchtbar wie schmerzhaft waren. „Göttinnen oder Fußabtreter“ – so teilte Picasso einmal seine Frauen ein. Keine dauerhafte Charakterisierung, aus einer Göttin konnte auch sehr schnell ein Fußabtreter werden. Doch ob Göttin oder Fußabtreter, alle wurden sie auf Leinwand, in Zeichnungen oder Skulpturen unsterblich. Unter dem Titel Picasso. Musen und Modelle hat das Picasso-Museum seiner Heimatstadt Málaga der sinnlichsten Seite von Picassos Werk eine Sonderausstellung gewidmet.
... so Macarena Ventosa, Leiterin der Bildungsabteilung des Museums. Ein Thema das ebenso interessant, vielfältig und facettenreich ist, wie Picassos gesamtes Werk. Noch bis Ende Februar kann man durch die 66 Werke der Ausstellung einen intimen Blick auf Picassos Privatleben werfen. Die Kollektion war ursprünglich Privatbesitz von Jaqueline Roque, Picassos zweiter Frau, und beinhaltet auch Werke, die nun zum erstenmal der Öffentlichkeit zugänglich sind.
„Bei diesen Bildern kann man wunderbar zwischen den Zeilen lesen und viel überraschendes entdecken – über Modell und Maler“, regt Macarena die Teilnehmer ihrer Führung zu eigenen Gedanken und Meinungen an. Die Gruppe lässt sich animieren und bricht dabei mit allen Klischees über Museumsbesuche. Die andächtige Ernsthaftigkeit und Stille zwischen den Gemälden wird von lebhaften Gesprächen durchbrochen. Macarena hält keine Vorträge, sondern führt Gespräche. Anregungen der Besucher nimmt sie auf und ergänzt sie, schnörkellos und gut verständlich, durch ihr Fachwissen. So hat man am Ende, ohne es zu merken, etwas über die Überwindung der Perspektive durch den Kubismus gelernt.
Durch diese Führungen will das Picasso-Museum weg vom verstaubten Museums-Image. „Bildinterpretationen sind nicht nur etwas für Kunsthistoriker“, so Macarena, „es gibt nie nur eine Deutung eines Bildes.“ In den oft verwirrenden Linien, Perspektiven und Farben Picassos kann sich jeder auf die Suche nach seiner eigenen Meinung machen. „Wenn es nur eine Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen“ – so formulierte es der Maler selbst. Und so erscheinen seine Frauen mal in derber Sinnlichkeit, ein andermal in zärtlicher Anmut, als unnahbare Göttin oder spielend mit Hund Lump. Picassos Blick auf seine Frauen ist ebenso differenziert, wie seine Techniken und Stile. Von Fernande Olivier, seine Muse in den ersten Pariser Jahren Anfang des 20. Jahrhunderts bis Jaqueline Roque, mit der er die letzten Jahren seines Lebens verbrachte, stammen die Frauenbildnisse, meist Akte oder Portraits, aus allen Schaffensepochen des Künstlers.
„Das Bild sieht aus, als hätte es ein anderer Maler gemalt“ – überrascht stehen die Besucher vor einer wundervollen Zeichnung von Jaqueline. Jeder Gesichtszug ist detailgetreu mit Bleistift nachgezeichnet. Eine Zeichnung, die weit entfernt ist vom abstrakten Kubismus, mit dem man Picasso normalerweise in Verbindung bringt. „Picasso war ein extrem vielseitiger Künstler“, macht Macarena deutlich, „es ist falsch sein Werk streng nach Perioden und Schaffensphasen einzuordnen.“ So demonstriert die Ausstellung auch die Vielseitigkeit und Experimentierfreudigkeit des Künstlers. Man findet eine Bronzeskulptur von Fernande Olivier neben einem Gemälde von Eva Gouel, das bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert ist – sie war Picassos Quelle der Inspiration in der kubistischen Etappe. Bei einem schlafenden Akt seiner jugendlichen Geliebten Marie-Thérese Walter dominieren wiederum weiche Linien. Einige Schritte weiter findet man das farbenfrohe und gleichzeitig melancholische Gemälde von Jaqueline Frau Z – ein Kontrast zu dem aufwühlenden Gemälde Weinende Frau, ein Portrait von Dora Maar.
„Diese Frau war traurig, sehr traurig – oder mehr wütend“ – langsam werden die Teilnehmer der Führung mutiger. „Sie leidet“, fügt ein junges Mädchen angeregt hinzu. Damit liegen die Teilnehmer gar nicht so falsch. „Das Portrait entstand als ein Entwurf für Picassos weltberühmtes Gemälde Guernica“, erklärt Macarena. Hier ist es die weinende Dora Maar, die den Schmerz und die Trauer über den spanischen Bürgerkrieg ausdrückt.
In seinen Gemälden bringt Picasso die verschiedensten Charaktereigenschaften seiner Frauen zum Ausdruck. Sie werden mal sinnlich oder prüde, temperamentvoll oder melancholisch dargestellt. Durch die Augen Picassos nehmen diese Frauen einen aktiven Part in seinem künstlerischen Werdegang ein. Und oft blieb dieser Einfluss auf das Leben und Werk eines genialen Künstlers der einzige Trost für die vielen verletzten Frauen in seinem Leben. Wie durch eine Lupe vergrößert die Sonderaustellung des Picasso-Museums den Blick auf die Frauen in seinem Leben. Sie feiert die Leidenschaft eines Künstlers für die Frauen. Eine Leidenschaft, die Picasso bis zu seiner letzten Bleistiftskizze als 91-jähriger fesselte. Auf die Frage nach dem Verhältnis zwisch Sex und Kunst antwortete der Maler schlicht: „Das ist dasselbe“.
Die Ausstellung Picasso. Musen und Modelle ist noch bis zum 28. Februar im Picasso-Museum in Málaga zu sehen. Öffnungszeiten von 10 bis 20 Uhr. Freitag und Samstag bis 21 Uhr. Montags Ruhetag. Führungen finden stündlich statt. Weitere Informationen unter educacion@mpicassom.org