Das Weltkulturerbe Spaniens Teil 32Der Blick ermüdet, wenn man zu allen Seiten nur Ödland erblickt und Hügel, die diese karge Landschaft ins Unendliche dehnen. Doch wenn man die letzten Schlucht verlässt und der Blick auf Elche frei wird, könnte die Überraschung nicht größer sein, wenn sich plötzlich ein Meer von Palmen vor einem ausbreitet. Der Botaniker Cavanilles 1797
Von Sarah Weik
Wie schon dem Botaniker Cavanilles 1797, so wird es wohl auch heute noch vielen Besuchern von Elche gehen. Überrascht und überwältigt von dem Palmenmeer, das den Flair Nordafrikas mitten in das karge Hinterland Valencias bringt. Ein einzigartiges Erbe der maurischen Kultur. Nicht in Stein gemeißelt, sondern in Erde gepflanzt. Ein Stück der heimatlichen Landschaft mitten in Spanien, das bis heute erhalten blieb. Diese Übertragung einer charakteristischen Landschaft eines Landes in einen anderen Kontinent und eine andere Kultur ist weltweit einzigartig und ein Grund dafür, warum die UNESCO den größten Palmenhain Europas im Jahr 2000 zum Weltnaturerbe ernannt hat.
Mit rund 200.000 Exemplaren hat Elche, rund 20 km südwestlich von Alicante gelegen, ebenso viele Palmen wie Einwohner. Gleichsam überflutet von einem Palmenmeer wird die Silhouette der Stadt von den bis zu 30 Meter hohen Pflanzen verdeckt. 91 verschiedene Gärten und Anlagen findet man im Norden und Osten der Stadt und entlang des Río Vinalopó. Der Palmenhain von Elche ist jedoch weder ein natürlicher Wald, noch eine zufällige Gruppierung von Palmen. Im Kampf gegen eine feindselige und dürre Umwelt wurde hier von Menschenhand eine Oase erschaffen, die bis heute fast unverändert blieb.
Elche und seine Palmen – eine jahrtausendalte, gemeinsame Geschichte
Palmen, genauer gesagt Dattelpalmen (Phoenix dactylifera), sind von Anfang an Teil der langen und abwechslungsreichen Geschichte Elches. Funde von versteinerten Samen der Dattelpalme in der Höhle de los Tiestos (Jumilla, Murcia), unweit von Elche, werden sogar auf das Jahr 2800 v. Chr. datiert. Die Ursprünge der Stadt lassen sich bis zu den Iberern zurückverfolgen, die ganz in der Nähe im 6. Jahrhundert v. Chr. die Siedlung Helike bewohnten. Schon damals war die Kultivierung der Dattelpalme bekannt. Doch die Anfänge der Palmengärten in Elche gehen wohl auf die Phönizier zurück.
Als die Mauren im 8. Jahrhundert Spanien eroberten, kam mit ihnen auch ein beachtliches Wissen nach Spanien. Neben wissenschaftlichen und kulturellen Errungenschaften profitierte das Land vor allem von dem großen Wissen über landwirtschaftliche Techniken und künstliche Bewässerung. In einer Region, in der weniger als 300 mm Regen im Jahr fällt, ein Wissen von unschätzbarem Wert. Durch ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem gelang es den Arabern das Beste aus den widrigen Umständen zu machen und den Palmenanbau beträchtlich zu erweitern. Ein System, von dem heute noch vollkommen funktionstüchtige Teile erhalten sind. Hier beginnt die Geschichte des historischen Palmenhains und gleichzeitig der Wohlstandes Elches – berühmt für die besten Datteln in ganz Al-Andalus.
Dank dieses großen wirtschaftlichen Wertes war der Palmenhain jahrhundertelang ungefährdet. Auch die Christen erkannten den Wert und die Schönheit der Gärten und setzten das arabische Erbe nach der Reconquista fort. Die illustren Reisenden der Aufklärung im 18. Jahrhundert waren von dem Palmenmeer ebenso begeistert, wie die Künstler, Geographen und Ingenieure, die Elche im folgenden Jahrhundert besuchten. Über eine Million Palmen prägten zu dieser Zeit das Stadtbild
Ein Naturerbe gegen industriellen Fortschritt
Das 19. Jahrhundert brachte jedoch eine dramatische Wende in der Geschichte des Palmenhains. Die industrielle Revolution und technischer Fortschritt machte auch vor der Palmenidylle nicht halt. In der Aufbruchstimmung dieser Zeit wurde für die Eisenbahn eine Schneise mitten durch das heute historische Palmenareal geschlagen. Auch die aufkommende Schuhindustrie forderte Platz und längst hatte man damit begonnen, der rasch wachsenden Stadt bedenkenlos Teile der Gärten zu opfern. Beschleunigt wurde dieser Prozess davon, dass der Palmenhain mehr und mehr seine wirtschaftliche Bedeutung verlor.
Glücklicherweise reagierten die Bewohner von Elche. Es wurden Stimmen laut, die den Schutz der Palmengärten forderten. Dank der intensiven Kampagne des damaligen Stadtarchivars Pedro Ibarra y Ruiz wurde die Schönheit und der Wert des Palmenhains wiederentdeckt. Zwischen 1920 und 1980 wurde eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, die den Schutz der Gärten garantieren sollte. Das Wachstum der Stadt konzentrierte sich fortan auf die gegenüberliegende Seite des Vinalopó und unter Franco wurde der Palmenhain zum nationalen Kunstgarten erklärt. Der Konflikt zwischen Modernisierung und Bewahrung wurde gelöst. Heute präsentiert sich Elche als moderne Industriestadt in perfektem Einklang mit seinem einzigartigen Naturerbe. Die Stadt und das neugegründete internationale Palmenforschungszentrum Phoenix legen viel Wert darauf, die alten Traditionen des Palmenanbaus am Leben zu erhalten.
Die Palme als allgegenwärtiges Wahrzeichen Elches
Das friedliche Nebeneinander zwischen Stadt und Natur in Elche zeichnet den Palmenhain gegenüber den nordafrikanischen Oasen aus. Nicht nur aus dem Stadtbild, auch aus der Stadtkultur ist die Palme nicht mehr wegzudenken. Von der Palmsonntagsprozession über das Stadtwappen bis zum berühmten Mysterienspiel Misteri de Elx ist die Palme im Leben der Bewohner von Elche präsent. Das kirchlich-lyrische Drama zu Maria Himmelfahrt wurde von der UNESCO zum Meisterwerk des immateriellen Erbes der Menschheit erklärt. Seit dem 13. Jahrhundert wird das Mysterienspiel in der Basilika Santa Maria aufgeführt und ist heute das weltweit einzige noch existierende Beispiel des alten lyrischen Theaters. Maria wird in diesem Stück eine wunderschön dekorierte weiße Palme von einem Engel überreicht. Durch einen Kuss wird diese mit der bestmöglichen Segnung versehen, die an das Volk übergeht, wenn am Ende der Aufführung Blätter dieser Palme verteilt werden.
Die große religiöse Bedeutung der weißen Palme zeigt sich auch in der Palmsonntagsprozession. Nach einer langen Tradition werden an diesem Tag auch weiße Palmzweige an kirchliche und politische Autoritäten geschickt, darunter die königliche Familie, der Papst und der Regierungspräsident.
Die weiße Palme wird in Elche noch handwerklich verarbeitet und kunstvoll von Experten zu Symbolen und Figuren geflochten.
Die Bewohner von Elche sind stolz auf ihr außergewöhnliches Naturerbe. Folgt man dem Pfad der Palmen durch die verschiedenen Gärten der Stadt, wird man auch schnell verstehen wieso. Der Parque Municipal, mit seinen exotischen Pflanzen, Brunnen und Monumenten, wie der Molí del Real, ist ein ruhiger schattiger Park mitten im Zentrum der belebten Stadt und lädt zum Spazieren und Ausruhen ein. Im Huerta del Cura kommt man an einer besonderen Laune der Natur vorbei, der Palmera Imperial. Diese Dattelpalme ist rund 200 Jahre alt und hat sieben Arme, die wie Armleuchter aus der Erde ragen. Ihren Namen hat die kaiserliche Palme von Elisabeth von Österreich-Ungarn, die 1894 Elche besuchte. „Sie ist einem Kaiserreich würdig“, soll Sisi bei dem Anblick der majestätischen Palme gesagt haben.
Neue Bedrohung für das Weltnaturerbe: der rote Palmenrüssler
Während im 19. und 20. Jahrhundert der Mensch die größte Bedrohung für den Palmenhain darstellte, ist es im 21. Jahrhundert der rote Palmenrüssler. Eingeschleppt mit illegal eingeführten Palmen aus Afrika und Ägypten frisst er sich im Moment seinen Weg durch die Palmen Spaniens. Kaum ein Mittel zeigt sich gegen den gefräßigen Käfer wirksam. Meistens bleibt nur die Rodung der betroffenen Bäume. Mit einer groß angelegten Initiative der Forschungsstation Phoenix, der Stadt Elche und der Regierung in Valencia will man das Schlimmste verhindern. Damit der Palmenhain von Elche auch weiterhin eine einzigartige Oase für Reisende aus aller Welt bleibt.