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Deutsche Botschaft und Konsulate in Spanien


16:28 Dienstag 2. Dezember 2008

Deutschland – ein Land der Auswanderer?

In letzter Zeit ist die Emigration von Deutschen ins Ausland deutlich gestiegen.
Die Abwanderung von Menschen ist, wie die Abwanderung von Kapital, kein gutes Zeichen für einen Standort.
Im Falle Deutschlands ist die höhere Bereitschaft zur Auswanderung aber auch ein Indiz für steigende Mobilität und Flexibilität der Menschen. Das ist ein positiver Aspekt.

Dieser Tage sind in Deutschland die neuen Zahlen für die Bevölkerungsentwicklung bekannt gegeben worden. Danach ist die Anzahl der Einwohner im letzten Jahr um insgesamt 130’000 zurückgegangen. Dies hängt zum Teil damit zusammen, dass es rund 150’000 weniger Geburten als Sterbefälle gab und ist die Folge der bekannten Überalterung der Bevölkerung. Es ist aber auch darauf zurückzuführen, dass der traditionelle Überschuss der Wanderungen über die Grenzen des Landes geringer ausgefallen ist. Bemerkenswert ist insbesondere, dass sich die Zahl der Deutschen, die das Land verließen, deutlich erhöht hat. Das ist ein neuer Trend. Bisher beklagten sich die Deutschen eher über die hohe Zahl von Einwanderern. Jetzt nimmt plötzlich die Zahl der Auswanderer zu. Was ist davon zu halten? Was bedeutet es für den Anleger?

Zunächst zu den Fakten. Die Zahl der ins Ausland abgewanderten Deutschen ist im letzten Jahr auf über 150’000 gestiegen. Das ist der höchste Stand, den es in der Nachkriegsgeschichte je gab, und es sind 50% mehr als im Schnitt der 90er-Jahre. Dabei ist dies nur die offizielle Zahl. Darüber hinaus gibt es eine Dunkelziffer in etwa der gleichen Größenordnung. Viele Auswanderer melden sich in ihren Heimatgemeinden nicht ab, weil sie sich damit die Möglichkeit einer „stillen“ Rückkehr nicht verbauen wollen.

Rein quantitativ sind diese Zahlen nicht dramatisch (gerade mal zwei Promille der Bevölkerung). Auch für die Gesamtwirtschaft und für den Arbeitsmarkt spielen sie keine Rolle. In anderen Industrieländern ist die Anzahl der Auswanderer wesentlich höher. So sollen bspw. nach einer Studie des Institute for Public Policy in Großbritannien von 1996 bis 2005 insgesamt 27 Millionen Briten ins Ausland ausgewandert sein – also über 2 Millionen pro Jahr.

Wichtig ist nicht die Größenordnung, sondern die Tatsache, dass sich hier überhaupt etwas bewegt. Wer hätte sich vor fünf Jahren vorstellen können, dass eine hohe Anzahl Deutscher in die Schweiz oder nach Österreich zum Arbeiten gehen? Dass sie dort Tätigkeiten verrichten, für die sich in diesen Ländern keine Einheimischen mehr finden? Deutsche als die neuen Türken oder Jugoslawen Europas? Wenn man früher an deutsche Auswanderer dachte, dann allenfalls an qualifizierte Wissenschaftler oder Manager, die in die USA auswanderten. Heute ist die Anzahl der deutschen Auswanderer, die nach Amerika gehen nicht größer als diejenige derer, die in die Schweiz abwandern. Im deutschen Fernsehen gibt es in letzter Zeit zunehmend Sendungen über deutsche Auswanderer. Diese Sendungen sind beliebt, das heißt, dass es neben den tatsächlichen Auswanderern folglich mehr Menschen gibt, die daran denken, ins Ausland zu gehen.

Was ist davon zu halten? Generell ist Auswanderung kein gutes Zeichen für ein Land. Sie bedeutet, dass sich das Wirtschaftswachstum verringert, weil das Arbeitskräftepotenzial sinkt. Wichtiger noch: Bei den Menschen, die auswandern, handelt es sich in der Regel um eine positive Auslese der Gesellschaft. Es sind diejenigen, die besonders aktiv und anpassungsfähig sowie meist auch im Hinblick auf die berufliche Qualifikation wichtig sind. Etwa die Hälfte aller Auswanderer aus Deutschland hat eine handwerklich-technische Ausbildung. Damit gehören sie zu der wichtigen Gruppe der Facharbeiter, die gerade jetzt in Deutschland wieder knapp geworden sind. Ein Viertel aller Auswanderer sind Akademiker, in die der Staat viel Geld investiert hat. Die Rendite ihrer Ausbildung fließt jetzt aber anderen Gesellschaften zu – das ist der berühmte „brain drain“. Es sind unwiederbringliche Verluste, welche die langfristigen Wachstumschancen beschränken. Das fällt besonders ins Gewicht, wenn die Zahl der Beschäftigten aus demografischen Gründen im Verhältnis zu den Rentnern geringer wird.

Wie die Abwanderung von Kapital, ist die Abwanderung von Menschen aus einem Land für einen Standort immer ein Misstrauensvotum. Gewissermassen verhält es sich wie mit den Aktienverkäufen von Managern eines Unternehmens. Wenn sich diejenigen, die das Unternehmen am besten kennen, von ihren Anteilsscheinen trennen, sollte ein Anleger am Markt vorsichtig werden. Wenn Deutsche das Land verlassen, sollten sich ausländische Anleger drei Mal überlegen, ob sie ihr Geld ausgerechnet in Deutschland investieren wollen.

Man kann dem Trend freilich auch einen positiven Aspekt abgewinnen. Die Abwanderung entlastet den Arbeitsmarkt: Entweder verlassen Menschen das Land, die vorher arbeitslos waren, oder bisherige Arbeitnehmer machen ihren Job für andere frei. Das hilft. Zudem verliert Deutschland etwas von seinem Nimbus, etwas Besonderes zu sein. Es wird offensichtlich, dass das Land die gleichen Probleme hat wie andere Länder und auch ähnlich darauf reagiert. Auch das ist positiv. Die Deutschen werden auf den Boden der Realität zurückgeholt. Die Globalisierung hält Einzug. Am wichtigsten aber ist: Die gestiegene Auswanderungsquote zeigt, dass Deutsche flexibler und anpassungsfähiger geworden sind. Wenn es im Inland an Arbeitsplätzen fehlt, fordern diese Menschen nicht nur höhere Sozialleistungen oder verfallen in Lethargie. Vielmehr nehmen sie ihr Schicksal in die Hand und warten nicht, bis ihnen der Staat hilft. Das, was wir an den Amerikanern bewundern und was ihren Erfolg ausmacht, nämlich aktiv und dynamisch auf Probleme zu reagieren, gibt es offenbar auch in Europa.
Diese veränderten Verhaltensweisen sind ein kleiner Teil jener strukturellen Verbesserungen in Deutschland, die den Aufschwung und die „Wiedergeburt der deutschen Wirtschaft“ bewirkt haben. Es tut sich also nicht nur etwas bei den Unternehmen, sondern auch bei den privaten Haushalten und den Beschäftigten. Auswanderung ist hier nur ein Beispiel neben anderen. Bei den Menschen haben ein neuer Geist und ein neues Denken Einzug gehalten. In diesem Sinne ist Auswanderung Zeichen der Stärke, nicht der Schwäche.

Natürlich soll man mit so großen Worten vorsichtig umgehen. Bei der Auswanderung handelt es sich nicht um ein Massenphänomen. Zudem sind die neuen Verhaltsweisen relativ jung und können sich auch schnell wieder ändern. Gleichwohl meine ich, dass Anleger dies derzeit in ihr Kalkül mit aufnehmen sollten. Der Aufschwung ist nicht nur als eine zyklische Entwicklung zu betrachten, also keine Eintagsfliege. Vielmehr basiert die Erholung in Deutschland auf tiefer liegenden Verhaltensänderungen und wird entsprechend länger dauern – auch wenn sie vorübergehend immer wieder durch das eine oder andere Problem unterbrochen wird.

Wird die Auswanderung der Deutschen unter diesen Umständen weiter zunehmen? Angesichts der Verhaltensweisen sollte man es eigentlich erwarten. So paradox das nach dem Gesagten klingt: Dies wird nicht passieren. Denn mit besserer Konjunktur und höherem Wachstum steigt die Attraktivität der Bundesrepublik auch für Auswanderungswillige. Was hoffentlich bleibt, ist die gestiegene Flexibilität, Mobilität und Dynamik.

Aquila, Roth & Partner AG
Dr. Martin Hüfner und
Rudolf Roth

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