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08:11 Sonntag 6. Juli 2008

Frühjahrstouren im Wanderparadies

Andalusien

Zerklüftete Berge und maurische Dörfer in der üppig-grünen Alpujarra granadina. Wilde Schluchten und skurrile Westernstädtchen in der sandig-kargen Wüste von Tabernas. Bizarre Klippen und einsame Sandstrände im eigentümlichen Küstennaturpark Cabo de Gata – Nijar. Vielfältig-faszinierend sind die Landschaften und Wandermöglichkeiten in Ostandalusien.

Text & Fotos: Dr. Jutta Ulmer & Dr. Michael Wolfsteiner

Seid Ihr wegen der Alhambra, der Kathedrale oder wegen der coolen Kneipen nach Granada gekommen?“, will Jaime wissen, während er uns gekühlten Sherry und gesalzene Mandeln serviert. „Hmm“, antworten wir. Natürlich ließen wir uns vom maurischen Glanz der schwerelos anmutenden Alhambra verzaubern. Wie alle anderen, so bewunderten auch wir den katholischen Prunk der Blattgold verzierten Kathedrale. Selbstverständlich genießen wir die liebenswerten Kneipen Granadas, in denen zu jedem Getränk köstliche Gratis-Tapas gereicht werden. Und dennoch: Nach Granada geflogen sind wir wegen der abwechslungsreichen Landschaften und fantastischen Wandermöglichkeiten in Ostandalusien.

Wild-romantische Berge
Täglich fahren drei Busse von Granada in die Alpujarra granadina. Mit jedem zurückgelegten Kilometer wird die Straße enger, kurviger und einsamer. Hierher, an die sonnigen Südhänge der Sierra Nevada, flohen Ende des 15. Jahrhunderts nach der katholischen Rückeroberung Granadas viele Mauren. An den steil abfallenden Hängen legten sie Terrassen und ausgeklügelte Bewässerungssysteme für die Landwirtschaft an. Sie erbauten kleine Bergdörfer mit verwinkelten Gassen, weiß verputzten Flachdachhäusern und unzähligen Kaminen. Eines dieser sogenannten pueblos blancos ist Trevélez, mit 1476 Metern der höchstgelegene Ort Spaniens und idealer Ausgangspunkt für Wanderungen in das zerklüftete Bergland.

Früh am Morgen verlassen wir das schläfrig-ruhige Dorf und machen uns auf zu unserer Tagestour in die Schlucht des Río Trevélez. Gesäumt von Feigen-, Mandel- und weiß-blühenden Kirschbäumen geht es zunächst durch kunstvoll terrassierte Zwiebelfelder hinab zum glasklaren Forellenbach, dem wir dann schlucht einwärts folgen. Schmelzwasser sucht sich fröhlich plätschernd auf unseren Wanderpfaden seinen Weg ins Tal. Grasende Kühe vor idyllisch-verfallenen Gehöften, sanft wiegende Pappeln am saftig-grünen Bachufer und die wärmende Frühjahrsonne auf unserer winter-blassen Haut entführen uns in eine Welt friedlichster Stille. Freundlich lächelnd kommt von hinten ein Reiter heran, begleitet von zwei Hunden und einem mit Saatgut beladenen Pferd. Don José ist Bauer und wie wir zum Ursprung des Río Trevélez unterwegs. Die Aussicht weit in das wild-romantische Bergland der Alpujarra granadina hinein ist hier, am Wendepunkt unserer Wanderung, spektakulär. Zurück geht es durch die einsame Schlucht des Río Culo de Perro. Brombeerüberwucherte Wege erschweren die Orientierung und machen ein zügiges Vorankommen unmöglich. Der fantastische Blick auf den Hauptkamm der Sierra Nevada entschädigt allerdings Mühen und Kratzer. Mit 3482 Metern ist der Mulhacén der höchste Berg der Iberischen Halbinsel. Stolz präsentiert er seinen schneebedeckten Gipfel in der sauber-klaren Luft dieser Gebirgsregion.

Die pure Bergluft ist Grund dafür, dass in Trevélez alljährlich Abertausende von Hinterschinken gesalzen, getrocknet, in speziellen Speichern zwölf bis 32 Monate getrocknet und damit zum berühmten jamon de Trevélez veredelt werden. Mit einem schmalen Messer wird der hocharomatische Serrano-Schinken in dünne Scheiben geschnitten und dann pur als Tapa oder angebraten zu Fisch- und Gemüsegerichten serviert. Wir lassen unseren Wandertag ausklingen mit einer schinkengefüllten Forelle – fangfrisch aus dem Río Trevélez, einfach wunderbar!

Tour 1: Schlucht des Río Trevélez
Charakter: mittelschwere Wanderung auf guten, teils überwucherten Wegen
Gehzeit: 6 Stunden, 22 Kilometer
Start- und Endpunkt: mittlerer Ortsteil von Trevélez (barrio medio)
Route: Vorbei am Mesón La Fragua zum Ortsausgang – durch Feldterrassen hinab zum Río Trevélez – dem Flussverlauf schlucht einwärts zunächst links-, später rechtsseitig folgen bis zum Ursprung des Río Trevélez (Wendepunkt) – ein Stück zurückwandern – an der neuen Brücke vom linken zum rechten Flussufer wechseln – dem Pfad hoch zu einem Gehöft folgen – links ein Tor passieren – dem Weg bis zur Schlucht des Río Culo de Perro folgen – schlucht einwärts, vorbei am Cortijo Encinilla, bis zu einem zweiten Gehöft wandern – den Río Culo de Perro überqueren – dem Pfad zurück in die Schlucht des Río Trevélez und dann weiter nach Trevélez folgen.
Einkehrmöglichkeiten: in Trevélez, unterwegs keine
beste Wanderzeit: Frühjahr und Herbst

Sandig-karge Wüste
80 Kilometer östlich der üppig-grünen Alpujarra granadina befindet sich die Wüste von Tabernas. Mit einer jährlichen Niederschlagsmenge von 150 Millimetern ist der Landstrich zwischen den Bergen von Los Filabres und Alhamilla die regenärmste Region Europas. Von kahlen Gipfeln und ausgetrockneten Flussbetten (ramblas) umgeben liegt inmitten staubig-trockener Natur Tabernas – ein gemütliches Städtchen mit netten Menschen, wenigen Kneipen und nur einer Pension. Hier startet unsere Wanderung hinab in die karge Rambla de Tabernas. Zu beiden Seiten begrenzen steile Felswände, erodierte Hügel und geheimnisvolle Höhlen unseren sandig-staubigen Weg. Im ausgedörrten Flussbett wachsen Oleander, Agaven und Feigenkakteen. Immer wieder stoßen wir auf skurrile Ruinen mexikanisch-texanischer Häuser, die einst als Filmkulissen dienten. Tabernas Schluchten, Wadis und Hügel wurden in den 1960er Jahren als Drehort für Westernproduktionen entdeckt und schon bald durch Filme wie „Laurence von Arabien“ oder „Spiel mir das Lied vom Tod“ berühmt.

In der Wüste von Tabernas regnet es sehr selten. Dann aber verwandeln sich die trockenen Flussbetten in reißende Ströme. Über Jahrtausende hinweg haben die raren Wassermassen faszinierende, fließende Felsformationen geschaffen. Unser Rückweg führt durch eine kleine, tief eingeschnittene Schlucht, immer bergan zum Cortijo Fernandero. Oben angekommen befinden wir uns inmitten weiß-blühender Olivenhaine. Sparsam bewässert ist das trocken-heiße Wüstenklima ideal für den Anbau der kleinen Früchte. In den Wintermonaten werden die reifen Oliven manuell geerntet und dann schonend zu bestem Öl verarbeitet. Der feine Saft des Olivenbaums eignet sich für Vieles: Mit Olivenöl werden Eier gebraten, Fische mariniert, Würste konserviert, Salate beträufelt, Haare gepflegt, Cholesterinwerte gesenkt und Blattläuse bekämpft.

Wir lassen die knorrig-alten Ölbäume hinter uns, wandern auf der Höhe weiter und genießen den nicht endenden Blick hinab in das faltige Wüstenland. Bald sehen wir in der Ferne ein Fort und fröhlich-flatternde Fahnen im Wind. Sie kündigen Texas Hollywood an, ein echtes Wild-West-Kulissendorf mit Brunnen, Banken, Kirche, Galgen und Bestattungsinstitut. Stolz weist am Eingang ein deutsches Plakat darauf hin, dass hier „Der Schuh des Manitu“ von Michael „Bully“ Herbig entstand. Spontan entscheiden wir uns für eine Besichtigung der Location. Staubig-verschwitzt werden wir auf einem Pferdewagen durch das texanisch-mexikanische Filmstädtchen chauffiert und im Saloon mit einer echten Cowboyschießerei unterhalten. Nach einer Stunde Konsum ist unser Bewegungsdrang deutlich reduziert. Es fällt uns schwer, den Rückweg nach Tabernas anzutreten. 30 unendlich erscheinende Wanderminuten liegen vor uns!

Tour 2: Rambla de Tabernas
Charakter: leichte Wanderung in trockenen Flussbetten, kleine Kletterpassage
Gehzeit: 4,5 Stunden, 16 Kilometer
Start- und Endpunkt: Tabernas
Route: Vorbei am Schwimmbad hinab in die Rambla de los Molinos – im Flussbett rechts bis zur Rambla de Tabernas – rechts, unter der Brücke durch, der Rambla de Tabernas abwärts bis zur Puente de los Callejones folgen (Wendepunkt) – ein Stück zurückwandern – am Pferdeabstellplatz (Holzgestell) links in die schmale Rambla hinein wandern (nach wenigen Metern kommt eine kurze Kletterpassage) – der Rambla aufwärts bis zum Cortijo Fernandero folgen – am Fahrweg rechts – nach 50 Metern links – im folgenden Flussbett dem abgesperrten Weg folgen – in der Spülrinne links – nach 500 Metern rechts, dem Fahrweg bis zum Parkplatz von Texas Hollywood folgen – auf der Schotterpiste zurück in die Rambla de Tabernas und dann weiter nach Tabernas.
Einkehrmöglichkeiten: in Tabernas und Texas Hollywood (hohe Eintrittsgebühr)
beste Wanderzeit: Frühjahr und Herbst

Einsam-bizarre Küste
Keine 50 Kilometer südöstlich der Wüste von Tabernas trifft man auf azurblaues Meer, einsame Sandstrände und verschlafene Fischerdörfer. Spekulanten und Bauriesen zum Trotz wurde die eigentümliche Küstenlandschaft am Cabo de Gata 1987 gerade noch rechtzeitig unter Naturschutz gestellt. Zum Naturpark gehören die Vulkanberge der Sierra de Cabo de Gata, paradiesische Badebuchten, Wanderdünen, Salinen und 12000 Hektar Mittelmeer. Touristischer Hauptort ist die einstige Fischersiedlung San José. Über feinsandige Strände, schmale Bergkämme und ausgewaschene Klippen machen wir von hier aus eine Küstenwanderung zum Wachturm Torre de Vela Blanca. Helle Kalkstein- und dunkle Lavafelsen stürzen Schwindel erregend ins Meer. Vorbei an goldfarbenen Basaltsäulen und einer naturgeschützten Düne geht es schattenlos bergauf-bergab, von einer einsamen Badebucht in die nächste. Am Ende dieses Küstenabschnitts ist die außergewöhnliche Playa del Mónsul. Mit seinem charakteristischen, überhängenden Felsen La Peineta ist der dunkelsandige Strand einer der schönsten des Naturparks. Vor der Küste kreuzen Fischkutter, auf der Jagd nach Sardinen, Sardellen, Garnelen, Thun- und Tintenfischen. Wir suchen Abkühlung im kalt-klaren Meerwasser, bevor unser Anstieg zum 218 Meter hoch gelegenen Torre de Vela Blanca beginnt. Von hier hat man einen fantastischen Blick zurück auf das eben durchwanderte Küstengebiet, aber auch in Richtung La Almadraba de Monteleva, wo in den Salinas de Acosta Salz abgebaut und am Rand des Naturparks in unkontrolliert wachsenden Treibhäusern Tomaten kultiviert werden.

Zurück gehen wir durch das wüstenähnliche Hinterland. Einem großen, bunten Teppich gleich überziehen Frühjahrsblumen den grau-braun-gelben Boden. Ansonsten ist der Bewuchs in dieser niederschlagsarmen Gegend spärlich. Vereinzelt sehen wir mannshohe Agaven, Zwergpalmen, Feigenkakteen, Binsen, Espartogras, Thymian und Rosmarin. Eine malerisch-verfallene Windmühle am Wegesrand kündigt San José an. Das Ende der Wanderung und des Urlaubs naht. Bei jamon de Trevélez, eingelegten Oliven und gegrilltem Meeresfisch verabschieden wir uns am Abend etwas wehmütig vom wander-paradiesischen Ostandalusien.

Tour 3: Torre de Vela Blanca
Charakter: mittelschwere Wanderung entlang der Küste
Gehzeit: 5 Stunden, 13 Kilometer
Start- und Endpunkt: San José
Route: Vorbei an der Punta del Castillo hinab in die Playa de las Genoveses – am südlichen Ende der Bucht dem Pfad landeinwärts auf den Bergkamm folgen – in die Cala de los Basaltos absteigen – am Strand entlang gehen – an der Basalttreppe dem steil ansteigenden Weg ins Hinterland folgen – in die Playa del Barronal absteigen – die Basaltklippe im Westen der Bucht auf dem Sockel umrunden – in der Cala Amarilla die naturgeschützte Wanderdüne landseitig umgehen – es folgt die Playa del Mónsul – über den Parkplatz zur Pistenstraße gehen – links, ein Tor passieren (ab hier ist die Straße für den Fahrzeugverkehr gesperrt), dem Weg hinauf zum Torre de Vela Blanca folgen (Wendepunkt) – auf der Pistenstraße zurück nach San Jóse wandern.
Einkehrmöglichkeiten: in San José, unterwegs keine
beste Wanderzeit: Frühjahr und Herbs

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