Meteorologisch betrachtet war der Winter in unseren Gefilden sehr mild, für die Weltbörsen galt das gute Wetter seit Mai 2006 quasi ununterbrochen bis Ende Februar. Hintergrund waren die stetig steigenden Firmengewinne, welche eine Anpassung der Aktienpreise nach oben mit sich zogen.Anfang des neuen Jahres hatte der Bullenmarkt sogar noch an Fahrt gewonnen, und viele Leitsprüche aus dem Börsenalmanach konnten ihre Anwendung finden - beispielsweise dass ein guter Januar ein gutes Börsenjahr verheißt, oder auch noch dass das dritte Jahr des US-Präsidentenzyklus immer ein positives ist. Im Mai könnte man ja in Erwägung ziehen, der Börse ein paar Monate den Rücken zu kehren, schließlich schreibt der gleiche Almanach, dass man im Mai verkaufen und im Spätherbst in die Aktien zurückkehren soll.
Wenige warnten, der Optimismus der Investoren sei am Höhepunkt, immer ein guter Gegenindikator. Er drückt nämlich aus, dass alle gekauft haben, und nun auf weitere Kursgewinne hoffen, die ohne zusätzliche Käufer nicht zustande kommen können.
Ende Februar aber änderte der Ton plötzlich radikal. Drei sukzessive Schockwellen rüttelten die Weltbörsen und brachten je nach Platz in weniger als 10 Handelstagen bis zu 10% Verluste.
Das Debakel begann an einem Dienstag morgen in Shanghai, die dortige Börse verlor 9% am Stück. Ein Gerücht hatte das ganze ins Rollen gebracht: die chinesische Regierung würde Beschränkungen auferlegen wollen, um der überhöhten Spekulation auf chinesischen Aktien Herr zu werden. Quasi zeitgleich vertrat der frühere Fed-Präsident Greenspan anlässlich einer Rede die Ansicht, stagnierende Firmengewinne in den USA könnte die Wirtschaft dort bis Ende Jahr in die Rezession treiben.
Da nach 8 Monaten Kursanstieg viele Investoren latente Gewinne in den Portfolios hatten, und noch niemand Geld verlor, wenn er solche Gewinne mitnahm, lösten ein Gerücht und eine Rede eine heftige Verkaufswelle aus.
Kaum hatten sich die Märkte zu Ende der ersten pechschwarzen Woche beruhigt, da brach erneutes Unheil über sie aus. Zwar hatten viele Experten im Prinzip den einzigen Grund für die Verkäufe als eben Gewinnmitnahmen erkannt und verkündet, gegen die Angst, der rückläufige Immobilienmarkt in den USA könnte die dortige Wirtschaft in die Knie zwingen, war dagegen kein Kraut gewachsen. Bekannt geworden war, dass Kreditgeber aus der zweiten Reihe nach einer Hauspreiskorrektur von bis 30% und stark gestiegenen amerikanischen Zinsen, in eine starke Bredouille bis hin zum Bankrott gekommen waren. Der Gesamtschaden wurde auf 30 Milliarden geschätzt, 500 000 Häuser stünden zum Zwangsverkauf. Diesmal hatte die Börse also einen richtigen Grund zu fallen, allerdings behielten die Investoren die Nerven. Lediglich an einem Tag fielen die Kurse kräftig, um sich anschließend zu erholen. Im Nachhinein kann man dieses Verhalten der Börsen als sehr wichtig einschätzen, wären sie weiter abgestürzt, wäre der US-Wirtschaft wohl tatsächlich erheblicher Schaden entstanden.
Ein paar Tage nach diesem mehrfachen Showdown scheinen die Weltbörsen wieder auf Erholunkskurs zu sein; kurzfristig stehen jetzt die Quartalszahlen an, die ab Anfang April bestätigen müssen, ob die Entwicklung weiterhin positiv ist.
Im Prinzip befindet sich die Weltwirtschaft auf Wachstumskurs, und die Aktienmärkte sind im Schnitt fair bewertet. Sollten die Ergebnisse also nicht genau so gut ausfallen, wie es der Markt erwartet, wird letzteres wohl trotzdem nicht mehr sehr stark nach unten reagieren, sondern eher eine längere Seitwärtsbewegung in Angriff nehmen.
Abschließend sei noch bemerkt, dass, wenn man über Börsen redet, noch immer Amerika im Zentrum aller Aufmerksamkeit steht. Die gute Nachricht aber ist, dass die Weltwirtschaft heute durchaus auch ohne die USA wächst, und diese Tatsache wird eines Tages, sollten die USA ernsthafte Probleme um ihre Defizite bekommen, wohl nur kurzfristig für Aufregung sorgen; langfristig aber hält niemand die Schwellenländer auf, und vielleicht sogar auch nicht das alte Europa.
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