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00:20 Freitag 22. August 2008

Romanische Kirchen im Valle de Bohí in Katalonien

Das Weltkulturerbe Spaniens Teil 33

In den dünn besiedelten Tälern der Pyrenäen stößt man auf zahlreiche Exempel romanischer Sakralbaukunst. Besonders in zweien dieser entlegenen Senkungen am Westrand des Nationalparks von Aigüestortes gibt es eine ganze Serie schöner romanischer Kirchen. Obwohl sie alle aus derselben Epoche stammen (11.-12. Jahrhundert), tragen sie doch beim genaueren Hinschauen sie differenzierende Baumerkmale. Während die Kirchen im Valle de Bohí stark von lombardischem Einfluss geprägt sind, tragen sie im benachbarten Val d’Aran den Stempel des weiter entwickelten spätromanischen Baustils.

Die neun Kirchen im Tal „Valle de Bohí“, einige für die Hoch- bis Spätromanik typisch mit meisterhaften Fresken und kunstvoll geschnitzten Holzarbeiten und Skulpturen ausgeschmückt, gehören seit 2000 zum Weltkulturerbe. Das Valle de Bohí war im Mittelalter Teil der Besitztümer des mächtigen Lehnsherrengeschlechts Erill, Untertanen der Grafen von Pallars. Es war dem Erzbischof von Urgell unterstellt und wurden 1077 zum ersten Mal aktenkundig. Seine Glanzzeit fiel in die Ära der ständigen Kämpfe um die Reinstauration des Christentums zwischen Christen und Mauren.

Beginnen wir mit der Kirche Sant Feliu in Barruera, der Verwaltungsstadt von Valle de Bohí, Vallis Orcera (Tal der Bären). Sie liegt auf 1.300 m Höhe. Dieses Gotteshaus entstand im Laufe des 11. und 12. Jh. Sein einziges Kirchenschiff hat ein halbkreisförmiges Dachgewölbe, an dessen Stirnseite sich noch zwei halbrunde Apsiden befinden. Die äußeren dekorativen Bauelemente derselben, schmückende Kolumnen und zugemauerte Bögen, sind typische lombardische Merkmale. Der quadratische Glockenturm wurde 300 Jahre später neben den Kirchbau gesetzt. Er hat vier Ebenen und im oberen Teil teilweise verzierte Bogenfenster, die sich nach Süden öffnen. Das Torschloss im schön überdachten Eingang ist ganz ungewöhnlich mit einem Stierkopf verziert.  

Die Kirche Sant Joan im Dorf Boí ist die älteste Kirche im Tal. Sie wird 1079 zum ersten Mal erwähnt. Drei Kirchenschiffe wurden durch Arkaden getrennt, die auf massiven Säulen ruhen. Das einzige erhalten gebliebene Schiff hat an der Stirnseite seitlich zwei halbkreisförmige Apsiden. Die zentrale Apsis wurde im 17. bzw. 18. Jh. baulich verändert. Der Glockenturm, der an die Südfassade angebaut wurde, ist von quadratischem Grundriss und drei Stockwerke hoch. Auch hier zeigen sich um die Fenster herum die typischen lombardischen Stilelemente. Der obere Teil ist wegen Bauschäden jüngeren Datums. 

Von der Nordseite mit dem Eingang her gesehen macht der große Bau einen scheunenähnlichen Eindruck; das Besondere an San Joan de Boí jedoch sind die Fresken sowohl außen wie auch innen, die aus dem 11. Jh. stammen und verschiedene Fabelwesen darstellen. Die Originale werden im Nationalen Kunstmuseum von Katalonien verwahrt, nachdem ein Großteil davon in den konfliktiven Jahren 1919 bis 1923 gewaltsam entfernt wurde.

Der Bau der Kirche Santa María von Cardet wurde auf Betreiben des Klosters von Lavaix betrieben. Es handelt sich um ein der Hanglage angepasstes hohes Bauwerk mit einem Schiff und halbrunder Apsis. Kuppel und Bögen ruhen auf Halbsäulen ohne Kapitelle. Im Keller befindet sich eine Krypta. Die Außendekoration der Apsis weist mit den zugemauerten Fensterbögen und Säulen auch die Figur eines Kopfes auf. Die Hauptfassade stammt aus vorromanischer Zeit, während die Innenausstattung barocke Merkmale aufweist. Die zweistöckige Glockenmauer hat drei Bögen.

Die kleine Kirche Santa Maria de la Asunción in Coll auf 1.412 m Höhe ist mit einem Schiff mit Halbkugelgewölbe der von Cardet im Grundriss fast gleich, sie hat jedoch einen dreistöckigen Glockenturm mit gotischen Baumerkmalen. Auch der Chor ist gotisch. Zwei kleine seitliche Kapellen wirken wie ein Mini-Kreuzschiff. Außen sind die zugemauerten Halbbögen unter dem Dach rings um den Bau bildhauerisch kunstvoll gestaltet, auch die Säulen am Eingang sowohl mit pflanzlichen als auch mit tierischen Motiven geschmückt. 

Die Kirche Natividad de la Virgen in Durro hingegen, zeitlich aus der Zeit der Kirche San Joan in Boí, stammt von demselben Baumeister wie die Santa Maria in Coll. Das Mittelschiff ist erhalten geblieben, nicht aber die drei ursprünglichen Apsiden. Originell ist hier der Vorbau, der den Eingang schützt, und das Torschloss, ein mittelalterliches Schmiedekunstwerk. Der Eingangsbereich ist verziert mit Säulen und Kapitellen. Zur Kirche gehört ein Atrium; der quadratische Glockenturm weist lombardische Stilelemente auf. Altarbilder aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert schmücken den Altarraum.
Die Einsiedelei von Sant Quirc, ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert und in unmittelbarer Nähe von Durro gelegen, ist eine einfache kleine Kapelle mit halbrundem erhöhten Presbyterium und Glockenwand mit zwei Bögen. Man gelangt seitlich in sie hinein, wo eine Kopie des romanischen Altars und ein barockes Retabel zu sehen sind.

Die Kirche Santa Eulalia in Erill-la-Vall ist wegen ihres sechs Stockwerke hohen Glockenturms das mit beeindruckendste Bauwerk der Serie, er wurde unterhalb der kleeblattartigen Apsis neben die Kirche gestellt. Man nennt diese Campanile „die Königin der romanischen Türme“. Die zugemauerten Halbbögen und Zacken wurden von Steinmetzen kunstvoll ausgeschmückt. Die zentrale Apsis bildet mit ihren beiden halbzylindrischen Nebengewölben ein Kreuzschiff. Die Innenausstattung ist barock, das Vordach wird von Arkaden und Säulen getragen. Das Original der „Kreuzabnehmung“ aus dem 12. Jahrhundert wird im Museum aufbewahrt. Auch diese Kirche hat ein schönes Atrium mit Bogengängen.
In Taüll steht die Kirche Sant Climent auf 1.500 m Höhe. Mit drei Kirchenschiffen wirkt sie wuchtig. Alle haben eine Apsis an der Stirnseite. Das Kirchentor ist in die Ostfassade eingelassen. Es war einmal überdacht, wie Reste eindeutig beweisen. Die Fenster des sechsstöckigen quadratischen Glockenturmes neben der Kirche öffnen sich in alle vier Himmelsrichtungen. Der erste Stock hat nur ein kleines Fenster zu jeder Seite, das im dritten Stock dreifache, und alle anderen sind doppelte Fenster. Die Originale des Kirchenschatzes befinden sich im Museum, so auch ein anonymes Gemälde des Heiligen Clemens und eine Capilla Sixtina romanischer Herkunft. Das formidable Fresko bedeckt einen Großteil der Apsis und zählt zu den großartigsten Beispielen der Malkunst der Romanik. 

Die Santa Maria Kirche in Taüll schließlich, die einen Tag nach der Sant Climent Kirche eingeweiht wurde und die mitten in Taüll steht, hatte ursprünglich ebenfalls drei Schiffe; zu Barock-Zeiten wurde daraus eins. Aus einem der Bögen ragt die segnende Hand Gottes hervor. Erhalten ist auch das Fresko Agnus Dei, getreu der Johannes-Apokalypse mit sieben Augen. Es betrachtet einen von Wunden übersäten halbnackten Lazarus, die von einem Hund geleckt werden. Der Glockenturm ist in das Kirchenschiff integriert. 

Der Einfluss der Kirche war auf die mittelalterliche Politik und die Gesellschaft entscheidend. Gab es einen bedeutsamen Sieg über die Muselmanen, so baute der Sieger häufig eine Kirche. Je aufwendiger, desto besser; denn die Intrigen der allmächtigen Inquisition unter den unberechenbaren Päpsten mit ihren machtgierigen Handlangern reichten bis in die entlegensten Ecken der Königreiche. Das mag eine Erklärung für die Anhäufung der Gotteshäuser im Valle de Bohí sein, wo die eingangs erwähnten Herren von Erill in Taüll sogar zwei Kirchen zur selben Zeit im selben Dorf bauten. Und ein paar Kilometer weiter noch eine Einsiedelei, für alle Fälle. Zahlreiche Ruinen deuten auf weitere mittelalterliche Kirchen, Kapellen und Eremitagen hin, die hier in den Tälern der Pyrenäen einmal eine wichtige Rolle spielten. Heute sind sie uns eine kulturell wichtige Erbschaft, für deren Wartung und Erhaltung eine Weltorganisation Sorge trägt.

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