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20:33 Dienstag 7. Oktober 2008

Der archäologische Bestand von Tarragona

Das Weltkulturerbe Spaniens Teil 35

Mit dem Satz Tarraco Scipionvm Opvs (Tarraco ist Werk der Scipioner) bezieht sich der Geschichtsschreiber Plinius  gegen Ende des I. Jh. auf die Gründer des heutigen Tarragonas. 218 v. Chr. war der Ort vom genialen Militärkommandanten Scipio erobert worden, welcher hauptsächlich für den Sieg über Hannibal berühmt geworden ist. Die Römer benannten die phönizische Anlage am Francolí Tárraco und bauten sie im Verlauf der Jahrhunderte  zur Festung aus. Sie nutzten dabei den Hafen der Besiegten und die strategisch optimale Lage ihres Dorfes auf einem leicht zu verteidigenden kleinen Hügel oberhalb. Auf seiner Kuppe ließ sich das Militär nieder. Für Wohnzwecke nutzte man  zunächst das ibrisches Dorf und den Hafen.

Die römische Legion bedeutete für Tarraco nicht nur den Zuzug von Soldaten, sondern auch von Händlern und Bürgern, die in Hispania neue Horizonte suchten. Julius Cäsar verlieh dem Ort 45 v. Chr. für treue Dienste den Titel Colonia Iulia Urbs Triumphalis Tarraconensis. Danach blühte er zur Hauptstadt von Hispania Citerior (Ostküste, von den Pyrenäen bis Karthagena) auf, wuchs auf 30.000 Einwohner und bekam mit der Zeit einen Zircus, Amphitheater, trutzige Stadtmauern und einen Aquädukt. All diese und andere repräsentative Bauten wurden im Jahr 2000 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, weil die Funde von Ruinen und Resten für die Aufschlüsselung der Entwicklung römischer Stadtplanung von großer Wichtigkeit sind. Tarraco diente als Modell für Provinzhauptstädte überall im römischen Reich. 

Beginnen wir in der Altstadt. Die Achsen der ursprünglichen Bebauung sind im Stadtbild noch gut erkennbar. Sie ist von einer wuchtigen Mauer aus dem 2. Jh. v. Chr. umgeben, die im 4. Jh. n. Chr. vier km lang war. Davon ist uns ein Kilometer mit einem Tor erhalten geblieben. Von zwei großen umbauten Plätzen innerhalb der Mauern war der höher liegende mit einem Tempel in der Mitte dem Kaiserkult gewidmet, während die Gebäude um den kleineren Platz herum Verwaltungszwecken dienten. Auf dem Tempelplatz steht heute die Kathedrale.

Ein romantischer Rundgang, der Paseo Arqueologico, verläuft zwischen der römischen Stadtmauer und einem neuzeitlichen Wall und zeigt das Ausmaß der riesigen Steinblöcke in der Mauer mit teilweise mehreren Tonnen Gewicht. Das römische Bauwerk zählt zu den ältesten, die außerhalb Italiens erhalten sind. Der moderne Stadtwall, der zwischen dem  16.  und 17. Jahrhundert  um es herum angelegt wurde, galt der Verteidigung gegen modernere Attacken.
Das Kolonial-Forum der bestand aus einem großen Platz, der von Tempeln, Skulpturen und öffentlichen Gebäuden umgeben war. Er war das religiöse und gesellschaftliche Zentrum. Von hier aus kann man von einer Plattform einen Blick auf Teile der ursprünglichen Anlage von Häusern und Straßen werfen. Hier entstand später die Basilika, einst ein dreischiffiges Bauwerk, das heute als Gerichtshof und Amtssitz dient. - Der kleinere Platz, das Provinz-Forum, liegt auf der gegenüber liegenden Seite.
Der „Circus“ in der Altstadt war die Wagen- und Pferderennbahn. Bis zu 30.000 Menschen konnten sich hier versammeln. Er entstand im 1. Jahrhundert und ist dank seiner zentralen Lage und typischen Merkmale besonders interessant. Von den Gewölbegängen unterhalb der Tribünen sind noch viele erhalten. Reste vom Römischen Zirkus findet man auch innerhalb verschiedener Lokalitäten in der Altstadt, so auch die große Kurve. Der Ausgangspunkt der Rennbahn befindet sich unter den Fundamenten des heutigen Rathauses am Brunnenplatz. 

Durch einen der Gänge gelangt man zum  Prätorium. Es  wurde  auf  seinen dicken römischen Grundmauern im Mittelalter zu Wohnzwecken umgebaut. Heute ist der Bau Teil des Historischen Museums, in dem unter anderem eine anschauliche Rekonstruktion der gesamten antiken Anlage ausgestellt ist. Im 16. Jahrhundert war der Zircus ein Königspalast und später ein Gefängnis. Weitere Fundstücke und Skulpturen, Gebrauchsgegenstände und Mosaike findet man im Archäologischen Museum nebenan.
Der Triumphbogen von Berá wurde 20 km nördlich von Tarragona Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. auf der Via Augusta (heute alte N 340) erbaut. Fresken, korinthische Pilaster  und Gesimse, Inschriften und Architrav, Fries und Dachgesims sind nur teilweise erhalten. Aber die unverwechselbare klassische Form und klaren Dekorationsmerkmale machen dieses Monument zu einem der bekanntesten Kataloniens.
Der Turm Escipions ist die berühmteste Grabstätte Tarragonas, ebenfalls in der Nähe der Via Augusta errichtet. Der obere Teil des Grabmals war einst pyramidenförmig, zu erkennen sind noch Figuren im Hochrelief, die den Gott der Toten darstellen, und die Bestatteten im Flachrelief.

Das Mausoleum von Centcelles ist durch seine Beschaffenheit besonders. Es entstand im 3. Jahrhundert in der damals ländlichen Umgebung Tarracos. Seine Kuppel ist mit Jagd- und Bibelszenen geschmückt. Man nimmt an, dass es sich bei dem hier Bestatteten um eine hohe Persönlichkeit, möglicherweise gar Kaiser Konstantin, einen Bischof oder christlichen Aristokraten handelt.
Die frühchristliche Nekropolis befindet sich zwischen der Stadt und der Via Augusta und dem Flussbett. Sie wurde im 3. Jahrhundert angelegt. Über 2.000 Gräber fand man hier. In einer Dauerausstellung sind repräsentative Stücke zu sehen.

Das Amphitheater liegt außerhalb der Altstadt unmittelbar vor der Küste. Es hatte ein Fassungsvermögen von etwa 15.000 Zuschauern. Die Tribünen sind sehr gut erhalten. Zur Zeit der Christenverfolgung starben hier zwei Märtyrer. Man baute ihnen zu Ehren aus Steinen der Arena eine Kirche in das Theater hinein, deren Überreste bis heute existieren. So findet man im Amphitheater aus dem I. Jh. Reste einer westgotischen Basilika und eine romanische Kirche.
Der Aquädukt, Teufelsbrücke genannt, versorgte Tarragona zu Kaiser Augustus’ Zeiten mit Wasser aus dem Francoli und ist nur ein Teilstück einer 10 m  langen Wasserleitung. Der Aquädukt im Ortsteil Ferreres ist 217 m lang und hat einen Höchststand von 27 Meter. Er ist 2 m dick. Seine obere Reihe hat 25 und die untere 11 Bögen. Jeder Bogen hat ca. 6 m Spannweite.

Die Villa Munts (Bergvilla) wurde im 1. Jahrhundert unserer Zeit erbaut und war wohl bis ins 7. Jahrhundert bewohnt. Sie befindet sich auf einer kleinen Anhöhe am Meer, ca. 10 km von Tarragona entfernt. An der höchsten Stelle befinden sich Zisternen, am Abhang ist der Wohnbereich mit zwei Thermalanlagen. Statuen, Bodenschmuck, Wandmalerei, Mosaike und Marmorsäulen deuten auf den großen Wohlstand der Erbauer hin.

Bei Bauarbeiten stößt man immer wieder auf Reste alter römischer, westgotischer, romanischer und jüngerer Zeitzeugen. Die Bautätigkeit wird dann gestoppt, was in der Vergangenheit leider nicht getan wurde. Deshalb sind die antiken Reste, unser Kulturerbe also, sehr stark fragmentiert. Zum Glück kann man jedoch auf virtuelle Darstellungen und reale Maquetten zurückgreifen, um sich ein Bild von Tarraco der Römer und der Weiterentwick- lung machen zu können.  

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