Cristina HoyosAus dem kleinen dünnen Mädchen, das in einem Arbeiterviertel Sevillas vorm Radio herkömmliche andalusische Lieder mitsang und mit Papas Hilfe erste Flamenco-Schrittchen machte, ist eine bereits zu Lebzeiten historische Flamenco-Tänzerin geworden.
Von Brigitte Jimenez (Text) & Museo del Baile Flamenco (Fotos)
Ganz allein hat Cristina Hoyos diesen Aufstieg geschafft, da gab es kein Vitamin B in Form eines Verwandten oder Sponsors, nicht einmal familiäre Anlagen hatte sie. Ein Beispiel dafür, dass es Berufung wirklich gibt. Denn das Kind wollte partout Künstlerin werden. Singen tat es ganz ordentlich, also versuchte es Mama einfach mal mit ihm bei einem lokalen Radiowettbewerb vom Typ Sevilla sucht den Superstar. Und siehe da, sie hatte Glück, die sonst so schüchterne kleine Cristina kam an. Sie strahlte auch etwas aus, das sie von den Mitbewerberinnen unterschied. Bald stellte sich heraus, dass es nicht der Gesang war, der sie auszeichnete, sondern die Art und Weise, wie sie mit der traditionellen spanischen Musik umging: sie nahm sie sehr ernst. Tänzerisch interpretierte sie den Flamenco derart gut, dass die gewiss nicht wohlhabenden Eltern sie auf eine Tanzschule Domingo schickten.
Adelita Domingo entdeckte Cristina Hoyos – und umgekehrt. Denn Adelita war nicht nur eine versierte Tanzlehrerin, die ihr bald kleine Aufgaben überantwortete, sie machte sie als Erste mit dem Theater bekannt. Bald tanzte Cristina mit ihren Mitschülern nach dem Unterricht in einer Jugendgruppe alles, was die spanische Musik zu bieten hatte. Mit 16 Jahren war ihr schließlich ganz klar, dass der Tanz ihr Leben bestimmen würde.
Ihre erste berufliche Chance gab ihr der Patio Andaluz, eine achtbare Flamenco-Bühne in Sevilla. Darauf folgte die harte Lehrzeit der Tingelei über die Tablaos der Stadt. Das Entgelt war meist bescheiden, es musste mit Auftritten auf privaten Fiestas aufgebessert werden. Cristina war davon nicht begeistert, weil es oft mehr um Fiesta als um Kunst ging. Sie war deshalb froh, als sie nach viel harter Arbeit bei Auftritten im Patio Andaluz eines Tages namentlich genannt wurde. An der Costa del Sol erschienen zu der Zeit die ersten Touristen, und „Maria Cristina Hoyos“ wurde auch nach Torremolinos verpflichtet. Dort riet man ihr, sie sollte unbedingt einem gewissen Antonio Gadés vortanzen, der in Madrid auftrat….
Zurück in Sevilla, wird ihr überraschend ein Vertrag in New York angeboten. Sie trat dort mit einer Gruppe im Spanischen Pavillon auf dem Gelände der Weltausstellung auf. Sechs Monate währte der Vertrag, so dass es nicht verwunderlich war, dass es ihr nach ihrer Rückkehr nach Sevilla dort zu ungewiss für ein berufliches Weiterkommen war. Sie nahm einen Vertrag in Madrid an und tanzte in etlichen Tablaos. Im emblematischen El Duende tanzte sie Flamenco und klassische spanische Tänze. Die meisten Shows hatten diese beiden Stilrichtungen im Programm, die sie inzwischen zur Perfektion beherrschte. Als der berühmte Antonio Gadés Cristinas Show besuchte, nahm er sie sofort für seine Tournee an die Costa Brava unter Vertrag. Daraus wurden dann Jahre der gemeinsamen Welttourneen mit Auftritten auf den ersten Bühnen und vor Mandatarien und Zelebritäten. Das Tanzpaar Antonio Gadés / Cristina Hoyos wurde schließlich zum Tanzpaar Cristina Hoyos / Antonio Gadés.
Danach gab es nur noch eine Steigerung: eine eigene Truppe zu gründen. Das war dann „Cristina y Compañía“, die mit Sueños Flamencos im Jahr 1990 zum ersten Mal auf Reisen ging. Es regnete Auszeichnungen und Preise für Cristina Hoyos, wovon die Goldmedaille Andalusiens und der Nationale Tanzpreis ihr besonders viel bedeuten. 1992 trat die Künstlerin zu den Eröffnungen der Weltausstellung in Sevilla und den Olympischen Spielen in Barcelona auf. Eine erfolgreiche eigene Show jagte nun die andere, denn sobald eine Darbietung perfekt lief löste das bei Cristina eine neue Schaffensphase aus. Nur nicht vor Erfolg sterben, lautete ihre Devise.
Mitten im Erfolg galt es mit 50 eine schlimme Herausforderung zu besiegen – den Krebs. Die Chemotherapie rettete Cristina Hoyos das Leben, Disziplin und Liebe zum Beruf retteten sie für den Tanz. Nur drei Monate blieb sie der Bühne fern, dann pendelte sie zwischen Chemotherapie in Sevilla und Auftritten in Barcelona und bald danach wieder im Ausland hin und her.
Cristina Hoyos ist heute ein Weltstar. Sie ist überall im Fernsehen aufgetreten und hat in vielen Filmen mitgewirkt, darunter in der berühmten Trilogie von Carlos Saura (Bodas de Sangre, El Amor Brujo, Carmen). Durch ihre Bühnenauftritte wurde sie zur „Carmen“ Bizets.
Im Jahr 2004 gab Kultusministerin Carmen Calvo den Anstoß, dass Cristina einen der wenigen noch nicht realisierten Träume realisieren konnte. Sie gründete ein andalusisches Ballett, das sich exklusiv dem Flamenco widmet. Cristina Hoyos leitet bis heute das Ballet Flamenco de Andalucia, das andalusische Pendant zum Ballet Nacional de España.
Cristina Hoyos hat über ihr Können erreicht, was sie als Mensch und Künstlerin erreichen wollte. Statt sich nun auf den Ruhestand vorzubereiten und ihre Autobiographie zu schreiben baut sie jedoch an der Zukunft: Als Gründerin der Compañía Cristina Hoyos fördert sie nach wie vor den Nachwuchs und tat jetzt noch einmal etwas Beispielloses: Sie setzte ihr ganzes Vermögen in mehrfacher Millionenhöhe ein und gründete in Sevilla das Museo del Baile Flamenco, damit die kommenden Generationen bei allem Respekt vor dem Neuen nicht den Einblick in die Ursprünge verlieren.