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Deutsche Botschaft und Konsulate in Spanien


14:19 Dienstag 2. Dezember 2008

„Irgendwann wird es in der Weltwirtschaft krachen“

  • Stimmungsbericht von der Frühjahrstagung des „Institute for International Finance“ in Athen.
  • Die wirtschaftliche Lage ist in praktisch allen Regionen der Welt so gut wie selten zuvor in der Nachkriegszeit. Andererseits lässt die notwendige Disziplin in der Politik und auf den Märkten nach, und viele haben Angst vor einer Krise.
  • Nur wenige haben bisher die Sicherheitsgurte für den Fall einer Krise angelegt.

Stellen Sie sich vor, es gibt eine Krise an den internationalen Finanzmärkten und keiner kümmert sich darum. Derzeit ist es zwar noch nicht soweit. Im Gegenteil, es herrscht nach wie vor eitel Sonnenschein. Aber jeder redet von Krise und ist überzeugt, dass sie bald kommen wird. Trotzdem geht das Geschäft weiter, als ob nichts wäre. So oder ähnlich lässt sich die Stimmung beschreiben, die in der vorigen Woche in Athen beim großen Frühjahrstreffen des „Institute for International Finance“ herrschte. Bei diesem Treffen kommen jährlich Vertreter aller wichtigen Banken der Welt zusammen, um Meinungen und Informationen über die allgemeine Lage auszutauschen. Nachfolgend ein paar Impressionen von dieser Konferenz:

Das erste, was auffiel, war die optimistische Haltung zur Lage der Weltwirtschaft. Noch selten habe ich ein solches Treffen erlebt, auf dem die Stimmung durchgängig so gut war. Alle Regionen der Welt – von Lateinamerika über Ost- und Südostasien bis nach Europa, mit Ausnahme Afrikas – befinden sich in einer rundum zufrieden stellenden wirtschaftlichen Verfassung. Das reale Wachstum setzt sich fort. In den USA gibt es zwar einige Schwächezeichen im Zusammenhang mit der Immobilienkrise und den Problemen auf dem Hypothekenmarkt. So richtig besorgt sind hier aber nur wenige. Von einer Rezession in den USA ist kaum die Rede.

Was dabei noch wichtiger ist: Die Europäer und die Japaner, von den Schwellenländern ganz zu schweigen, scheinen von den Problemen der USA unbeeindruckt. Erstmals seit 50 Jahren gibt es in den Vereinigten Staaten eine Konjunkturdelle, und der Rest der Welt bemerkt es nicht. Dies ist etwas ganz Neues: Die Weltwirtschaft hat sich von den Vereinigten Staaten emanzipiert.

Selbst um das Mantra der großen Leistungsbilanzungleichgewichte ist es ruhiger geworden. Natürlich gibt es immer noch Appelle, dass die Salden verringert werden und vor allem die Vereinigten Staaten ihr Defizit korrigieren müssten. Aber so richtig besorgt klingt das nicht mehr. Ein Teilnehmer brachte die Stimmung auf den Punkt: Kanada hat in den letzten 100 Jahren nur zwei Mal kein Leistungsbilanzdefizit gehabt. Trotzdem zweifelt niemand an der Bonität und der Kraft der Kanadier. Das ist die gute Nachricht.
Was Sorgen – viele Sorgen – bereitet, ist die Tatsache, dass die gute Konjunktur offenbar je länger je mehr zu einer nachlassenden Disziplin in der Politik und auf den Märkten führt. Die öffentlichen Defizite werden nicht weiter zurückgeführt. Die zu beobachtenden Verbesserungen bei den Zahlen sind allein konjunkturbedingt und beruhen nicht auf Ausgabensenkungen oder Steuererhöhungen. Wegen der hohen Kapazitätsauslastung steigt die Geldentwertung zwar wieder etwas an. Die Zentralbanken sind in ihrer Restriktionspolitik jedoch eher zurückhaltend, um die Konjunktur nicht zu stören. Die Standards der Kreditvergabe und der Investitionen werden aufgeweicht. Im Bankgeschäft gehen die Margen zurück, die Volumina steigen. Bei Unternehmensübernahmen werden Leverage-Kredite vergeben, welche die Grenze des Vertretbaren erreicht haben, teilweise auch darüber hinausgehen.

Investoren akzeptieren bei Anleihen von Unternehmen und Schwellenländern Spreads, die in keiner Weise mehr den zugrunde liegenden Risiken entsprechen (auch wenn man berücksichtigt, dass die Risiken geringer geworden sind). Die Aktienkurse haben in vielen Regionen Höchststände erreicht. Nur wenige trauen dem beruhigenden Hinweis, dass die Bewertungen wegen der guten Gewinnentwicklung immer noch akzeptabel seien. Das ist die negative Botschaft.

Es passiert derzeit viel Unvernünftiges, das es eigentlich nicht geben dürfte. Die meisten haben das Gefühl, es könne so nicht weitergehen. Irgendwann wird es in der Weltwirtschaft krachen, und die rosigen Zeiten werden vorbei sein. Aber niemand weiß, wann dies der Fall sein wird. Und niemand traut sich zu sagen, wie das passieren kann. Wird ein einfacher Stimmungsumschwung die Krise auslösen? Wird es die Insolvenz eines größeren Schuldners sein? Wird es vielleicht eine geopolitische Krise sein? Oft wurde in den Gesprächen an die Asien-Krise Ende der 1990er Jahre erinnert.

Trotz allen Krisen-Geredes sind die Sicherheitsgurte bei den Beteiligten noch nicht angelegt. Niemand hat ein Patentrezept. Unter den Akteuren der Wirtschafts- und Geldpolitik ist auch keine Einigung zu erkennen, was zu tun ist, um eine Krise zu vermeiden. Die Restriktionspolitik der Zentralbanken hat nicht dazu geführt, den weltweiten Liquiditätsüberhang abzubauen. Trotzdem wird sie natürlich weitergeführt. Versuche der Europäer, die Risiken an den Finanzmärkten durch neue aufsichtsrechtliche Bestimmungen zu verringern (vor allem bei den Hedge und den Private Equity Fonds) werden von den USA und Großbritannien abgeblockt. Umgekehrt wird den scharfen Analysen der Amerikaner und der Briten zu den Risiken auf den Finanzmärkten seitens der Europäer mit Skepsis begegnet. Dies seien, so heißt es, nur Worte, auf die keine Taten folgten.

Die Marktteilnehmer befinden sich damit in einem Dilemma. Auf der einen Seite wissen sie, dass die Situation so nicht weitergehen kann. Es wird etwas passieren. Auf der anderen Seite kann oder will es sich niemand leisten, so lange zu warten und Geschäfte auf Eis zu legen. Also wird fortgefahren, als ob nichts sei. Die Herde läuft offenen Auges in die Krise. Dabei herrscht aber keineswegs eine Weltuntergangsstimmung. Im Gegenteil: Die Menschen sind guten Mutes. Sie trösten sich damit, dass die fundamentale Situation der Weltwirtschaft nach wie vor in Ordnung ist und es daher gar nicht so schlimm kommen könne.

Manch ein Anleger fühlt sich heute in einer ähnlichen Situation. Einerseits will er aus Angst vor einer Krise aus dem Aktienmarkt aussteigen, Gewinne mitnehmen und sich auf die sichere Seite begeben. Andererseits kann man auch nicht ewig neben dem Markt stehen und auf die Krise warten, während andere weiter munter Geld verdienen. Der berüchtigte Mai, in dem man angeblich Aktien verkaufen sollte, ist ohne Probleme vorüber gegangen. Im Juni ist damit zu rechnen, dass sich einige, die im Mai „short“ gegangen sind, eindecken müssen und die Aktienkurse daher wieder steigen.

Was soll der Anleger tun? Sorglos mit der Herde mitziehen, in der Hoffnung, dass es schon nicht so schlimm kommen wird? Ich bleibe bei meinem ceterum censeo: Weiter investieren – ja, aber nur in konservative Werte; Risiken über den Aktienmarkt hinaus breit in alternative Anlagen streuen und im Zweifel auch Gewinne realisieren bzw. durch Stopps absichern. So schafft man sich den Sicherheitsgurt, den die Politik nicht schaffen kann.

Aquila, Roth & Partner AG
Dr. Martin Hüfner und
Rudolf Roth

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