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08:10 Sonntag 6. Juli 2008

Ein Flamenco Tanz Museum als Museum zeitgenössischer Kunst?

Der Hintergrund dieser Frage ist das Selbstverständnis des Museums. Es versteht den Flamencotanz als zeitgenössischen Ausdruck andalusischer Identität und Kultur. Auch wenn der Tanz in seiner heutigen Form relativ spät entstanden ist, im ausgehenden 18. Jahrhundert, lassen sich einige seiner Wurzeln bis auf kretische Kulturen und die Phönizier zurückverfolgen, die ca. 1000 vor Christus begannen, die spanische Küste zu besiedeln und z.B. Cádiz gründeten. Das Flamenco Tanz Museum versucht nun, den Flamencotanz von folkloristischen Klischeen zu befreien und ihn in seinen Grundsubstanzen darzustellen. Auch wenn im Museum auf seine Entwicklung eingegangen wird, ist es kein historisches, sondern ein zeitgenössisches Museum, das auch andere Kunstausdrücke in Bezug auf den Tanz fördert und ausstellt, wie z.B. die Malerei.

 In diesem Sinn bietet das Museo del Baile Flamenco bis zum Jahresende den Besuchern drei Ausstellungen an, die insgesamt eine moderne Betrachtung des Tanzes ermöglichen, ein Zusammenfliessen aus drei Generationen von Malern, Sichtweisen und Empfindungen.
Vicente Escudero (1888-1980), selbst Flamencotänzer, traf nach dem ersten Weltkrieg in Paris auf Picasso, Juan Gris, Miró und begann aus seinem Tanzempfinden heraus und beeinflusst von den kubistischen und surrealistischen Malern ein eigenes malerisches Werk zu schaffen, das in der Galerie im zweiten Stock des Museum zu besichtigen ist. 

Die zweite Generation stell der französische Maler Miguel Alcalá dar (1940). Er kam in den siebziger Jahren nach Sevilla und integrierte sich dort rasch vor allem in die Welt der andalusischen Zigeuner, die ihm dann auch einen spanischen Namen ‚verpassten’. Seine hervorragenden Bleistiftzeichnungen, die die Bewegung und Emotion flamencotanzender Zigeuner in realistischen, fast magischen Skizzen fassen sind in der Galerie des historischen Kellers des Musuem zu bestaunen. 

Die dritte und aktuelle Generation wird von Sophie Mühlenburg (1978) vertreten. Als wir die Bilder sahen, stand es für uns sofort fest, die Gemälde von Sophie sind ein Fall  für das Flamenco Tanz Museum. Selten hatten wir einen Maler oder Malerin kennengelernt, die es so verstand, Flamenco in Pinselstrichen zu fassen, ohne ins Klischee zu fallen oder romantische Vorstellungen vom Flamenco figurativ auf die Leinwand zu bringen. Sophie Mühlenburg ist es gelungen, den Widerspruch zwischen dem Ausdruckstanz Flamenco und einer zeitgenössischen Malerei überraschend aufzulösen. Es geht in ihren Bildern nicht so sehr um das „Was“ des Tanzes, sondern um das „Wie“, nicht um die Tanzstile selbst, sondern um das, was diese in Gang setzen oder unterbrechen, rhythmisieren oder was aus dem Tanz „heraushüpft wie ein Frosch aus dem Teich“, sowie es Jörg Heiser ausdrücken würde.
Die Gründe, warum das Flamenco Tanz Museum also die Arbeiten von Sophie Mühlenburg angemommen hat, sind die außerordentliche Ausdruckskraft der Bilder, die Sensibilität im Umgang mit einem so komplexen aber auch attraktiven Thema wie dem Flamencotanz, wie auch ihre erfrischende Mischtechnik, die unterschiedliche Materialien expressiv einsetzt. In ihrem Fall geht es nicht darum,  den Flamenco malerisch zu dokumentieren, sondern ihn als Auslöser und Stimulus eigenen künstlerischen Schaffens begreifen, d.h. ein Kunstausdruck (Flamenco) bewirkt einen anderen neuen. 

Im Fall von Sophie Mühlenburg interessierte es uns auszuloten, inwiefern sich der Flamenco in einer Sensibilität widerspiegelt, die von deutscher Mentalität und künstlerischem Schaffen unterlegt ist. Frau Mühlenburg nimmt in diesem Sinne an einem künstlerischen Dialog teil, dessen Ergebnis sowohl für das spanische Publikum und dessen kultureller Hintergrund, der Flamenco, als auch für das deutsche Publikum interessant sein könnte, aus dessen Mitte sozusagen schöpferisch auf den Flamenco reagiert wird. 

In diesem Sinne stellen auch  die Arbeiten von Frau Mühlenburg eine schöpferisch-kreative, als auch soziologisch-philosophische Herausforderung dar, da sie die Debatte öffnen, ob es kulturspezifische Sichtweisen und Erlebensweisen des Flamenco gibt, ob in der schöpferischen Antwort auf dem Flamenco so etwas wie kulturspezifische Empfindungen deutlich werden, ob Künstler anderer Kulturkreise die Seele des Flamenco verstehen und fassen können und wenn ja, welches sind die Mittel. 

Um die Auseinandesetzung und den Dialog zwischen Betrachtern und Künstler zu fördern, hat das Flamenco Tanz Museum das „offene Atelier“ geschaffen, das Künstlern zur Verfügung steht, die über den Flamenco Tanz arbeiten wollen. Offen bedeutet in dieser Hinsicht nicht nur offen für Künstler, sondern vor allem offen für den Kontakt mit den Besuchern des Museums, die mit den dort malenden Künstlern Austausch und Gespräche führen können über ihre Sicht- und Malweisen des Flamenco. Das offene Atelier befindet sich im zweiten Stock des Museums, wo auch Frau Mühlenburg bis September 2007 malt und dort auch gesprochen werden kann. Da Frau Mühlenburg keine festen Arbeitszeiten hat, bitten wir an einem Gespräch Interessierte, Kontakt mit dem Museum aufzunehmen. Das Museum vermittelt dann gerne den Kontakt. 

Die Besucher des Museum nehmen die Gemälde von Sophie Mühlenburg überaus positiv und mit sehr grossem Interesse war.  Bleistiftzeichnungen und kleinere gemischte Arbeiten stehen auch zum Kauf zur Verfügung, wobei aussergewöhnliche Werke von steigendem Wert erworben werden können .
Im ‚Zusammensehen’ der drei Ausstellungen, mit surrealistisch, kubistischen Elementen des frühen 20. Jahrhundertes, mit kostumbristischen Zeichnungen der “Vätergeneration” und den eher exzentrischen Arbeiten von Sophie gelingt es dem Museum, ein neues Seherlebnis des Flamenco zu vermitteln.

Das Flamenco Tanz Museum ist jeden Tag von 9.30h bis 19.00h geöffnet, wobei nicht nur die Ausstellung von Frau Mühlenburg, sondern auch der Besuch des interaktiven Teil des Museums mit seinen beeindruckenden Multimediaproduktionen einen Hit des Besuchs der Stadt Sevilla darstellen. Die Reise nach Sevilla lohnt sich also.



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