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04:21 Montag 13. Oktober 2008

Die kulturelle Landschaft von Aranjuez

Das Weltkulturerbe Spaniens Teil 36

Eine knappe Autostunde südlich von Madrid liegt die Kleinstadt Aranjuez mit rund 50.000 Einwohnern. Sie wurde durch Maestro Rodrigos Concierto de Aranjuez berühmt, welches auf so geniale Weise den Geist dieser einzigartigen Ortschaft vermittelt. Dass durch die pittoresken Anlagen von Aranjuez ein besonderer Wind weht hat die UNESCO im Jahr 2001 dazu bewogen, sie in den Katalog des Weltkulturerbes aufzunehmen. Die kulturelle Landschaft von Aranjuez steht für die gelungene Fusion unterschiedlicher Einflüsse aus vier Jahrhunderten, die für die Entwicklung von Stadt und Land entscheidend waren.

 Nicht nur im übertragenen Sinne nährt sich die Kulturlandschaft Aranjuez aus vielen Quellen. Tatsächlich liegt Aranjuez in einer fruchtbaren, waldigen Ebene ungefähr dort, wo Jarama und Tajo zusammenfließen. Obendrein entwässert der Bach, der aus dem nahen Naturschutzgebiet von Ontígola kommt, in den Tajo. Und genau den ließ König Felipe II. im Jahr 1560 stauen, um damit die vielen Springbrunnen der Oase Aranjuez zu speisen. So kam es, dass sich zahlreiche Bewässerungsgräben durch malerische Parks und Gartenanlagen dieser zauberhaften Residenzstadt ziehen, in der einst der Hof aus Madrid seine Sommer verbrachte. 

Felipe II. hatte die Idee zur Anlage einer Sommerresidenz in der Nähe der spanischen Hauptstadt von seinem Vater, Kaiser Karl V., aufgegriffen. Er reformierte ein altes Lehrinstitut zu einem Bauwerk, das als Vorläufer des heutigen Königspalastes gilt. Getreu der spätmittelalterlichen Gesinnung entstand als Erstes die Kapelle. Zusammen mit einem Teil der Süd- und Westfassade des neuen Königspalastes war sie fertiggestellt, als Felipe II. im Jahr 1598 starb. Danach geschah über ein Jahrhundert nichts, bis dass der Borbonenkönig Felipe V. im Jahr 1715 die Bauarbeiten wieder aufnehmen ließ. Er hielt sich an die  ursprünglichen Pläne und stellte den Nordturm im Sinne seines herben Vorfahren fertig, ebenso die Westfassade und das, was der eigentliche Hauptteil des Palastes ist.
Da zerstörte ein Feuer Teile des Palastes, aber sein Nachfolger Fernando VI. veranlasste den Wiederaufbau. Allerdings lockerte er dabei die sachliche Linie des ursprünglichen Bauwerks durch Bögen und Balkons etwas auf. Carlos III. (1716-1788) übernahm anschließend mit zwei Seitenflügeln die Fertigstellung dieser königlichen Schlossanlage.

Der anmutige Palast zeichnet sich äußerlich durch seine Farben aus, weiß wie der Stein aus Colmenar, aus dem er erbaut ist, und rot durch die Backsteine, mit denen er verkleidet wurde. Die Front des Komplexes hat bis auf den zentralen Trakt im Erdgeschoss eine lange Fensterreihe und darüber Balkons, die von einer Balustrade gekrönt werden. Der mittlere Teil, der ein Stockwerk höher ist, zeigt im Giebel das Wappen von Fernando VI. und darüber die Statuen von Felipe II., Felipe V. und Fernando VI.
Im unteren Teil des Mittelstücks liegt der Haupteingang. Fünf Bögen tragen die Terrasse der ersten Etage mit ihrem langen Balkon. Im Osten des Palastes hat die zweigeschossige Fassade in der Mitte einen Vorsprung, dessen Fenster und Balkons sich auf die spektakulären Parterre-Gärten öffnen. Hier befinden sich die königlichen Privatgemächer. Die Nord- und Südfassade sind sich äußerlich ähnlich und schließen mit einer Balustrade ab. 

Der Palast ist voller Kunstschätze und antiker Möbel. Besonders sehenswert sind die Porzellansammlung und der Spiegelsaal. Im Museum über das damalige Leben im Palast findet man kuriose Gegenstände aus dem Alltag. Es ist jedoch die Landschaft um den Palast herum, die zum Weltkulturerbe erhoben wurde. Das besondere an ihr ist, dass der Mensch hier einmal trotz seines Eingreifens in die Natur keine Zerstörung, sondern Harmonie geschaffen hat. 

Da sind zunächst die Gärten, die voller Marmor- und Bronzestatuen, Brunnen und Pavillons sind. Ein Barkassenmuseum beherbergt Spaniens wertvollste Sammlung königlicher Wasserfahrzeuge. Wie erwähnt, stammen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts die ersten Bemühungen, das Gelände mit geometrischen Linien neu zu ordnen, zwischen Wäldern, Gärten und Wirtschaftsflächen Wege und Alleen zu öffnen und ein Modell zu realisieren, dass auf griechisch-romanischen Vorbildern beruht. Nicht nur, dass dieses ursprüngliche Modell vorbildlich respektiert worden ist, es wurde von den folgenden Generationen und Dynastien stilvoll erweitert.

Nach den ersten geometrischen und strahlenförmigen Entwürfen entstand südlich  ein Konzept, achteckig wie ein Fadenkreuz. Durch perfekte Raumplanung wuchs der Grundriss für die barocke und illustre Stadt Aranjuez weiter, die sich bis heute perfekt in die Landschaft integriert. 

Der fruchtbare Boden wurde zum Schauplatz einer intensiven wissenschaftlichen und botanischen Geschäftigkeit. Aranjuez war bald das Zentrum für die Akklimatisierung exotischer Pflanzen aus allen Winkeln des Imperiums. Heute finden wir hier die wahrscheinlich wichtigste Ansammlung von Bäumen aus Amerika und Afrika, die an Pracht teilweise die ihrer Herkunftsländer übertreffen.

An diesem königlichen Ort (Real Sitio) versammelten sich um den Hof Genies und Meister aller Kunstrichtungen und Wissenschaften, was sich in der Architektur, Gartenbauweise, Malerei und Bildhauerei der Anlagen widerspiegelt. Ein faszinierender Ort der architektonischen Superlative, in dem das natürliche Grün und die künstlichen Wasserläufe die Hauptrolle spielen. Zur Kulisse gehören Paläste, Schlösser, lauschige Patios, breite Alleen, riesige Plätze, Gärten, Parks, Wälder…
Die Altstadt besticht durch ihren regelmäßigen Baustil. Das Haus des Landmanns, Haus der Zünfte und Ritter, Haus der Prinzen, die Königliche San Antonio Kirche, das Königliche Theater, das Königliche Kloster San Pascual, das San Carlos Hospital, der Großmarkt, der Medinaceli-Palast, Gouverneurspalast, die Alpajes-Kirche, die Paläste von Godoy und Osuna, der Bahnhof, der Königliche San Isidro-Hof, ja selbst die Garage der Königin-Mutter stehen unter Denkmalschutz. Das ausgerechnet hier an diesem traditionell königstreuen Ort am 18. März 1808 die spanische Revolution ausbrach, ist eine Ironie des Schicksals. 

Eingebettet in eine Umgebung, in der die systematischen Eingriffe des Menschen in die Natur über Jahrhunderten hinweg die Umwelt verschönt haben, ist Aranjuez ein Teil der Geschichte der spanischen Monarchie, deren Sommerträume sich hier nachträumen lassen.

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