Eine Zeitreise zu den Ursprüngen der andalusischen Kultur(Das flamenco tanz museum und das aktuelle spanienmagazin wollen den Lesern dieses Magazins Sevilla von einer anderen Seite zeigen – mit einer Zeitreise zu den Urspüngen der andalusischen Kultur.
Um diesen neuen kulturellen Leckerbissen optimal vorzubereiten, haben wir gemeinsam mit einem Leserpaar, könnte man auch Versuchskaninchen nennen, eine erste Probe gemacht. José Luis Palanco, Rechtsanwalt aus Marbella, und Ehefrau Carolina Lima waren mit Hans Seybold und Mark Bela zusammen mit Dr. Kurt Grötsch und Javier Andrade vom flamenco tanz museum in Sevilla unterwegs.
Die Eindrücke von José Luis Palanco finden Sie im nachfolgenden Bericht.
Ab Oktober sollen derartige Reisen in kleinen Gruppen für unsere Leser angeboten werden, natürlich auch mit Begrüßung und fachkundiger, deutschsprachiger Führung vor Ort. Interessenten können bereits jetzt über die Redaktion Einzelheiten erfahren.)
Als ich zu der Reise nach Sevilla eingeladen wurde, kam mir zuerst der Gedanke, wieso Sevilla, ich war doch bereits über zehn Mal dort, viel mehr werde ich nicht sehen. Ich kenne Sevilla seit mehr als zwanzig Jahren und nach jeder Reise war ich immer der Meinung, dass die über zweihundert Kilometer sich nicht gelohnt haben. Auch wenn man die Spanier fragt, wie sie Sevilla finden, ist überraschenderweise eine eher negative Einstellung zu hören. Und das nicht nur von den Andalusiern, die durch die Gründung der Autonomen Länder Sevilla plötzlich als ihre Hauptstadt betrachten müssen, sondern auch von den restlichen Spaniern. Sie erinnert Sevilla – wie auch so manch Deutschen – an Siesta, Feria, Hitze oder Stierkampf.
Kritisch bin ich nach Sevilla gefahren. Doch von der Skepsis blieb bereits bei dem warmen Empfang im Hotel Doña María wenig übrig. Das Hotel liegt absolut zentral in der Altstadt. Das Hotel, ein alter Stadtpalast mit viel Geschichte, wie der Direktor stolz erklärt, hat neben schönen und großen Zimmern eine Dachterrasse mit direktem Blick zur gegenüberliegenden Kathedrale. Auf dieser Terrasse empfängt uns der Direktor mit einem Glas Champagner. Gerade angekommen, befindet man sich inmitten einer solch schönen Szene, eine Mischung von christlichen und arabischen Monumenten.
Dr. Kurt Grötsch, Direktor des Flamenco Tanz Museums, stellt uns an diesem besonderen Ort das Programm vor – eine Zeitreise zu den veschiedenen Ursprüngen der andalusischen Kultur, in das unbekannte und magische Sevilla, zurück zu den Wurzeln der Geschichte: zu Kolumbus und dessen bleibenden Spuren in Sevilla, der Rolle der Fugger und Welser, Sevilla als Hafenstadt und den Spuren arabischer Kultur. Zuletzt werden wir das herausragende Kulturgut Andalusiens, den Flamenco, kennen und spüren lernen. Sofort kommt mir der Gedanke, dies alles an einem Tag, einfach viel zu viel. Vorab spielt dies keine Rolle, da es nach dem Empfang sofort mit dem Besuch verschiedener Tapas-Bars weiter geht. Wenige Minuten zu Fuß und wir befinden uns in der ersten Bar, umrundet von Einheimischen, die wie wir bei einem vom Fass gezapften Bier oder Wein kleine schmack- hafte Häppchen, die sogenannten Tapas, zu sich nehmen. Wie es die Spanier lieben, steht man in einer Gruppe, unterhält sich, lacht, trinkt, isst und ist völlig entspannt. Meist bestellt man in der gleichen Bar ein oder zwei Biere, die wegen der kleinen Gläser relativ schnell ausgetrunken sind. So trinkt man ständig frisch gezapftes Bier. Ein Genuss. Dann geht es sofort in die nächste Bar weiter. Ein großer Vorteil: Wer müde ist, kann in wenigen Minuten zu Fuß problemlos und sicher zum Hotel zurück.
Der nächste Tag beginnt mit einem eher späten Frühstück. Da alle Sehenswürdigkeiten vor der Haustür liegen, gibt es keine lästigen Busreisen. Man hat so mehr Zeit, sich zu entspannen und zu erholen, nach manch einer langen Tapas-Nacht.
Nach nicht mal fünf Minuten befinden wir uns in einem Seitenflügel der Kathedrale von Sevilla und bestaunen die Bibliothek Colombina, die sogar viele Einheimische nicht kennen. Hernando Colón, uneheliches Kind von Christoph Kolumbus (span. Cristobal Colón), hat sie gegründet. Hernando, der seinen Vater bei dessen vierter Fahrt begleitete, begann 1509 die Bibliothek aufzubauen. Heute ist sie ein Kleinod, ein Schatz des Kulturerbes Sevillas, kaum bekannt und kaum zugänglich. Hernando Colón sammelte etwa 15 000 Werke und legte damit die vielleicht größte Privatbibliothek seiner Zeit an. Nach seinem Tod gingen rund 8000 Stücke verloren. Den Rest dürfen wir heute genießen – nicht nur ansehen, sondern auch anfassen. Plötzlich hat man das Bordbuch von Cristobal Colóns erster Amerikareise mit 898 handschriflichen Aufzeichnungen in der Hand und ist inmitten dieser wunderbaren Entdeckung. Ebenso bekamen wir die von Hernán Cortés, Eroberer Mexikos, selbst angefertigte Zeichnung über den Grundriss des Stadplans von Tenochtitlan, heute Mexiko-City, in die Hand.
Ein paar Meter von der Bibliothek entfernt befindet sich das Grab von Cristobal Colón. Für alle sehr spannend: Die Geschichte der sterblichen Überreste des Amerikaentdeckers: Kolumbus starb am 20.Mai 1506 in Valladolid im Alter von 55 Jahren. Als mögliche Ursachen für seinen Tod vermuten Historiker Arthritis, Diabetes oder Syphilis. Sein Leichnam wurde in Sevilla begraben, aber auf Wunsch seines Sohnes Diego 1542 nach Santo Domingo überführt. Dort blieben die Gebeine bis 1795. Da zu dieser Zeit die Franzosen die Insel zu ihrer Kolonie machten, wurden die sterblichen Überreste des Kolumbus nach Kuba gebracht. 1898 wurden sie neuerlich aus dem Grab gehoben und kamen wieder zurück nach Sevilla. Bis 2006 war umstritten, ob es sich wirklich um die Gebeine von Christoph Kolumbus handelte. Ein DNA-Test bestätigte, dass es die sterblichen Überreste des Amerikaentdeckers sind.
Weiter geht es zu Fuß zum Archivo de Indias. In diesem monumentalen Gebäude befinden sich sämtliche Ein- und Ausreisedokumente aller Amerikareisen. Damals wurde genauestens vermerkt, wer und was nach Amerika reiste und wer und was aus Amerika kam. Nach diesem Besuch ist jedem klar, welch wichtige Rolle Sevilla bei der Entdeckung Amerikas – und auch einige Jahrhunderte danach – spielte. Sehr spannend wird es, als wir uns die Rolle der Fugger und Welser, die intensive Handelsbeziehungen zu Spanien hatten, anhören. Sie hatten dort zahlreiche Handelsniederlassungen. Die Fugger in Sevilla, Almago, Barcelona und Burgos, die Welser in Zaragoza, Valladolid und Valencia.
Später besuchen wir die Reales Atarazanas de Sevilla, eine Werft die 1252 auf Befehl von König Alfonso dem Weisen gebaut wurde. Die Architektur des Bauwerks ist maurische Gotik mit ursprünglich 17 Längsschiffen, die senkrecht zum Fluss Guadalquivir gebaut wurden. Der Besuch dieses Gebäudes wird demnächst noch interessanter, da in Kürze dort ein Schifffahrtsmuseum eröffnet werden soll.
Nach diesem Besuch wird erstmal eine Pause gemacht und wir begeben uns zu Casa Robles, einem Restaurant in der Altstadt, wo wir ein andalusisches Mitagessen genießen.
Nach dem Mittagessen geht es sofort weiter und wir gehen durch die Altstadt direkt zum Alcazar von Sevilla und plötzlich befinden wir uns in einer arabischen Welt. Besonders interessant ist der Besuch der Bäder. Die heutigen „Spas“ sind an sich Kopien der vor mehr als tausend Jahren existierenden arabischen Bäder. Dieses arabische Ambiente geht nach dem Besuch des Alcazars nicht verloren, da wir durch das arabische Viertel von Sevilla geführt werden. Wir laufen durch kleine Gassen und der Führer erzählt uns die Geschichte der „Schnüffler“. Im Jahre 1492 verboten die spanischen Könige Isabel und Fernando, die sogenannten Katholischen Könige, die Ausübung anderer nicht-katholischer Religionen. Wer nicht katholisch wurde, musste entweder auswandern oder wurde zum Tode verurteilt. Man kann sich gut vorstellen, wie die sogenannten „Schnüffler“ durch diese engen Gassen liefen und rochen, ob man vielleicht nicht-christliche Speisen zubereitete. Dies hatte zur Folge, dass viele jüdische oder arabische Speisen in Vergessenheit gerieten. Der Spaziergang durch diese engen Gassen endet bei den Baños Arabes, Bäder in einem alten Palast, die wir selbst genießen können. Es ist ein Erlebnis, das nicht mit den modernen Spas vergleichbar ist.
Sehr entspannt geht es zuletzt, wenige Meter von den Bädern entfernt, zum Flamenco Tanz Museum, gegründet von der bekannten Flamencotänzerin Cristina Hoyos. Direktor Dr. Kurt Grötsch stellt es uns stolz vor (Verweis: ausführlicher Bericht in der Ausgabe April/2007). Dieser Besuch ist für Jung und Alt spannend und in knapp zwei Stunden weiß man mehr über Flamenco wie mancher Spanier. Die Theorie wird in diesem monumentalen Gebäude auch zur Praxis gebracht: Man lernt von einem Tanzlehrer die ersten Schritte und das Händeklatschen.
Ich muss zugeben, meine Skepsis der Sevilla Reise gegenüber ist alleine durch diesen letzten Besuch vollkommen erloschen und sogar für jene, die wie ich bereits öfters in Sevilla waren, ist die Reise absolut empfehlenswert.
José Luis Palanco (Text) - Mark A. Bela (Fotos)