Im ethnografischen Museum von Benalauria sehen die Besucher, wie die Bauern vor rund 100 Jahren Olivenöl herstelltenText & Fotos von Simone Sälzer
Die Steinböden in den zwei kleinen offenen Gebäudeflügeln gleichen einem unebenen, holprigen Weg, unmittelbar beim Eingang entlang der weiß getünchten Wand steht eine etwa zwölf Meter lange Konstruktion aus Holz, in dem anderen Raum zwei kegelförmige Steine, an dem einen ist ein Gespann für Tiere angebracht, in der Mitte der Steine ein Trichter – mit dem einen werden Oliven zermahlen, mit dem anderen das Öl gepresst. Das Kreuz an einer der Säulen betont, wie wichtig Schutz und christliche Segnung dieser Zeit waren.
Das Haus in der Calle Alta in Benalauria, rund 27 Kilometer von Ronda entfernt, ist eine ehemalige Ölmühle, die seit 1993 ein ethnografisches Museum ist. 2000 Besucher kommen durchschnittlich pro Jahr. „Die Ausstellungsstücke sind Zeitzeugen“, sagt Antonio Viñas, Direktor des Museums. „Wir wollen nahe bringen, wie die Menschen in unserer Region, im Valle del Genal, früher gelebt und gearbeitet haben.“ Es sei Teil ihrer Kultur.
Mitte des 18. Jahrhunderts, zwischen 1752 und 1773, wurde die Mühle, bekannt unter dem Namen „Molino de Calleja“, im äußersten Westen des Dorfes gebaut – bis in die 60er Jahre Öl gepresst. Das Gebäude in L-Form ist einzigartig in seiner Aufteilung, alle Geräte sind von Einheimischen gebaut worden. „Heute sei es nicht mehr möglich, nur von Olivenöl zu leben“, sagt die Geschäftsführerin Ana Belen Ruiz Rodriguez. Oliven seien zwar billig, aber Öl zu machen teuer. In der Region um Benalauria sei es sehr mühsam gewesen, Olivenöl herzustellen. „Die Bauern konnten wegen der steilen Hänge die Früchte nur mit der Hand pflücken.“
Sie steht im „sala del empiedro“ vor der „molina de sangre“, eine Mühle, die von Tieren betrieben wurde. „Die Oliven wurden in einen Fülltrichter, die sogenannte ‚tolva’, gefüllt, das angespannte Pferd ging im Kreis und mahlte die Oliven“, erklärt sie. Rund 50 Kilo konnten die Bauern in die „tolva“ füllen. Wenn die Oliven sehr trocken waren – weil es länger nicht geregnet hatte – fügten sie ein bisschen heißes Wasser hinzu, um das Mahlen zu erleichtern. Die „tolva“, die die Besucher im Museum sehen, ist allerdings nicht die originale, sondern wurde bei der Restaurierung erneuert. Die originale war so hoch, dass die Bauern die Oliven direkt vom „altillo“, dem oberen Stockwerk, in die „tolva“ werfen konnten. Das Tier bewegte die Achse, diese die Steine, die die Oliven zu einer Paste verarbeiteten. Meist waren es Stuten, Hengste oder Esel – sie mussten zahm sein, ein Maulesel war für diese Arbeit weniger geeignet. Damit es den Tieren nicht schwindelig wurde, verbanden die Bauern ihnen die Augen. Rund sechs Mal pro Minute gingen sie im Kreis. Für die 50 Kilo Oliven brauchten sie rund vier Stunden, wenn sie sehr trocken waren, fünf. Die Olivenpaste wurde im „alfarje“ aufgefangen und mit einer Kelle gewendet.
„Die Olivenpaste kam dann auf ‚cerillos’, das sind runde Matten, die zu einem Turm gestapelt werden“, erzählt die Geschäftsführerin. Die Presse, die fast den gesamten Raum, den „sala de prensa“, einnimmt, funktioniert wie ein Nussknacker. Sie filtert das Öl, das mit Hilfe von Pumpen abgegossen wird. Heraus kommt eine Mischung aus Wasser und Olivenöl. Die beiden Teile werden durch die „decantacion“ voneinander getrennt. Unterhalb der Presse ist eine Zisterne, „el aljibe“. Aus 50 Kilo Oliven entstanden rund 12,5 Liter Öl. „Das kaltgepresste Olivenöl ist von höchster Qualität“, sagt Ana Belen Ruiz Rodriguez.
Gegenüber der mächtigen Holzpresse hängen an der Wand Holzstäbchen, aufgereiht auf einem Faden. „Zahlweise war die sogenannte maquila“, so die Geschäftsführerin und schiebt sechs Holzstäbchen nach links, eins nach rechts. „Für sechs Liter Öl zahlten die Bauern beispielsweise einen an die Mühle.“ Rund 15 Prozent ihres Öls mussten sie an die Mühle abgeben.
Gleich rechts davon, unmittelbar beim Eingang, das Lager, „el despacho“. Einige Meter weiter „el cuarto del aceite“, ein kleiner Verkaufsraum, wo das in Tonkrügen aufbewahrte Öl veräußert wurde. „Medidas“, Messbecher in verschiedenen Größen, stehen auf einem kleinen Tischchen. „Die Menschen in der Region waren früher sehr arm“, erzählt Ana Belen Ruiz Rodriguez. „Viele konnten sich nur 100 oder 200 Milliliter Öl leisten.“
Das erste Stockwerk, „el altillo“, diente den Bauern als Aufbewahrungsort für Öl und Oliven. In der Ecke ein Heizkessel und alte Töpfe. Dort schliefen die Bauern, meist auf einem Bett aus Kastanienblättern. Unter dem Kamin ist eine kleine Behausung, die während des Bürgerkriegs und in der Nachkriegszeit als Versteck für Menschen gedient haben soll - und um das Öl zu verstecken, das versteuert werden musste.
Die Besucher spüren das Leben der Ölbauern vor rund 100 Jahren. „Ich habe noch nie eine so gut erhaltene Mühle gesehen“, sagt Jorge Jiménez Jover aus Madrid. Er macht mit seiner Frau und seinen Schwiegereltern Urlaub in Benalauria. „Es ist sehr interessant zu sehen, wie die Menschen früher Öl hergestellt haben“, fügt seine Frau Lola Pulido Cantó hinzu. „Benalauria ist wirklich ein besonderes Dorf“, ist ihre Mutter Lola Cantó Andrés der Meinung. Es bewahre die Kultur und Traditionen. „Und erst die Natur“, schwärmt ihr Mann Ángel Pulido Tosina.
In den 80er Jahren war das Haus sehr ruinös. „Es wurde dank eines Glückfalls wieder aufgebaut“, sagt Antonio Viñas. Der deutsche Unternehmer Gunter Brutt sah in der Mühle ein kulturelles Juwel – er sowie die Initiative Centro de Desarrollo Rural (CEDER) der Serranía von Ronda ermöglichten die Sanierung des Gebäudes 1993 sowie die Einrichtung eines Museums. Zudem wurde als lokales Projekt die Kooperation „La Molienda“ – auch der derzeitige Eigentümer des Gebäudes – gegründet. Seit 2002 ist es im „Red Andaluz de Museos de la Junta de Andalucía“ eingeschrieben. „Das Dorf hat sich verändert“, resümiert der Direktor. Mehr als 20 000 Menschen, in einer Gemeinde mit nicht mal 500 Einwohnern, seien die Tore in die ländliche malagenische Geschichte geöffnet worden.
Kontakt:
Das Museum hat samstags, sonntags und an Feiertagen geöffnet (12 bis 16 Uhr), an den übrigen Tagen kann man telefonisch unter
952 15 25 48 oder
952 87 07 39 oder per Mail (lamolienda@molienda.com) reservieren.
Seit September gibt es auch einen 60-seitigen Führer über das Museum.