Das Weltkulturerbe Spaniens Teil 38Die alte Hängebrücke der Biskaya, meistens kurz El Puente (die Brücke) oder El Transbordador (die Fähre) genannt, verbindet seit 114 Jahren die beiden Uferstädte Portugalete und Getxo an der fjordähnlichen Mündung des Nervión in den Golf von Biskaya bei Bilbao miteinander. Sie verkörpert die Industrierevolution des Baskenlandes und war im Jahr 2005 vom spanischen Kultusministerium für die exklusive Liste der Weltkulturerbschaft vorgeschlagen worden. Insgesamt hatte der Ausschuss, der im Juli 2006 Jahr in Vilnius (Litauen) tagte, unter 37 Kandidaten zu wählen. Die Brücke machte das Rennen und wurde für die „außergewöhnliche technischer Kreativität“ auserkoren, bei der „Funktionalität und ästhetische perfekt Schönheit in Einklang“ sind.
Bei der Konstruktion handelt es sich nicht exakt um das, was wir normalerweise unter Hängebrücke verstehen, sondern sie muss genau genommen als Hänge- bzw. Schwebefähre bezeichnet werden. Als „Fähre“ wurde sie denn auch im Jahr 1893 eingeweiht. Genannt wird El Puente oder El Transbordador auch Biscaya-Brücke, Portugalete- oder Getxo-Brücke, oder Brücke von Bilbao. Als Puente Palacio erinnert sie an ihren Erbauer. Alles gilt, nur nicht der offizielle Name, und der ist seit Neuestem Bizkaiko Zubia.
Alberto de Palacio, ein Freund und Schüler von Gustave Eiffel, hatte sich als Ingenieur und Architekt der Aufgabe gestellt, eine Verbindung zwischen den beiden oben genannten Badeorten zu schaffen, die bei den Einwohnern der keine 20 km entfernten Stadt Bilbao und ihren Besuchern schon damals sehr beliebt waren. Sie durfte den regen Schiffsverkehr nicht behindern und sollte das Stadtbild positiv prägen. Und teuer sollte sie auch nicht sein. So hatte er sich nach langem Studium aller Möglichkeiten für ein hohes Eisengerüst entschieden, das durch Stahlseile stabilisiert würde. Es hatte eine Querverbindung, an der die Transportbarke hing, die Güter, Fahrzeuge und Menschen über den Fluss setzte.
Für seine Schwebefähre war jedoch auch die Bezeichnung „Brücke“ gerechtfertigt, weil es im oberen Teil einen Steg für Fußgänger gab, der heute mit einem gläsernen Aufzug zu erreichen ist. Der hohe Laufsteg mit seinem fantastischen Rundblick ist noch immer ein beliebter Aussichtspunkt. Das bahnbrechende Modell von zwei amerikanischen Ingenieuren, das noch nie realisiert worden war, wurde somit durch Alberto de Palacio zum Prototypen für 20 Nachbildungen in Europa, Afrika und Amerika, von denen heute jedoch nur noch 9 in Betrieb sind, eine davon über die Oste in Norddeutschland.
Es handelt sich bei dieser Konstruktion um ein rein strukturelles Element ohne jede Dekoration, bestehend aus zwei Doppelpfeilern, die sich auf beiden Seiten des Nervion gegenüber stehen und die etliche Kabel auf 61 m Höhe bringen. Diese wurden an ihren Enden in 110 m Entfernung von den genannten Doppelpfeilern in der Erde verankert. Die Kabel bilden zwischen den Pfeilern einen Bogen, an dem in 45 m Höhe die 160 m lange Querverbindung hängt. Darauf verlaufen Schienen, auf dem ein Wagen hin- und herfährt und an dem die Transportbarke hängt.
In Bilbao war die großartige architektonische Leistung von Anfang an populär und eng mit kulturellen Ereignissen verknüpft. Vor den Augen der zunächst skeptischen Zeitgenossen war der Traum eines ortsansässigen jungen Architekten wahr geworden, und die Schwebefähre wurde zum Zeugen großer Ereignisse, die das neue Jahrhundert mit sich bringen sollte. Ihre Entstehung fiel in die Zeit großer sozialer Unterschiede, so dass die hölzerne Transportbarke durch ein Seil in Klasse Eins und Klasse Zwei geteilt war. Die Erste Klasse hatte drei überdachte Reihen mit Sitzbänken zu beiden Seiten der Barke, während sich die Zweitklässler die nicht überdachte Mitte mit allerlei Waren, Gefährten und Vieh teilen mussten. Bei den Proben belastete man die Barke mit 26 Tonnen Gewicht, die zum Eigengewicht von 40 Tonnen hinzukamen. Das war viermal so viel wie das Maximalgewicht im normalen Betrieb ausmachte. Die neue Konstruktion verhielt sich zum Glück vorbildlich, denn als nach drei Jahren der Planung und Konstruktion die Einweihung am 28. Juli 1893 stattfand, durchbrachen die begeisterten Menschen die Absperrung und stürmten die Barkasse, die bis zum Anbruch der Nacht immer wieder hin und her fahren musste.
Die Infantin Isabel de Borbon ließ sich gleich sechsmal übersetzen und schenkte dem Architekten ein signiertes Foto. Auch König Alfonso XIII besuchte das Meisterwerk der Architektur, aus welchem Anlass man einen großen Stern unter der Querverbindung anbringen wollte. Er fiel jedoch buchstäblich ins Wasser. Zahllose Regatten haben mit der Brücke im Hintergrund stattgefunden, sie war Motiv vieler Werbespots, diente als Zirkusarena und improvisierte Kanzel, war Filmstar, Ausgangspunkt für Weltumsegler und Plattform für Extremsportler, Muse für Literaten und Maler und Kulisse für zahllose Bürgeraktionen. Auch Selbstmörder zieht sie leider immer wieder an.
Im spanischen Bürgerkrieg wurde das Bauwerk öfter von Bomben getroffen, aber im Juni 1937 erhielten die Republikaner die Order, alle Brücken über den Nervión zu zerstören, um Francos Truppen den Durchmarsch zu erschweren. Eine große Explosion erschütterte die Hängebrücke, wobei die Transversale abgerissen und auch die beiden Türme schwer beschädigt wurden. Der Architekt musste von seinem Haus aus mit ansehen, wie sein Lebenswerk mutwillig zerstört wurde. Und das nur fünf Tage, bevor der Krieg für das republikanische Baskenland verloren war! Die Wiederinbetriebnahme hat er nicht mehr erlebt.
Schon wenige Tage nach dem Desaster wurde der Nervión von den siegreichen Nationalen Truppen wieder schiffbar gemacht, weil die Hochöfen der Biskaya in Sestao und die Schwerindustrie des Baskenlandes für das Franco-Regine von großer Wichtigkeit waren. Später ging man daran, auch die Brücke wieder aufzubauen. Am 19. Juni 1941 war deren Zwangspause beendet. Sie hatte nun ein neues Suspensionssystem, neue Tragkonstruktion und transversale Streben.
Seitdem geht die Barkasse im Achtminutentakt über den Nervión, 364 Tage im Jahr, von 05.00 bis 22.00 Uhr. Anderthalb Minuten dauert ihre Fahrt und kostet 30 Cent. Per Lift und zu Fuß ist es teurer: 4 Euro (Stand: Juni 2007). Sie spart den Anwohnern einen 20 km langen Umweg, wenn sie von Getxo nach Portugalete und umgekehrt wollen. Heute befördert sie jährlich 6 Millionen Passagiere.
Bilbao mit seinen 350.000 Einwohnern ist eine der wichtigsten Hafen- und Industriestädte Spaniens geworden und leistete sich in den letzten Jahren vorigen Jahrhunderts weitere Highlights berühmter Architekten, die eben so viele Besucher anziehen wie die Hänge- oder Schwebefähre mit UN-Status, nämlich die U-Bahnhöfe von Sir Norman Foster, das Guggenheim Museum von Frank O. Gehry oder die Zubizuri-Brücke von Santiago Calatrava.
Die Puente Colgante ist der letzte Beitrag unserer Serie über das Weltkulturerbe in Spanien.