Können nun die Probleme gelöst werden?Die Wahlen im Mai haben in etlichen Städten und Gemeinden zu gravierenden Umbrüchen geführt. Eine besonders gewagte Konstellation hat in Chiclana de la Frontera die Sozialisten nach 20 Jahren Alleinherrschaft ihrer Macht enthoben. Es entstand ein Zweckbündnis zwischen PP (Partido Popular), PSA, extreme Rechte und der IU, Ultra Linken. Am 16. Juni wurde unter dieser Führung ein neuer Bürgermeister gekürt, der nun das gesamte Stadtparlament umorganisiert. Einheimische und ausländische Bürger warten gespannt darauf, wie sich diese Koalition bewährt und ob anstehende Probleme, vor allem mit illegalen Häusern, nun endlich geklärt werden können.
Chiclana hat sich an der gesamten Küste von Sanlucar de Barrameda (südlich von Sevilla) bis nach Tarifa als Hauptanziehungspunkt für Residenten herauskristallisiert, vermutlich weil vor Jahren Grundstücke und Häuser noch äußerst günstig erstanden werden konnten. Der Ortskern erinnert immer noch an die dörfliche Struktur mit zwei parallelen Einkaufsstraßen, von denen eine Fußgängerzone ist. Das gesamte Stadtgebiet umfasst allerdings 203 Quadratkilometer, die vorwiegend ländlich genutzt wurden. Zwischen Ortskern und Strand liegen rund 15 – 20 km Entfernung , so dass die meisten Chiclaneros enorme Grundstücke besitzen mit ihren „casas de campo“, wo sie die Freizeit im Kreise der Familien verbringen.
Die Grundstücke entlang des 10 km langen Sandstrandes wurden vor einigen Jahren meistbietend an Investoren verkauft, die das Touristenzentrum Novo Sancti Petri schufen, mit 14 Hotels der Kategorien 4 und 5 Sterne, einem Centro Comercial, zahlreichen Wohnblocks, Apartments und Villen, zwischen denen harmonisch der Golfplatz Novo Sancti Petri eingebettet ist. Dieser ganze Komplex „Novo“ hat sich zu einem Touristenmagnet entwickelt, den immer mehr Ausländer auch zu ihrer 2. Heimat gemacht haben. Die Preise sind entsprechend explodiert.
Viele Neuankömmlinge stürzten sich auf die strandnahen Wochenendhäuschen der Chiclaneros, die im Laufe der Jahre durch Umbauten, Ausbauten etc. zu stattlichen Häusern herangewachsen waren, meist natürlich illegal. Oft gab es dann ein böses Erwachen: Strom reicht gerade für Licht, Kühlschrank und Radio, Wasser kommt aus dem Brunnen, Abwasser läuft in Sickergruben, und Telefonanschluss kann Wochen, Monate oder Jahre dauern. Selbst gute Spanischkenntnisse und Beratung und Unterstützung durch Anwälte sind keine Garantie dafür, dass die zugesagte Urbanisation oder Legalisierung der Häuser tatsächlich erfolgt, und vor allem ist fraglich, zu welchem Zeitpunkt.
Allein mit diesem Thema hat die neue Koalition in Chiclana sicher ein weites Betätigungsfeld vor sich. Wir sprachen mit dem Bürgermeister über geplante Änderungen und Projekte in Chiclana sowie über deren Auswirkungen, vor allem aber auch über die Integration von ausländischen Mitbürgern.
aktuelle: Wie kann eine Koalition aus 3 unterschiedlichen Parteien funktionieren?
Ernesto Marín Andrade: Das erste, was wir uns dabei gedacht haben, ist, dass endlich Schluss sein muss mit „bolsilla guardada“, das Geld in die eigene Tasche scheffeln. Das Wohl von Chiclana steht im Vordergrund, nicht das der einzelnen Politiker. Wir haben lange Zeit gemeinsam an einem Tisch gesessen und verhandelt, und dabei muss jeder etwas geben, aber auch zurückstecken, und so haben wir uns unter dem Strich gesehen gegenseitig eher befruchtet und mit Ideen bereichert, andere Ziele als derzeit nicht machbar fallen lassen, und ich bin überzeugt davon, dass wir gerade durch diese „verschiedenen Blickwinkel“ unterschiedlicher Parteien das Beste für Chiclana herauspicken konnten. Das werden wir zügig umsetzen, denn auch die 100 000 Bürger von Chiclana setzen sich ja aus unterschiedlichen Menschen mit völlig verschiedenen Ideen und Interessen zusammen, die wir alle „unter einen Hut“ bringen wollen.
Welches sind die Hauptprobleme, vor denen Sie momentan in Chiclana stehen?
Zuerst wollen wir sehen, welche Delegationen es überhaupt gab, müssen sehen, welche Gelder für was ausgegeben wurden oder verplant sind, müssen aber gleichzeitig schon Dinge auf den Weg bringen. Aber nach dieser Anfangsphase können wir in aller Ruhe beginnen, unsere Ziele umzusetzen, wenn wir die Grundlagen kennen. Zunächst haben viele Angst davor, aber wir wollen ihnen „poco a poco“ zeigen, dass wir uns um alles annehmen und es mit Vernunft durchsetzen wollen.
Viele Touristen im Novo Sancti Petri wissen nicht einmal, dass sie in Chiclana waren: Was hat Chiclana zu bieten und welche Pläne gibt es diesbezüglich?
Wir wollen letztendlich erreichen, dass man den Namen Chiclana besser mit Novo verbindet, dass wir einen Tourismus das ganze Jahr über bekommen, nicht nur von Ausländern, sondern auch von Spaniern. Wir wollen spezielle Angebote für Schulklassen machen, kulturelle Reisen anbieten, usw. aber das alles braucht seine Zeit. Chiclana hat schöne Kirchen, Museen, im Sommer jeden Mittwoch Abend Kunstaufführungen unter freiem Himmel in der ganzen Stadt, im Winter bieten wir ein interessantes Angebot im Teatro Moderno.
Was dürfen ausländische Residenten von diesem neuen Team erwarten?
Wir haben erstmals einen eigenen concejal (Stadtrat), der sich um die Belange der ausländischen Bürger annimmt. Denn wir sind überzeugt davon, dass durch entsprechende Hilfestellung von unserer Seite aus Probleme wie die der illegalen Häuser, oder einfach Eingliederung mit allen bürokratischen Problemen unseren ausländischen Mitbürgern eine einfachere Einbürgerung ermöglichen, und dass der Austausch von Erfahrungen verschiedener Nationalitäten und Mentalitäten wiederum alle gegenseitig positiv beeinflussen wird.
Wie sieht es hier aus mit erneuerbaren Energien, inwieweit profitiert man von den Erfahrungen anderer Länder in Europa?
Es ist bereits seit vielen Jahren ein Windpark geplant, aber an einem Platz, den wir für ungeeignet halten, so dass wir momentan verhandeln, diesen an einem anderen Platz zu realisieren, was jedoch die Preise in die Höhe treibt. Insgesamt sehen wir, dass die jungen Leute sich mehr und mehr für die Umwelt interessieren, und das wollen wir fördern.
Oftmals hat man das Gefühl, mit „Ratschlägen“ eher als lästig, überheblich angesehen zu werden, statt aus den Erfahrungen anderer sich Fehler zu ersparen, die andere schon gemacht haben.
Ja, das ist sehr typisch für unsere Region hier, wir glauben erst einmal, bereits alles zu wissen, und lassen uns ungern „belehren“. Es hängt natürlich auch davon ab, wie Dinge „vorgebracht“ werden, und vieles klingt für uns einfach „anmaßend, überheblich“, und nicht konstruktiv. Ich dagegen bin sehr interessiert an neuen Ideen, an Vorschlägen. Wir müssen vielleicht von beiden Seiten aus lernen, dass „hören“ und „verstehen“ nicht immer das gleiche sind, ebenso wenig wie „Sehen“ und „erkennen“. Ich bin offen für Anregungen, und lasse die Ehre dann auch denen, die sie verdient haben. Es geht mir nicht darum, mich mit fremden Federn zu schmücken. Alles was ich möchte, ist ein besseres Chiclana, das Medaillen verdient, nicht ich persönlich.
Welche Pläne gibt es, um die Residenten einzubeziehen, die aufgrund ihres Alters nicht mehr so leicht eine neue Sprache lernen, obwohl sie vielleicht schon viele Jahre hier leben?
Wir werden die kostenlosen Spanischkurse für Residenten auf jeden Fall beibehalten und eventuell noch ausbauen. Konkrete Pläne können wir erst in der nächsten Phase mitteilen, wenn wir den exakten Überblick über alles haben. Chiclana bietet zudem bi-lingue Schulen an, bereits ab Kleinkindalter bis zum Abitur. Wir registrieren immer mehr ausländische junge Familien, die zum arbeiten und leben zu uns in die Region kommen. Wir legen Wert darauf, dass spanische Tradition, Kultur und Lebensart erhalten bleiben, aber durch die internationalen Residenten bereichert werden. Allen, die sich hier bei uns wohlfühlen und integrieren möchten, bieten wir bestmögliche Unterstützung an.
Text: Beatriz Hohler
Fotos: Roland Beysel-Hohler