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Deutsche Botschaft und Konsulate in Spanien


22:21 Montag 6. Oktober 2008

Rezession in Deutschland?

  • Die Prognosen für das Wachstum der deutschen Wirtschaft werden derzeit wegen Dollarschwäche, hohem Ölpreis und Finanzkrise nach unten revidiert.
  • Im internationalen Vergleich hält sich die Bundesrepublik jedoch nach wie vor gut. Ausländer kaufen weiterhin deutsche Aktien.
  • Deutschland hat eine Dreifach-Absicherung gegen eine Rezession. Die vielfältigen Reformen auf der Mikroebene wirken.

In den letzten Tagen sind die Stimmen zur deutschen Konjunktur vorsichtiger geworden. Das renommierte Institut für Weltwirtschaft in Kiel hat seine – bisher besonders optimistische – Prognose für das Wachstum in der Bundesrepublik von 3,2 auf 2,7% nach unten revidiert. Der deutsche Wirtschaftsminister spricht von „Wolken am Konjunkturhimmel“. Schon in den ersten sechs Monaten ist die Wirtschaft langsamer gewachsen (Jahresrate von 1,5%) als ursprünglich erwartet. Müssen wir uns in Deutschland auf schlechtere Zeiten einstellen? Das wäre auch für Europa ein wichtiges Datum. Denn die Bundesrepublik ist im letzten Jahr vom kranken Mann Europas zur Konjunkturlokomotive der Eurozone mutiert. Wenn sie jetzt lahmen sollte, müssen auch die Europa-Prognosen korrigiert werden.
In der Tat gibt es eine Reihe von Fakten, die nachdenklich stimmen. In dieser Woche wurde der Geschäftsklimaindex des ZEW in Mannheim veröffentlicht. Schon zum vierten Mal hintereinander geht er zurück, im September sogar besonders stark. Die Auftragseingänge sind zuletzt drastisch eingebrochen (allerdings waren sie vorher auch sehr stark gestiegen). Die für die Deutschen so wichtige Autonachfrage lässt im Inland zu wünschen übrig. Die Neuzulassungen sind – wie man auf der laufenden internationalen Automobilausstellung hört – in diesem Jahr mit 3,1 Millionen Fahrzeugen niedriger als vor der Wiedervereinigung 1990.

Hinzu kommt das „triple witching“ aus Dollar, Ölpreis und Finanzkrise. Der Euro hat mit USD 1,40 ein Allzeithoch erreicht. Für eine so exportorientierte Wirtschaft wie die deutsche ist das natürlich eine Belastung. Mit knapp USD 80 je Barrel liegt der Ölpreis um fast 30% über dem Vorjahr. Der Zinsanstieg und die Unsicherheiten durch die internationale Finanzkrise haben in Deutschland zwei große Banken in Schwierigkeiten gebracht. Das erhöht nicht nur die Finanzierungskosten, sondern schafft auch neue Unsicherheiten.

Insgesamt also eine ganz erkleckliche Zahl von Belastungen, die nachdenklich machen müssen. Wir würden uns nicht wundern, wenn in den nächsten Wochen noch eine Reihe anderer Wachstumsprognosen für Deutschland herunter genommen werden. Es muss nicht gleich eine Rezession sein, aber zwei bis drei Zehntel Prozentpunkte weniger Expansion erscheinen durchaus realistisch (also die 2,3 oder 2,4%, die wir letzte Woche nannten).

Mehr sollten es nicht sein. Wir sollten das Kind jetzt aber auch nicht mit dem Bade ausschütten; denn es gibt auch Positives. Bemerkenswert ist vor allem, dass sich der deutsche Aktienindex DAX, der sonst sicher nicht gerade zu den attraktivsten Börsen der Welt gehört, in diesem Jahr besser hält als alle anderen Börsen der Industrieländer. Seit Jahresanfang stieg er um 13%. Der Dow Jones erhöhte sich in dieser Zeit nur um halb so viel. In Frankreich, Spanien, Italien, der Schweiz und natürlich Japan gingen die Kurse sogar absolut zurück. Die Entwicklung ist umso wichtiger, als sie vor allem durch ausländische Investoren zustande kommt. Diese haben offenbar Vertrauen in die deutschen Unternehmen.

Mit gutem Grund. Der Aufschwung in der Bundesrepublik ist – anders als es in anderen Ländern der Fall ist – dreifach abgesichert. Die erste Stütze ist der übliche Zyklus, der seinen Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Nach dem Anstieg der Exporte und der Investitionen muss jetzt der Konsum noch kommen. Die zweite Stütze ist, dass die Anpassung der Wirtschaft an die Lasten der Wiedervereinigung vor 17 Jahren auszulaufen beginnt. Nach wie vor müssen die Bürger zwar noch einen Solidaritätszuschlag zur Einkommensteuer in Höhe von 5,5% zahlen. Er wird zum Aufbau in den neuen Bundesländern verwendet. Bereits gibt es aber erste Stimmen, die eine Abschaffung dieses „Soli’s“ für realisierbar halten.

Die dritte und vermutlich wichtigste Stütze ist die Tatsache, dass die deutsche Wirtschaft ohne große wirtschaftspolitische Reformen und ohne dass die Öffentlichkeit es richtig gemerkt hat, auch strukturell stärker geworden ist:
– Bei den Menschen hat eine Art Kulturrevolution stattgefunden. Arbeitnehmer sind flexibler geworden. Sie arbeiten länger in der Woche, gehen später in Rente, und sie akzeptieren Lohnkürzungen, wenn dadurch Arbeitsplätze gerettet werden können. Die deutschen Lohnkosten sind in den letzten Jahren wesentlich langsamer gestiegen als in anderen Ländern.
– In den Unternehmen sind durch den zunehmenden Einfluss des Kapitalmarkts Verkrustungen in ungeahntem Masse aufgebrochen. Firmen orientieren sich zunehmend am Shareholder Value. Corporate Governance spielt eine wachsende Rolle. Die Strategie wird auf Kernkompetenzen konzentriert. Banken und Versicherungen bauen ihre Industriebeteiligungen ab. Die alte Deutschland AG gehört der Vergangenheit an.

Das sind alles Dinge, die wir noch vor ein paar Jahren in Deutschland für unmöglich gehalten hätten. Wir wagen die These1, dass wenigstens 50% des derzeitigen Aufschwungs in Deutschland auf diese strukturellen Veränderungen auf der Mikroebene zurückzuführen sind. Das verleiht der Erholung Kraft und macht das Land weniger krisenanfällig. Gleichzeitig hat es die Arbeitslosigkeit über Erwarten schnell gesenkt, neue Stellen geschaffen und auf diese Weise die Voraussetzung für mehr Konsum geschaffen. Wir brauchen also vor einem schnellen „Kippen der Konjunktur“ – und damit einer Rezession – keine Angst zu haben. Die Bundesrepublik ist gegenüber der Dreifach-Belastung durch Finanzkrise, Ölpreis und Dollar besser gewappnet als viele andere Länder in der Eurozone, aber auch als die USA oder Japan.

Nichts ist so gut, dass es nicht auch besser sein könnte. Von manchen Experten wird zurzeit das niedrige Wachstum der Produktivität in Deutschland kritisiert. Seit Anfang 2006 hat sich die Arbeitsproduktivität je Stunde nur um 1,1% erhöht. An sich ist das für einen Aufschwung ungewöhnlich. Signalisiert es mangelnde Innovation und Wettbewerbsfähigkeit? Nein. Der Grund dafür liegt unter anderem darin, dass die Lohnkosten nicht mehr so hoch sind und dass es sich inzwischen selbst in Deutschland manchmal auszahlt, Kapital durch Arbeit zu substituieren. Auch das ist eine neue Erfahrung. Man kann eben nicht alles haben: hohe Beschäftigung und hohe Produktivität.

1) Zur Begründung siehe dazu das soeben erschienene Buch von Martin Hüfner: „Comeback für Deutschland – Warum unsere Wirtschaft durchstartet, obwohl der Staat nichts tut“.
Carl Hanser Verlag, München 2007

Aquila, Roth & Partner AG
Dr. Martin Hüfner und
Rudolf Roth

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