- Die Devisenmärkte sind derzeit zu stark auf die Dollarschwäche fokussiert. Auch bei den Währungen vieler Schwellenländer könnte es zu größeren Problemen kommen.
- Es besteht die Gefahr, dass diese Länder Kapitalverkehrskontrollen einführen, um sich gegen die Aufwertung ihrer Wechselkurse zu wehren.
- Für Anleger in diesen Währungen ist das nicht ungefährlich. Achten Sie vor allem auf die Türkei, Südafrika, Australien und Indien.
An den Devisenmärkten richten sich derzeit alle Augen auf die Schwäche des US-Dollars und die Auswirkungen auf Euro und Yen (zum Teil auch den Schweizer Franken). Das ist gerechtfertigt. Wenn sich etwa der Dollar zum Euro zu stark abwerten sollte (über 1,50 Dollar hinaus, was nur noch 3% vom gegenwärtigen Kurs entfernt ist), wäre dies eine erhebliche Belastung für die Exportwirtschaft und könnte einige Länder in der EU in Schwierigkeiten bringen. Daneben gibt es aber auch noch ganz andere Ungleichgewichte an den Devisenmärkten, die ursächlich nichts oder wenig mit dem US-Dollar zu tun haben. Diese dürfen nicht übersehen werden; denn sie können uns auf Dauer ebenfalls erhebliches Ungemach bereiten. Hier möchten wir einmal die Währungsprobleme der Schwellenländer aufgreifen. Sie sind vor allem deshalb so wichtig, weil mehr und mehr Gelder in diese Staaten investiert werden und damit viele Anleger von Umbrüchen in diesen Regionen direkt betroffen wären.
Die Wechselkursbewegungen dieser Währungen sind nicht geringer als diejenigen in den Industrieländern, sondern zum Teil sogar noch größer. Während sich beispielsweise der Euro gegenüber dem Dollar seit Jahresbeginn um 9% aufgewertet hat, ging der brasilianische Real um 16% nach oben, die türkische Lira und der polnische Sloty um 17% und der venezolanische Bolivar sogar um 25%. Die Aufwertungen betreffen auch nicht nur einzelne Staaten. Der Trend zieht sich vielmehr durch die ganze Breite dieser Länder. In Asien sind etwa Indien (+13%), Malaysia (+8%) oder Thailand (+ 8%) zu nennen. In Mittel- und Osteuropa sind es neben Polen auch die tschechische Republik und Ungarn (jeweils +15%). Südafrika (+12%) gehört ebenso dazu wie Lateinamerika. Es gibt nur ganz wenige Schwellenländer, deren Währungen sich dem Trend entziehen. Pakistan etwa verzeichnete eine Abwertung seiner Währung um 1,5% und Argentinien um 2,9% gegen den US Dollar. Der mexikanische Peso hat sich nicht verändert. Das ist eine ganz neue Erfahrung. Früher haben wir uns immer Gedanken darüber gemacht, wie diese Länder genug Geld für ihre Entwicklung bekommen und wie öffentliche Gelder die fehlenden privaten Mittel ausgleichen könnten. Jetzt gibt es plötzlich so viele private Gelder, dass sie für die Länder zu einem Problem werden. Nun muss man freilich gleich hinzufügen, dass solche Aufwertungen grundsätzlich etwas Positives sind. Sie sind ein Vertrauensbeweis in die betreffenden Länder und spiegeln die verbesserte fundamentale Situation wider. Das Wirtschaftswachstum ist hoch. Die Leistungsbilanzen haben sich verbessert. Die Budgetdefizite wurden zurückgeführt. Die Inflation hat sich verringert. Entsprechend sind auch die Aktienkurse stark gestiegen. Die Börsen der Schwellenländer (und nicht nur diejenigen der BRIC = Brasilien, Russland, Indien und China) sind zu einem bedeutsamen Anlageziel der Investoren geworden. Seit Jahresbeginn sind die Kurse in Indien um 50% gestiegen, in der Türkei um 66%, in Tschechien um 29% und in Polen um 42%. Für die betroffenen Länder ist damit ein Kapitalzufluss verbunden, der für die notwendigen Investitionen wichtig ist.
Andererseits bedeuten der Kapitalzufluss und die Aufwertung der Währung natürlich auch erhebliche Probleme. Was schon für hoch entwickelte Industrieländer schwer zu bewältigen ist, stellt für Schwellenländer eine noch höhere Belastung dar: Sie büßen an Wettbewerbsfähigkeit ein, ihre landwirtschaftlichen Produkte sind schwerer verkäuflich. Bei Industriegütern verlieren sie ihren Vorteil als „low cost producer“ und müssen sich daher zunehmend auf höherwertige Exportgüter umstellen. Ihre mühsam in Ordnung gebrachten Leistungsbilanzen drohen wieder ins Defizit zu rutschen.
Auch die Industrieländer können über die Aufwertung der Schwellenländer-Währungen nicht glücklich sein; denn dadurch bekommen sie neue Konkurrenz im Bereich der High-Tech-Güter. Die internationale Arbeitsteilung gerät in Unordnung. Unternehmen, die aus Kostengründen in den Schwellenländern investiert haben, müssen sich neue kostengünstige Standorte suchen. Auch der so wichtige Import von Stabilität aus diesen Ländern, der die Preissteigerung der Welt in den letzten 15 Jahren erfreulich reduziert hat, entfällt.
So wie sich Industrieländer häufig gegen Aufwertungen zu wehren versuchen, tun dies auch die Schwellenländer. Was können sie unternehmen? Theoretisch gibt es drei Möglichkeiten:
Erstens könnten sie an den Devisenmärkten intervenieren, wie China es ganz massiv tut und die Russen es zum Teil auch die getan haben. Entsprechend geringer ist daher die Aufwertung dieser Währungen (China +5% seit Jahresbeginn, Russland +7%). Dadurch gewannen sie Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Schwellenländern. Andererseits blähen die Interventionen die inländische Geldmenge auf und bedeuten Inflationsgefahren. Es entstehen große Bestände an Währungsreserven (in China inzwischen über USD 1’400 Mrd.), die den Ländern nur einen begrenzten Nutzen bringen.
Zweitens könnten sie die Zinsen senken, um Kapitalzuflüsse zu entmutigen. Das spielt in der Praxis jedoch keine Rolle. Zum einen hätte es nur geringe Wirkung; denn die Zuflüsse in die Schwellenländer gehen in der Regel nicht in zinstragende Papiere, sondern in Aktien. Zudem wird durch Zinssenkungen die Nachfrage angekurbelt, und die Gefahren der inflationären Überhitzung nehmen noch mehr zu.
Drittens könnten Kapitalverkehrskontrollen eingeführt oder verschärft werden. Das ist aus der Sicht des Ökonomen die schlechteste aller Möglichkeiten, aber leider die am ehesten wahrscheinliche. Dadurch wird die Aufwertung wirksam gebremst. Inflationäre Gefahren gibt es nicht. Die Schäden für die internationale Arbeitsteilung und für das Vertrauen in der globalen Welt – zum Beispiel Abschreckung von Direktinvestitionen – zeigen sich erst mit zeitlicher Verzögerung. Die Asienkrise Ende der 1990er Jahre wurde unter anderem durch unachtsames Einführen von Kapitalverkehrskontrollen, damals in Thailand, ausgelöst.
Anleger, die in Schwellenländer investieren, sollten sich auf solche Gefahren einstellen. Wo könnten diese am ehesten eintreten? Natürlich in den Ländern, in denen sich die Währung aufwertet, gleichzeitig aber die Leistungsbilanz noch im Defizit ist. Dort tut die Aufwertung besonders weh. Der krasseste Fall ist die Türkei mit einem Defizit von 7% des Bruttoinlandsprodukts. Fehlbeträge haben aber auch Südafrika (6%), Australien (6%) und – zu einem geringeren Teil – Indien (2%). In Osteuropa gibt es zwar Leistungsbilanzdefizite, die Zugehörigkeit dieser Länder zur EU macht Kapitalverkehrskontrollen aber weniger wahrscheinlich.
Aquila, Roth & Partner AG
Dr. Martin Hüfner und
Rudolf Roth