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08:10 Sonntag 6. Juli 2008

Der archäologische Komplex in Mérida

Das Teatro Romano
Das Teatro Romano
Das Weltkulturerbe Spaniens Teil 18

Aufgrund seiner historischen Vergangenheit ist Mérida seit 2.000 Jahren eine Hauptstadt, die heute allerdings im Verborgenen blüht. Mérida ist die Hauptstadt der Region Estremadura, obwohl diese aus den Provinzen Badajoz und Cáceres besteht. Aber Mérida unterscheidet von den Städten Badajoz und Cáceres, dass die heute 65.000 Einwohner zählende Stadt im Jahr 25 v.Chr. von Cäsar Augustus gegründet worden ist. Er besiedelte sie mit den siegreichen Legionären der kurz vor dem Abschluß stehenden Spanienfeldzüge, daher der Name Augusta Emérita (lat. emeritus = ausgedient). Im Schachbrettstil römischen Städtebaus von vorn herein großzügig angelegt, wurde die Siedlung bald zu einer der wichtigsten Städte des Römischen Reiches, zum Symbol römischer Macht in seiner westlichen Provinz Lusitanen, heute mehr oder weniger Portugal, mit 90.000 Einwohnern.

Voraussetzung für den Ausbau der Militär a.D.-Kolonie zum wichtigen wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Zentrum war die Sicherstellung der Wasserversorgung. Also bauten die Römer einen Stausee mit Mauern, die auch 2000 Jahre später das Wasser noch halten. Zusammen mit dem ebenso solide gebauten Aquädukt Los Milagros sind sie Beispiele für das Können der damaligen Architekten und Ingenieure und nur ein paar der zahlreichen monumentalen Bauten, die als Weltkulturerbe im Jahr 1993 in den Katalog der UNESCO aufgenommen wurden.

Nach dem Untergang der römischen Reiches wurde aus Emérita im 6. und 7. Jahrhundert Mérida, die Hauptstadt der Westgoten. Die Menschen waren in Scharen zum christlichen Glauben übergelaufen, was für viele von ihnen fatale Folgen gehabt hatte. So auch für die junge Eulalia. Im 4. Jahrhundert war Mérida der Schauplatz vom Leben und Sterben dieser Märtyrerin, die zur Schutzheiligen der Stadt erhoben worden ist. Sie wurde so respektiert, dass Mérida selbst unter der islamischen Herrschaft (ab Anfang 8. Jahrhundert) fast vier Jahrhunderte lang Bischofssitz blieb. 1230 wurden die Araber von Alfonso IX. vertrieben.

Im 20. Jahrhundert erwachte das Interesse von Archäologen aus aller Welt an den zahlreichen antiken Ruinen dieser „ewigen Stadt“, in der die Römer gute Arbeit geleistet haben. Ein paar Bauwerke, bei denen der Zahn der Zeit buchstäblich auf Granit gebissen hat, erfüllen noch heute ihren Zweck.
Die Brücke Puente Romano mit ihren 60 Bögen, die bis in die 90er Jahre in Betrieb war, war die erste bedeutende Baumaßnahme von Kaiser Augustus an dieser Stelle. Sie spielte eine militärisch wichtige Schlüsselrolle für den Westen des Römischen Reiches. Ihrem Standort verdankt die Stadt ihre Gründung. Als Teil einer von Westen nach Osten verlaufenden charakteristischen Hauptverkehrsader der Römer, Decumanus Maximus, überbrückt sie den Guadiana-Fluß. Mit heute 792 m Länge ist sie eine der längsten, zum großen Teil erhaltenen Römerbrücken. Sie steht an einer seichten Stelle, wo der Guadiana eine Insel bildet. Ursprünglich bestand sie aus zwei Teilen, die bei dieser Insel mit einer Holzkonstruktion verbunden waren. Nachdem sie 1603 durch Hochwasser stark beschädigt wurde, reparierte man sie mit Steinen und machte sie in einem Stück.

Eine weitere Brücke aus derselben Epoche über den Alberregas-Fluß ist 145 lang. Sie gehört zur Kardo Maximus, einer klassischen römischen Nord-Süd-Verbindungsstraße. Die Spanier nennen diese einst wichtige Handelsroute Ruta de la Plata, Silberstraße. Sie verbindet die Städte Sevilla-Mérida-Salamanca-Lugo. Die Ansiedlung von kampferprobten Legionären am Schnittpunkt von zwei so wichtigen Routen war gewiß kein Zufall!
Auch das römische Theater wurde gleich bei Gründung der Ansiedlung im I. Jh. v.Chr. gebaut. Es ist das emblematischste Bauwerk der Stadt. Jahrhunderte lang lag es unter Gersten-, Bohnen- und Kichererbsenfeldern begraben. Nur der obere Teil der ehemaligen Tribünen, die der Volksmund „die 7 Stühle“ getauft hat, schaute heraus. Unbehelligt bediente sich jedermann der Granitblöcke als Baumaterial für eigene Zwecke. Was man heute wieder betrachten kann  ist das Ergebnis des 1970 abgeschlossenen Wiederaufbaus des von 16 bis 15 v.Chr. von  Konsul Marcus Agrippa, des Kaisers Schwiegersohn errichteten Theaters. Die Front mit ihren Säulen mit korinthischen Kapitellen entstand zur Zeit Kaisers Traian (um 105 n.Chr.). Von 333 bis 335 wurde die Bühne erneuert. Sie misst 60 m lang und 7 m tief und war ursprünglich aus Holz. Seit 1933 findet hier jährlich das Klassische Theaterfestival statt.

Der Gesamtkomplex besteht aus mehreren Einheiten. Eine davon, die Bühne und das Bühnengebäude als Kulisse mit drei Eingängen, zeichnet sich durch eine Doppelreihe von 18 m hohen Marmorsäulen aus, die an ihrem ursprünglichen Platz wieder aufgestellt wurden. Dazwischen stehen zur Dekoration wieder die alten Skulpturen. Als Orchestergraben diente ein der Bühne vorgelagerter halbkreisförmiger Platz für den Chor. Die Zuschauertribünen, bei der man zur Anordnung der Sitzplätze das natürliche Bodengefälle nutzte, sind nach gesellschaftlicher Rangordnung in drei Blöcke geteilt, von denen die beiden unterhalb der „7 Stühle“ gut erhalten sind. 6.000 Zuschauer fanden hier Platz. Hinter der Bühne lag der Patio mit einem Säulengang und Springbrunnen, wo Schauspieler und Chormitglieder die Pausen verbrachten. Dem Hauptbühneneingang gegenüber befand sich eine kleine Kammer oder Kapelle für den Staatskult.

Durch eine Seitenstraße vom Theater getrennt liegt auf demselben Hügel das Amphitheater. Auch hier wurde die oberste Sitzreihe als Steinbruch mißbraucht. Unter der elliptischen Arena befindet sich der Kreuzgang mit Tierkäfigen und Zellen der Gladiatoren. Das Amphitheater wurde 8 v.Chr. eingeweiht. Bei blutigen Spielen zerfetzten sich hier Gladiatoren und Tiere zum Ergötzen des Publikums. Die Tribünen faßten doppelt so viele Zuschauer wie das Haus nebenan, was über die Gesellschaft in Augusta Emérita Aufschluß gibt.

Im Anschluss an das Amphitheater fand man Mauerreste von Häusern, ein Teil des San Lazaro-Aquädukts und einen Wasserturm. Zu diesem Turm gehört die besterhaltene Ruine eines Hauses  mit Arkaden und einem Patio, auf den sich mehrere Zimmer öffnen. Es stammt wie die meisten anderen Funde aus dem 3. Jh., hat jedoch ein kostbares Fußbodenmosaik, das Venus und Amor und Winzer bei der Arbeit darstellt. Die Anordnung der Bäder, Küchen, Gemächer usw. ist leicht  nachzuvollziehen.
Im 1. Jh. vor Chr. wurde am Guadiana ein Deich gebaut, der bis heute zwischen  Römerbrücke und Calle Atarazanas seinen Zweck erfüllt. Im Inneren des Bauwerks sind die antiken Austritte der Kanalisation in den Fluß zu erkennen.

Panem et circenses halten den Plebs bei Laune. Deshalb war auch in Augusta Emérita von Anfang an der Circus Maximus dabei. In einer rechteckigen 400 x 100 m Arena fanden die beliebten Pferd- und Wagenrennen statt. Der Publikumsmagnet lag wegen seiner Größe außerhalb der Stadt. 30.000 Zuschauer fanden Platz, streng nach Aristokraten, Bürgern und Arbeitern geteilt. Um die Mittelachse mit ornamentgeschmücktem Marmorpodium rannten Bigas (Zweispänner) und Quadrigas (Vierspänner) um Ruhm und Ehre.

Im Stadtzentrum von Mérida erheben sich die hohen Säulen des Diana-Tempels. Er muß einer der prächtigsten Bauten gewesen sein und steht als einziger religiöser Römerbau an seiner ursprünglichen Stelle am Forum, dem Marktplatz. Eine seiner Säulen steht im Nationalmuseum für Römische Kunst. An ihr sind die feinen Stuckarbeiten zu erkennen, mit denen alle 12 Säulen, Friese und Kapitelle und wahrscheinlich der gesamte Tempel dekoriert waren. Im 16. Jh. nutzte ein Graf Corbos die Struktur und integrierte sie in seinen Stadtpalast. Diese architektonischen Mischehe wurde annulliert, als der Staat im vorigen Jahrhundert die Schirmherrschaft übernahm. Der Tempel stammt aus der Augustus-Epoche und diente wahrscheinlich dem offiziellen Kaiserkult, weshalb er bei Untergang des Reiches ebenfalls aufgegeben wurde. Er war nicht mehr „in“, würde man heute sagen.

Das Forum war ein öffentlicher Platz, auf dem sich die wichtigen Ereignisse im Leben einer Gemeinschaft abspielten. Dementsprechend geschmückt waren die Arkaden um ihn herum. Medaillons mit den Portraits von Jupiter Ammon und Meduse-Statuen, prächtige Kapitelle und Kariatiden bildeten das Stadtmobiliar. Neben dem Diana-Tempel waren hier die Thermen angesiedelt.
Der Traian-Bogen, Arco de Trajano an der Kardo Maximus ist 15 m hoch. Löcher in den Granitblöcken lassen darauf schließen, dass er mit Marmor verkleidet war. Er war Stadttor und Triumphbogen und gab Zutritt zum zweitgrößten Marktplatz von Augusta Emérita.

Man fand zwei Columbarios von zwei Patrizierfamilien, Mausoleen oder Feuerbestattungsstellen unter freiem Himmel. Über dem Eingang befinden sich Steinplatten mit Widmungen der jeweiligen Angehörigen. In Nischen fand man Urnen aus dem I. Jh. unserer Zeiterechnung.
Das Patrizierhaus Casa del Mitreo wird so genannt, weil es auf einer ehemaligen Mithras-Kultstätte stand. Mithras war ein Gott für den Hausgebrauch, im Volk beliebter als die offiziellen Götter Roms wie Diana, Proserpina & Co. Mithras wurden Stiere geopfert, was seine Nachbarschaft zur heutigen Arena irgendwie ironisch macht. Es stammt wie das Haus am Amphitheater aus dem II. Jh. n.Chr. Darauf läßt die Anzahl der Patios und Gemächer und Bäder schließen, die zum Teil mit gut erhaltenen Bodenmosaiken verziert sind. Das interessanteste davon hat kosmologische Motive und liegt gleich am Hauseingang.

Die Deiche der von Cäsar Augustus angelegten Stauseen Cornalvo und Proserpina sind in perfektem Zustand. Durch noch funktionierende Original-Schleusen kann das Wasser abgelassen werden. Auf dem Wege zur Stadt sammelt der Aqua Augusta-Kanal zusätzlich Wasser aus Flüssen und Bächen und transportiert es über Aquädukte in die Stadt. Der Aquädukt Los Milagros wurde gebaut, um die Albarregas-Flussniederung zu überwinden und das Wasser des Proserpina-Stausees nach Mérida zu leiten. Der Aquädukt Rabo de Buey - San Lazaro ist vier Kilometer lang. Die ersten Abschnitte verlaufen unterirdisch und sind sehr gut erhalten. Dann überspannt er das Albarregas-Tal. In unsere Zeit gerettet haben sich nur drei Pfeiler ist aus Granit und Backsein mit ihren Bögen.
Bei Ausgrabungsarbeiten von 1990 bis 1993 stieß man auf Reste eines christlichen Friedhofs, auf dem im V. Jh. die Basilika Santa Eulalia um das Grab der Heiligen herum errichtet wurde. Durch das Martyrium der Heiligen Eulalia zur Zeit der letzten Christenverfolgung von 303 bis 305 wird der Name Mérida in der Kirchengeschichte Spaniens mit Großbuchstaben geschrieben, zumal die römisch-katholische Gemeinde auch unter den Westgoten den Arianern erfolgreich Stirn geboten hatte und wie bereits erwähnt auch unter arabischer Dominanz für den Kult geöffnet blieb.

Das Nationalmuseum für Römische Kunst beherbergt eine Sammlung von unschätzbarem Wert. Mit über 36.000 Ausstellungstücken und Informationstafeln vermittelt es einen Einblick in das tägliche Leben in Ermérita Augusta. Die arabische Hinterlassenschaft ist weniger ergiebig. Am Guadiana liegt die maurische Festung, die Alcazába. Innerhalb der Mauern aus dem 9. Jh. steht eine Zisterne römischen Ursprungs, die mit westgotischen Pilastern verziert ist. Von der Burg selbst stehen nur noch die Außenmauern. Auf dem Hof sieht es auf wie in einem Baumateriallager, weil zwischen Bäumen Unmengen von antiken Mosaiken, Säulen, Pfeilern, Kapitellen für den Wiederaufbau gelagert werden.
Bei Ausgrabungsarbeiten im maurischen Stadtteil Morería stieß man wie in der Alcazába auf alle Kulturen, die ihre Spuren in der Stadt hinterlassen haben. Von den Römern überdauern hier etliche Ruinen von Häusern, Straßen und Mauerabschnitten die Zeit. Die Westgoten machten sie sich zu Nutze, die Mauren auch. In einer Ecke der Morería arbeiten seit dem Mittelalter die Töpfer - bis heute.
Aus der Neuzeit muß das Kloster Santiaguista erwähnt weren, das während der Jurisdiktion des Ritterordens von Santiago gebaut wurde. Es ist heute Regierungssitz der Junta de Estremadura. Mérida arbeitet darauf hin, demnächst das Dutzend jener spanischen Städte vollzumachen, die Mitglieder der „Gruppe spanischer Weltkulturerbe-Städte“ sind: Ávila, Cáceres, Córdoba, Alcalá de Henares, Cuenca, Salamanca, Santiago de Compostela, Segovia, Toledo, Ibiza und San Cristobal de La Laguna auf Teneriffa. Schutz, Instandhaltung und Bekanntmachung des autochtonen Kulturerbes sowie Ausbau kultureller, logistischer und touristischer Infrastruktur sind das Ziel der Städteverbandes.



Das Teatro Romano
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