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23:59 Donnerstag 21. August 2008

Die Töchter des Windes

Mit Großseglern auf transatlantischen Kursen von Malaga in die Karibik

14. Oktober 2007, Position 23 30.3 Nord / 025 48.1 West. Wind Nordost, Windstärke 5, drei Tage hinter den Kanaren - die „Star Flyer“ bläht ihre Rahsegel und rauscht dem Horizont entgegen - der Passat hat sie erfasst! Endlich! Dort vorne, weit, weit voraus liegt Barbados.

Text: Uwe Zimmermann - Fotos: UJZ & Star Clippers

Beate Kammler steht auf dem Vorschiff und erinnert sich:
Vor 35 Jahren war sie schon einmal auf diesem transatlantischen Kurs, mit ihrer kleinen Fahrtenyacht „Mauna Kea“, auf der Suche nach den Passatwinden, die man hier im Atlantik zwischen dem 10. und 30. Breitengrad im Oktober / November finden muss, damit sie das Schiff behutsam und gleichmäßig in die „Neue Welt“ begleiten. Bis zur Karibikinsel Barbados sind es noch 1.300 Seemeilen.
Die Star Flyer als Großsegler, mit einer Länge von 115 m, 4 Masten, 16 Segeln und 3.400 m2 Segelfläche, braucht für die ca 2.300 Seemeilen bis in die Karibik 22 Tage, bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von ca 10 Knoten, was etwa 16 Km/h entspricht. Tanger, Cadiz, Madeira, Gran Canaria und Teneriffa liegen auf der Strecke, bis dann von den Kanaren aus der große Sprung über den Atlantik beginnt. 

13 Tage ohne Land in Sicht, ohne Telefon, Internet, E-Mail und Fernsehen. Für viele der 135 Passagiere an Bord eine Begegnung mit sich selbst.
Wie viel angenehmer ist es doch, denkt Beate Kammler, mit einem Glas Prosecco in der Hand auf dem Vorschiff eines so sicheren Großseglers den Spuren von Kolumbus und späterer Seefahrer wie Bligh, Drake, Nelson und Cook zu folgen, als am Ruder einer 12 m Fahrtenyacht vier Wochen lang die Verantwortung für Leben und Schiff selber zu tragen.
Damals war Beate 28 und wollte als junge berliner Lehrerin das Abenteuer Weltumseglung bestehen, heute ist sie 64 und sucht nach einem abwechslungsreichen Leben von ihrer südspanischen Residenz in Almuñecar aus ein wenig Abwechslung zum andalusischen Spätherbst. Was gibt es da Schöneres, als von der Alten in die Neue Welt noch einmal von der Costa del Sol aus auf einem romantischen Segelschiff aufzubrechen und auf den reizvollen Inseln der Karibik zu landen um dort zu verweilen.
Als „Töchter des Windes“ könnte man sie bezeichnen, diese würdigen und traditionellen Großsegler, Clipper oder Windjammer -  ausgestattet mit allem Komfort eines Kreuzfahrtschiffes.
Sie segeln im Herbst vom Mittelmeerhafen Malaga aus mit den Passatwinden über den Atlantik in die Karibik, überwintern dort, wie die Zugvögel und die Nordeuropäer in Andalusien, um dann im Frühjahr ins Mittelmeer zurückzukehren. 

Captain Yuriy und seine Star Flyer
Etliche Großsegler standen schon unter dem Kommando des heute 58-jährigen Kapitäns Yuriy Kuschenko aus der Ukraine. Dazu gehörte auch die Gorch Fock 1, die heutige Tovarisheh.
Seit 1977 fährt er zur See als Service-Offizier, ab 1983 als Kapitän. 2003 übernahm er die Star Flyer. Viermal hat er mit ihr den Indischen Ozean überquert und sechsmal den Atlantik.
Jeweils vier Monate beträgt der Arbeitsrhythmus eines Kapitäns bei der Star Clippers Reederei, dann besucht Yuriy in den vier freien Monaten seine Familie bei Odessa, wo seine Frau und 2 Töchter auf ihn warten.
Die Star Flyer mit ihren 3.400 m2 Segelfläche und 16 Segeln erreicht unter Segeln eine Höchstgeschwindigkeit von 17 unter Motor von 9 Knoten. Das durchschnittliche Tagespensum bei einem Törn liegt zwischen 150 und 200 nautischen Seemeilen. Unter den 73 Crew Mitgliedern, die ihm auf der Star Flyer  unterstehen, sind  6 See-Offiziere.
Auf der Kommando-Brücke erläutern der Kapitän und seine Offiziere täglich den Kurs, informieren über Navigation und Segelstellungen und interessierte Passagiere dürfen den Clipper auch schon mal eine Weile selber steuern. „Das Leben an Land ist nicht unbedingt schlecht,“ meint Kapitän Yuriy „aber auf dem Meer ist es besser“.

Sicherheit geht vor

Chefingenieur Kallergis untersteht die Technik und der Maschinenraum, die auch bei einem Großsegler das Herz des Schiffes für Sicherheit und Versorgung darstellen.
Die Star Flyer ist mit einer 12-zylindrigen Caterpillar Maschine mit 1.360 PS ausgestattet. Der Propeller-Durchmesser beträgt 2,7 m. Der Tank fasst 180 t Treibstoff, der Verbrauch bei voller Maschinenleistung liegt bei täglich ca. 5 t. Die Höchstgeschwindigkeit des Schiffes unter Motor sind 9 Knoten.
2 Generatoren, auch von Caterpillar, mit 550 KW betreiben das Stromsystem, die Airconditioning und die Boiler. Für die Frischwasserversorgung verfügt das Schiff über eine eigene Seewasser-Entsalzungsanlage.

Trotz aller Technik und Sicherheit zitiert Iraklis Kallergis gerne Robin Lee Graham: “Auf See habe ich gelernt, wie wenig der Mensch braucht, nicht wie viel”.

Auch drei Andalusier überquerten den Atlantik.
Der Belgier Frederic Jansen aus Mojácar (Almería) ist Cruise Direktor auf der Star Flyer. Hier überreichte er am 27. Oktober zusammen mit der deutschen Weltumseglerin Beate Kammler aus Almuñecar (Granada) dem englischen Passagier Elspeth M. Amey aus Marbella (Malaga) nach der traditionellen Taufe durch „ Neptun“ die Urkunde für ihre erste Atlantiküberquerung unter Segeln.
135 Passagiere hatte die Star Flyer bei diesem Transatlantik Törn an Bord, dazu kamen 73 Mitglieder der Mannschaft. Insgesamt waren 23 Nationalitäten auf dem Schiff vertreten. Die Bordsprache war englisch, obgleich 72 Passagiere aus deutschsprachigen Ländern kamen.
Viel gab es für Frederic Jansen zu organisieren: Alle Bordservices und Informationen, täglich 4 Mahlzeiten im Restaurant und auf Deck, die Landausflüge, einen Clubraum mit Bibliothek, die Tropical Bar als Treffpunkt, Fitness-und Gymnastikkurse für die langen Tage auf See, die Nutzung von Sonnendecks und Pools, das Klettern auf den Fockmast, Schachtourniere, Kartenspielrunden und  auch  die Durchführung von Spiel-und Unterhaltungsprogrammen.
Besonders dies war nicht immer einfach, da jeder eine andere Vorstellung davon hat, womit er sich an Bord einer solchen Segelyacht beschäftigen und die Zeit vertreiben will.
Viele  hätten sich da etwas mehr Hintergrundbeschäftigung in Form von Filmen, Vorträgen und Demonstrationen zum Atlantik, seinen großen Seefahrern, zu Navigation und Sternenkunde vorgestellt. Auch wären für die milden Nachmittage und Abende an Deck zum Rauschen des Windes und der Segel etwas ruhige klassische Musik wünschenswert gewesen. Aber: „ An Bord einer Segelyacht darf es nichts anderes geben als Sportsleute“ zitierte Frederic Jansen gerne Kaiser Wilhelm II.

Beate Kammler (links) segelte von 1970 bis 1974 auf ihrer Fahrtenyacht “Mauna Kea“ in 4 Jahren 32.000 Seemeilen um die Welt und schrieb darüber als erste deutsche Frau ein Buch, das unter dem Titel „ Komm, wir segeln um die Welt“ ein Bestseller wurde. Heute ist Deutschlands berühmteste Weltumseglerin in Andalusien resident und pendelt zwischen Almuñecar und Berlin.
Im Jahr 2007 ging sie von Malaga aus nach 35 Jahren noch einmal auf ihre alten Kurse und segelte mit den Clippern „Sea Cloud“ in die Karibik und  „Star Flyer“ über den Atlantik. Sie sagt dazu: “ Vieles hat sich verbessert in den vergangenen Jahrzehnten. Besonders haben die karibischen Inseln, die seinerzeit englische und französische Kolonien waren, zu sich selber gefunden und konnten  sich durch den Tourismus positiv entwickeln.
Den Atlantik dorthin zwischen Oktober und Dezember auf einem Segelschiff zu überqueren ist für einen Segler aus Europa unverändert ein Traum und eine Herausforderung. Die großen Segelschiffe machen das heute zu einem komfortablen Vergnügen, ohne dass das Abenteuer dabei verloren geht.

Dennoch hat es mich etwas wehmütig gemacht, den vielen kleineren Fahrtenyachten in den Mittelmeerhäfen, Gibraltar, Madeira oder den Kanaren wieder zu begegnen, die, inzwischen zwar ausgerüstet mit GPS, Telefon und modernster Navigationstechnik, dennoch wie in alten Zeiten auf den Passat warten, damit er sie in die „Neue Welt“ hinübergeleite“.

  • Die Beseglung der Star Flyer besteht aus:
    Dem Klüverbaum ( Bugspriet )
    4 Masten: (Fock + Groß + Kreuz + Besan )
    16 Segeln: Vorstagsegel + Innenklüver + Außenklüver + Jager + Focksegel + Untermarssegel + Obermarssegel + Unterbramsegel + Oberbramsegel + Großtagsegel + Großbramsegel + Kreuzstagsegel + Großfischermann + Besanstagsegel + Kreuzfischermann + Besan

  • Die Töchter des Windes- Ihre Namen- ihre Kurse
    Fünf Großsegler überquerten bisher regelmäßig von den spanischen Häfen Malaga und Las Palmas aus den Atlantik zu den karibischen Inseln Barbados und Antigua, zwischen Oktober und Dezember und zurück im März/ April.

    Von Star Clippers Ltd. Monaco
    Die Royal Clipper als zur Zeit größtes Segelschiff der Welt und Nachbau der Preußen - Die Star Flyer und ihr Schwesterschiff, die Star Clipper. Die Reederei hat ein weiteres Schiff in Bau: Die Royal Flyer — mit ihren 5 Masten wird sie das größte Segelschiff der Welt aller Zeiten.
    Weitere Informationen unter www.star-clippers.de oder www.starclippers.com

    Von Sea Cloud Cruises GmbH Hamburg
    Die Sea Cloud, legendäre ehemalige Privatyacht des amerikanischen Milliardärs-Ehepaar Marjorie Merriweather-Post und Edward Hutton (gebaut 1930/restauriert 1978).  - Die Sea Cloud 2,  Schwesterschiff der Sea Cloud
    Weitere Informationen unter: www.seacloud.de

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