Übernachten im Palast der Duques de Medina SidoniaVon Beatriz Hohler (Text & Fotos)
Sanlúcar hat ein besonderes Erbe: im Palast der Duques de Medina Sidonia schlummert Europas größtes und wichtigstes Privatarchiv. Hunderttausende von Originaldokumenten, die die wahre Geschichte aus acht Jahrhunderten belegen, unverfälscht, unzensiert. Hüterin dieses Schatzes ist die Duquesa de Medina Sidonia, Erbin des Nachlasses aus 20 Generationen einer der einflussreichsten Magnatenfamilien in Andalusien. Besonderes Highlight für Touristen: man kann diesen Palast nicht nur besichtigen, sondern darin stilvoll übernachten. Der Besuch der hauseigenen Cafetería ist ein Muss bei jedem Sanlúcar-Besuch. Mit etwas Glück trifft man dort die Herzogin persönlich an, denn sie mischt sich gerne unter ihre Gäste.
„das akutelle spanienmagazin“ hat sie in ihrem Palast besucht.
Sie hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht: die wahre Geschichte Spaniens publik zu machen, denn nach Auswertung ihres Archives steht für sie fest, dass die Geschichtsbücher neu geschrieben werden müssten. Von offizieller Seite besteht wenig Interesse daran. Es wurde versucht, dieses Archiv in öffentliche Hände zu bekommen, um es „unschädlich“ zu machen. Doña Luisa Isabel Álvarez de Toledo y Maura, XXI Duquesa de Medina Sidonia, XV Duquesa de Fernandina y Princesa de Montalbán, XVII Marquesa de Villafranca del Bierzo, XVIII Marquesa de los Vélez, dreifach Grande de España, vorwiegend bekannt als La Duquesa Roja, ist und bleibt eine Kämpferin. Sie kämpfte für die Unterdrückten, für Gerechtigkeit, für Meinungsfreiheit. Nichts konnte sie davon abbringen, zu sagen und zu schreiben, was sie denkt. Vor allem aber kämpfte sie gegen das Francoregime, was ihr sogar Gefängnis und Exil eingebracht hat.
Auch heute noch, im Alter von 71 Jahren, kämpft sie beharrlich weiter, wenn auch mit anderen Mitteln. Was nicht verlegt wird, druckt und bindet sie eben selbst, in geringen Auflagen, ganz nach Bedarf. Handy und Laptop sind ihr stete Begleiter geworden. Das Internet kam ihr gerade recht, denn da sind die Gedanken frei. Jetzt kann sie alles veröffentlichen, ohne Zensur. Die Internetseite (www.fcmedinasidonia.com) gleicht einem Geschichtsstudium: acht Jahrhunderte werden originalgetreu wiedergegeben, alle Fälschungen der Daten, die Doña Luisa Isabel entdeckt hat, auch Unterschriftenfälschungen, deckt sie haarklein auf. Und sie kennt sich aus, ist ein wandelndes Geschichtslexikon geworden.
Das Archiv umfasst 6314 Aktenbündel, prallvoll mit Originaldokumenten. Doña Luisa Isabel kennt jedes einzelne. 16 Stunden pro Tag, und das 10 Jahre lang, hat es sie gekostet, alles einzeln durchzuforsten, zu entschlüsseln, zu sortieren und katalogisieren. Jetzt ist alles fein säuberlich geordnet, nach Datum, oder nach Epochen und Ereignissen. Viele Dokumente sind noch in Paläografie geschrieben. Doña Lusia Isabel hat sie transkribiert. „Die Mächtigen haben immer versucht, sich Schriftsteller, Journalisten, Geschichtsschreiber gefügig zu machen, um die Masse der Menschen manipulieren zu können. Da kaum jemand Paläografie verstand, hatten sie leichtes Spiel“. In ihrem Archiv jedoch lässt sich alles überprüfen. Hier steht die Geschichte Spaniens, vor allem aber die der eigenen Dynastie.
Familiengeschichte
Ihre Familie geht ursprünglich zurück auf Guzman el Bueno (1256 – 1309). Für ihre Verdienste um die spanische Krone haben er und seine Nachfolger großzügige Länderein aus königlichem Besitz bekommen. Im Laufe der Generationen profitierten sie vor allem von dem Handel mit Amerika. Der Hafen von Sanlúcar war der wesentliche Umschlagplatz für die Güter aus der Neuen Welt. Die Guzmans handelten aber auch mit Afrika, Italien und sonstigen europäischen Ländern. 1445 erhielten sie erstmals den Herzogtitel zu Medina Sidonia. Es ist der älteste Titel in Spanien überhaupt. Seit 1520 führt die Familie auch den Titel „Grande de España“ der I. Klasse, eine ganz besondere Auszeichnung. Die jetzige Erbin dieser einflussreichen Magnatenfamilie, Doña Luisa Isabel, wie sie sich ganz einfach nennt, pfeift auf alle Titel und Medaillen. „Das ist alles nur Staffage, Dekoration, nichts, was sich in bare Münze umsetzen lässt, wovon wir unsere Handwerker bezahlen könnten. Was wir brauchen, sind Gönner, für die ethische Werte wichtiger sind als purer Materialismus. Mehr als alles Geld der Welt zählt für mich das historische Erbe, das ich für künftige Generationen erhalten möchte.“
Fundacion Casa Medina Sidonia
Um das Archiv und den Familienpalast in Sanlucar erhalten zu können, hat sie fast alle Besitztümer verkauft und eine Fundación gegründet. Der Palast, alle darin befindlichen Möbel aus verschiedenen Epochen, Bücher, Wandteppiche, Gemälde, Kunstgegenstände, alles gehört der Fundación Casa Medina Sidonia. „Bei mir hier in Privathand ist alles bestens aufgehoben. Die Statuten sind so engmaschig, dass nie etwas aus dem Palast verkauft werden kann. Dieses Erbe soll stets allen zugänglich sein, das Archiv wird immer den Wissenschaftlern und interessierten Historikern zur Verfügung stehen. Geschichte ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Mit Logik und gesundem Menschenverstand können wir aus den Erfahrungen und Fehlern unserer Vorfahren lernen. Wenn aber die Geschichte falsch wiedergegeben wird, sind auch unsere Schlussfolgerungen falsch, und unsere Beurteilung“: Das Wissen über die Kultur der Menschheit sollte für alle zugänglich sein, ganz gleich welcher Klasse. Für Doña Luisa Isabel gilt: „Ein intelligenter und freier Mensch ist der, der mit gesundem Menschenverstand das Gute vom Bösen zu unterscheiden weiß, ohne dafür Regeln und Vorschriften zu benötigen“. Sagt´s, und zündet sich eine Zigarette an.
Schon wieder ein stummer Protest gegen Politiker: „Heute regieren sie bis in unser Privatleben hinein (ley del tabaco). Wir sollen wie eine Schafherde gelenkt werden und kritiklos dem Leithammel folgen. Selbst in der Genfer Konvention standen jedem Gauner zwei Zigaretten pro Tag zu, und heute? Rauchen ist verboten, aber das Land ist voller Kokain, dagegen wird nichts unternommen!“ Spott und Schalk blitzen aus ihren Augen.
Digitalisierung des Archives
Seit Jahren wird versucht, die einzelnen Dokumente des Archivs zu digitalisieren, damit sie gut lesbar ins Internet gestellt werden können. Doch dies ist immens teuer. Doña Luisa Isabel sucht daher Gönner, für die ethische Werte mehr zählen als rein materialistische, obwohl sie davon überzeugt ist, dass gutes Geld damit verdient werden könnte, wenn jemand diese Digitalisierung schafft und im Internet gut lesbar veröffentlicht. „Wer in unsere Stiftung investiert, hat zunächst keinen materiellen Gewinn, aber einen ideellen. Er/Sie kann in die Geschichte eingehen. Vor allem aber bieten wir an, unseren Palast zu nutzen, für Firmenevents, Seminare, oder einen Urlaub in besonderer Atmosphäre.“
Hospedería und Cafetería
Stilvoll, prächtig, gediegen: im Palast wurden neun Gemächer für Gäste eingerichtet, die jeglichen Komfort bieten, aber dennoch den Hauch der Geschichte des Hauses spüren lassen. Alte, edle Möbel, wertvolle Bilder, illustre Gegenstände aus anderen Jahrhunderten: die Hospedería Duques de Medina Sidonia entführt die Gäste in die Vergangenheit, verzückt mit dem Glanz der glorreichen Zeiten der Duques de Medina Sidonia. Einige Zimmer verfügen über eigenen Wohnraum, eigene malerische Terrassen. Gemeinschaftswohnräume mit offenem Kamin, gemütlichen Sofas, stimmungsvolles Licht laden ein zum Verweilen oder Lesen. Perfektes Ambiente, um einmal komplett abzuschalten und sich zu erholen. Luxus lässt sich hier nicht an Sternen messen, sondern am ganz individuellen Flair in diesen einmaligen Räumen.
Genauso stilvoll ist die Cafeteria im arabischen Teil des Palastes eingerichtet. Gemütliche Sofas, Sitzecken, edle Möbel, Gemälde und Kunstgegenstände bieten ein prachtvolles Ambiente, um Kaffee und hausgemachten Kuchen zu genießen. Hier lässt sich vor allem die Siestazeit, in der Geschäfte und Monumente geschlossen sind, am besten verbringen. Eine Minibibliothek in der Cafeteria bietet genügend Lesestoff, und natürlich liegt auch die „aktuelle“ aus. (Falls vergriffen, einfach nachfragen, im Sekretariat gibt es sicher noch ein Exemplar). Privatsekretärin der Duquesa ist übrigens die Deutsche Historikerin Liliane Dahlmann, so dass man sich bei speziellen Fragen zum Archiv oder Palast an sie auch auf Deutsch wenden kann (möglichst vorher Termin vereinbaren). Alle Gäste der Hospederia dürfen unabhängig von der allgemeinen Führung (immer sonntags, 11, 12, 13 Uhr) den Palast besichtigen. Besonders schöne, lauschige Plätze bietet der einmalige Garten der Cafeteria. Und mit etwas Glück trifft man sogar die Duquesa persönlich an, die sich gerne unter ihre Gäste mischt und sich nicht zu schade ist, den Kaffe persönlich zu servieren. Einnahmen aus Cafeteria und Hospederia unterstützen zudem die Fundacion, so dass man damit nicht nur sich selbst etwas gutes gönnt, sondern auch noch etwas zum Erhalt dieses Komplexes beiträgt.
Kontakt:
Hospederia Duques de Medina Sidonia
P. Condes de Niebla n 1
(Neben der Kirche Nstr. Señora de la O)
Tel: 956- 360 161
archivo@fcmedinasidonia.com
www.ruralduchesmedinasidonia.com
www.fcmedinasidonia.com