Was sind Fehlsichtigkeiten?
Betrachten wir einen weit entfernten Gegenstand, z.B. einen Baum auf einer Wiese, dann wird dieser Baum in unserem Auge auf dem Augenhintergrund, der Netzhaut abgebildet. Geschieht dies ohne optische Hilfsmittel, also auch ohne Brille und Kontaktlinsen und wird der Baum dadurch deutlich und klar gesehen, dann spreche wir von einem rechtsichtigen Auge, das Auge sieht richtig. Augenarzt und Optiker nennen dies Emmetropie.
Oder physikalisch betrachtet: die Brechkraft des Auges, die sich im Wesentlichen aus der Vorderfläche der Hornhaut und der Augenlinse in Ruhestellung zusammensetzt, entspricht der Baulänge des Augapfels. Oder: der Brennpunkt des Auges kommt genau auf der Netzhaut zu liegen und lässt dort ein scharfes Bild entstehen.
Dies wäre also der Idealzustand. Nur leider „baut“ die Natur nicht immer ideal. Und auch oft nicht unser Auge. Da kommt es schon einmal vor, dass ein Auge etwas zu lang geraten ist, vielleicht nur einen halben oder ganzen Millimeter. Der Brennpunkt entsteht dann vor der Netzhaut. Unser Baum auf der Wiese wird dann auf der Netzhaut unscharf abgebildet.
Oder physikalisch betrachtet: Die Brechkraft des Auges ist zu stark im Verhältnis zu seiner Baulänge. Das Auge ist kurzsichtig, es besteht Kurzsichtigkeit oder Myopie. Der Begriff kurzsichtig kommt daher, weil kurz vor dem Auge befindliche Dinge ohne optische Hilfsmittel scharf gesehen werden können, weiter entfernte aber nicht. Um diesem Auge wieder ein deutliches Sehen zu geben, muss die Brechkraft des Auges abgeschwächt werden, damit der Brennpunkt wieder nach hinten auf die Netzhaut wandert. Das erreichen wir, indem wir vor das Auge ein Brillenglas mit der entsprechenden Minus-Wirkung setzen. Eine Brillenverordnung lautet dann z.B.: sphärisch – 3,0.
Hat die Natur aber unser Auge ein kleines bisschen zu kurz gebaut, dann würden der Brennpunkt und ein scharfes Bild erst hinter der Netzhaut entstehen. Hinter dem Auge kann aber kein Bild entstehen und wir würden in diesem Falle ebenfalls undeutlich sehen. Das Auge ist übersichtig oder auch weitsichtig, es besteht Weitsichtigkeit oder Hyperopie. Unser Baum müßte dann auf einer „weiter als unendlich“ entfernten Wiese stehen, um auf der Netzhaut in unserem Auge scharf abgebildet zu werden. „Weiter als unendlich“ gibt es aber nicht.
Bei Übersichtigkeit muss die Stärke des Auges also erhöht werden. Das erreichen wir, indem vor das Auge ein Brillenglas mit entsprechender Plus-Wirkung gesetzt wird. Auf dem Brillenrezept steht dann z.B.: sphärisch + 1,75.
Damit aber noch nicht genug, denn nur in seltenen Fällen ist die Vorderfläche des Auges sphärisch oder „von Gestalt gleich einer Kugel“. Meistens ist die Hornhaut senkrecht etwas anders gekrümmt als in der waagrechten Richtung. Wir sprechen dann von einer Hornhautverkrümmung oder einem Astigmatismus. Im Auge entsteht dabei nicht nur ein Brennpunkt an falscher Stelle, sondern gleich zwei, die beide vor oder hinter der Netzhaut liegen können oder einer davor und der andere dahinter. Wir sehen undeutlich und bei stärkerem Astigmatismus sogar verzerrt.
Ausgleichen lässt sich dies, indem vor das Auge ein Brillenglas mit senkrecht und waagrecht unterschiedlichen Wirkungen gesetzt wird. Der Unterschied zwischen der einen und der anderen Richtung ist der Zylinder. Auf einer Brillenverordnung steht dann hinter dem sphärischen Wert noch ein zweiter, z.B.: zylindrisch – 1,25. Und die dritte Zahlenangabe, die jetzt noch folgt ist die Achse, denn die Bezugsrichtung des Zylinders kann nicht nur senkrecht oder waagrecht sein, sondern auch in allen Zwischenrichtungen liegen.
Fehlsichtigkeit ist damit keine Krankheit, sondern ein von der Idealgröße etwas abweichendes Auge, so wie der eine Mensch größere und der andere kleinere Füße haben kann. Eine Brille ist auch keine Therapie, denn die Länge des Auges kann nicht geändert werden. Aber ein richtiges Brillenglas verlagert das Bild unseres Baums wieder auf die Netzhaut und wir haben einen deutlichen Seheindruck.
Alwin Kaufmann
Augenoptikermeister - Optometrist
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